ZUR POLITISCHEN ÖKONOMIE DER MUSIK / VORTRAG VON JACQUES ATTALI
16. JAN. / 19.00 UHR / HAU 1

Die Ausnahme Ware
Von Jacques Attali

Als der französische Theoretiker und Finanzexperte Jacques Attali im Jahr 1977 mit seinem bahnbrechenden Essay »Bruits« eine politische Ökonomie der Musik entwarf, war die Digitalisierung noch weit weg. Doch was er schon immer in der Musik hörte, war das brutale Geräusch gesellschaftlicher Veränderung. Musik als Prophetie kommender Verhältnisse. Heute denkt Attali über die Frage nach, wie Musik noch finanziert werden kann, wenn der Tonträger als Einnahmequelle weitgehend entfällt, und macht sich, gegenwärtig als Berater von Präsident Sarkozy, unter anderem für eine Kulturabgabe nach dem Vorbild der Flatrate stark. Zum Auftakt der Tagung spricht Attali über den Funktionswandel von Musik und die veränderten Bedingungen ihrer Wertschöpfung im Zeitalter der Digitalisierung. Zur Einstimmung – erstmals in deutscher Sprache – ein Auszug aus »Bruits«. Der Text folgt einer vollständig überarbeiteten Fassung, die der Autor, sichtlich überrascht und fasziniert von der unter den Bedingungen des Internet sich ergebenden Perspektive eines umfassenden Strukturwandels nicht nur des Musikgeschäfts, sondern von Massenkultur schlechthin, im Jahr 2001 veröffentlicht hat

(... ) Die Gefechte innerhalb der Plattenindustrie künden von anderen, weiter reichenden Schlachten, die auf wesentlich größeren Märkten ausgetragen werden. Auch hier ist die Musik Vorbotin von Veränderungen, die längst nicht nur sie betreffen. Wenn aber die Ökonomie des Marktes die Transformation des Objekts Musik zu einem immateriellen und verkäuflichen Wesen erzwingt, verschmelzen »Repräsentation« (bei Attali in der Entwicklung der Musikwirtschaft das Stadium vor der Einführung von Klangaufzeichnungsgeräten; kommerziell verwertbar waren damals nur Konzerte, also Live-Events, und Partituren, d. Red.) und »Wiederholung« (das Stadium in der Entwicklung der Musikwirtschaft, in der es möglich wurde, identische Kopien von Klangaufzeichnungen in unbegrenzter Stückzahl zu verkaufen, d. Red.) und werden eins.

Die Ökonomie der Musik mündet in der Kommerzialisierung des universellen Spektakels der unendlichen Musiktitelsammlung.

Wenn die »Majors« sich durchsetzen, wird der heute weitgehend kostenlose Handel im virtuellen Raum der Musik wieder zur Sache der Minderheit. Dieser Prozess muss sich durchaus nicht auf die Musik beschränken. Es beginnt eine neue Phase des Kapitalismus, in dem Information zur wichtigsten Ware wird. Deren Wert hängt davon ab, in welchem Maß es gelingt, ihre Nutzer zu (ver)binden. Die Nachfrage wird nicht mehr zuvorderst vom Wunsch bestimmt, sich etwas anzueignen. Es geht darum, dabei zu sein. Das interessanteste Angebot ist nicht mehr Besitz, sondern Zugehörigkeit.

Kulturkapitalismus ist Netzwerkkapitalismus.

Da Musik nicht nur Besitz ermöglicht, sondern auch Zugehörigkeit zu der Gruppe, die Zugang zu ihr hat und von ihr spricht, verkauft die Branche neue Gesprächsthemen und Gelegenheiten, sich Netzwerken anzuschließen. Angebote gibt es in erster Linie für Dienste in den Bereichen Unterhaltung, Gesundheit und Bildung. Die Ware Information wird überwiegend direkt und von kompetenten Agenten vertrieben.

Verkauft wird zuerst der globale Zugang zu Live-Events, deren Ende offen ist, die quasi improvisiert werden: Sportveranstaltungen, politische Veranstaltungen und, wenn auch seltener, Konzerte. Unterhaltung, die wichtigste Freizeitbeschäftigung heute, bieten vor allem Ereignisse, bei denen es am Schluss einen Gewinner gibt. Dabei ist es nicht erforderlich, dass man versteht, was die Protagonisten sich sagen. Jeder möchte die Tore, die fallen, live erleben und als Erster wissen, welcher Kandidat gewählt wurde. Man möchte hautnah dabei sein, um zum Netz derer zu gehören, die online sind. Man möchte gleichzeitig mit den anderen von den Ereignissen erfahren, über die man spricht, kaum dass sie stattgefunden haben. Zeuge sein ist die wichtigste Bedingung der Zugehörigkeit. Es sind die kompetenten Agenten, welche die entsprechenden Veranstaltungen verkaufen: internationale Sportverbände, das Olympische Komitee, Regierungen. Ihr Angebot darf durchaus kostenlos sein: Es rechnet sich ohnehin - durch die Werbung.

Geschaffen werden müssen natürlich die Bedingungen, die den Wunsch nach derartigen Spektakeln wecken. Aktuell stellt Fußball – weit vor Tennis, Rugby und Radsport – das einzig wahrhaft globale Gesprächsthema dar. Noch interessiert man sich jedoch nur dafür, wenn die eigene Mannschaft Aussicht auf Erfolge hat. Der letzte Rest von Wurzeln in einer Welt von Nomaden! Dazu kommen werden im Laufe der Zeit weitere Sportarten, Wettkämpfe, Wahlen, Klassikkonzerte oder andere, besonders intensiv beworbene Shows, ausreichend simple und visuell umsetzbare Quizsendungen, Fernsehprogramme, die von allen verstanden werden, Wettkämpfe, bei denen es um Kraft geht oder um Sex, Zirkusspiele. Auch das Kino steht nicht außen vor und präsentiert immer »massivere« und immer teurere Produktionen. Dabei bleibt der dunkle Saal des Lichtspielhauses einer der letzten Orte, wo man eine Veranstaltung mit anderen zusammen erleben, sich gleichzeitig im Hier und Dort begegnen kann, ohne sich mit der rein virtuellen Berührung der Masse zufrieden geben zu müssen.

Dann verkauft man über das Internet Gesundheitsdienste, die ebenfalls live von kompetenten Agenten vermittelt werden. Schon heute gibt es über 30.000 medizinische Websites weltweit. Siebzig Millionen Amerikaner haben sich bereits online zum Thema Gesundheit Rat geholt. Wenn es um das eigene Leben oder Überleben geht, ist jeder bereit, für den Service zu bezahlen: Man möchte wissen, ob die vorgeschlagene Behandlung die bestmögliche Option ist, man braucht eine zweite Meinung eines Arztes zu dieser oder jener Krankheit, an der man zu leiden glaubt. Verkauft werden die Diagnosen der besten Ärzte an den besten Kliniken. Klassifizierungen, Audits und Rankings von Krankenhäusern in aller Welt helfen den Nutzern bei der Suche nach den besten Anbietern. Unternehmen verkaufen Hilfe für potenzielle Kunden auf der Suche nach den besten Antworten auf ihre jeweiligen Probleme. Man schätzt, dass der Markt der Online-Diagnosen in zehn Jahren ungefähr 500 Milliarden US-Dollar wert sein wird. Das ist der zehnfache Wert des Musikmarktes. Das Problem der Verschlüsselung stellt sich nur da, wo private Daten beim Informationsaustausch geschützt werden müssen.

Schließlich verkauft man auch das Spektakel der Bildung – die virtuelle Schule, das Online-Kolleg. Die Zukunft gehört der Weiterbildung und dem Diplom. Im Angebot ist die Ware Zeugnis, das nicht zum Gegenstand von Piraterie werden kann, nicht der Kurs, der durchaus zur illegalen Aneignung verfügbar wäre. Auch dieser Markt ist groß, denn die aktuell und in Zukunft notwendigen Kenntnisse können auf traditionellen Wegen bald nicht mehr erworben werden. Um den Bildungsbedarf auf »klassische« Weise zu befriedigen, müssten allein die USA in den nächsten zehn Jahren 2,7 Millionen Lehrerinnen und Lehrer einstellen und für 127 Milliarden US-Dollar Schulgebäude renovieren (sie sind im Durchschnitt 42 Jahre alt). Darüber hinaus streben immer mehr Migranten (160 Millionen im Jahr 2025) nach amerikanischen Schul- und Universitätsabschlüssen, weil ihnen die weniger prestigeträchtigen Titel der Bildungsstätten in ihren Ländern nicht genügen. Virtuelle Bildung ist die kostengünstigste Lösung für diese Probleme: Das Wissen kommt zu den Schülern, nicht die Schüler zum Wissen; gelehrt wird ohne räumliche und zeitliche Beschränkung; Zeugnisse werden ohne Grenzen ausgestellt. Die Universitäten vergewissern sich, dass sie ihre Diplome nur denen verleihen, die ihre Einschreibgebühren bezahlt haben. Auch hier gibt es kein Verschlüsselungsproblem: Es nützt nichts, wenn man Kurse belegt, ohne zu bezahlen – es sei denn, man will sein Allgemeinwissen bereichern -, denn die Universität prüft vor der Ausstellung des Zertifikats nicht nur die Kompetenz des Studenten, sondern auch, ob dieser den Unterricht regelmäßig besucht und bezahlt hat. Um Piraterie zu vermeiden genügt es, diejenigen von den Prüfungen auszuschließen, welche die Teilnahmegebühren für ihren Studiengang nicht in Gänze beglichen haben. Im Übrigen kann sich niemand ein Diplom illegal beschaffen, es sei denn, es gelänge ihm, seinen Namen in das von der Universität selbst aktuell gehaltene Verzeichnis der Absolventen einzutragen. Der bereits heute mit 300 Milliarden US Dollar bezifferte virtuelle Bildungsmarkt, sechs Mal größer als der Musikmarkt, wird sich ständig weiter entwickeln. Es müssen Lehrer für neue Technologien geschult werden, es muss schnelle Internetzugänge geben, es müssen eine eigene Pädagogik und spezielle Kurse entwickelt werden.

Die Angebotshoheit liegt also im Wesentlichen bei den Kontrollstellen, die potenzielle Anbieter von Diensten entsprechend ihrer Qualität beurteilen. Private Gesellschaften werden gegründet, um Krankenhäuser und Universitäten zu bewerten. Diese müssen selbst eine hohe Qualität aufweisen und absolut unabhängig sein. Weit mehr als Regierungen sind sie die Schaltstellen der Macht der Zukunft. Sie verkaufen ihre Empfehlungen denjenigen, die sich durch Massen von Websites surfen, sie schaffen oder vernichten Markenimage und Markenwert. Dies ist fraglos eine Rolle, die auch die »Majors«, die großen Musik-, Buch- und Filmverlage als faktische Anbieter selbst weiter spielen wollen.

Die Wirtschaft beschränkt sich damit nicht mehr auf den Handel mit Waren auf einem Markt. Verkauft wird die Teilnahmeberechtigung an globalen Events in einer virtuellen Welt, in der »Repräsentation« und »Wiederholung« fusionieren. Allgemeiner gesagt: Man verkauft im Abonnement das Recht auf Zugehörigkeit zu einem Netz nach dem Muster der Gebühren für die Mitgliedschaft in Clubs oder Vereinen. In diesen Clubs oder Vereinen versammeln sich die Zuschauer, die eine Meisterschaft live verfolgen, Absolventen, die das gleiche Diplom verliehen bekommen haben, Patienten, die sich in der gleichen Klinik behandeln lassen. Menschen also, die nicht bezahlt haben, um »zu haben«, sondern um »dabei zu sein«.

Schließlich gilt es, das Bedürfnis nach dem Erwerb dieser Waren zu wecken. Dies geschieht über Verführung: Der Erwerb selbst wird als Vergnügen gepriesen, der Kaufakt ist Freizeitbeschäftigung. Verhallt der Lockruf ungehört, wirkt vielleicht die Drohung: Etwas fehlt dir, wenn du nicht kaufst. Der moderne Nomade muss begreifen, dass er sterben kann, wenn er sich nicht ständig vergewissert, dass er noch Teil des Netzwerks ist. Das Schlüsselwort des Kulturkapitalismus lautet »Geld oder Leben«. Einmal mehr wird mit Gewalt gedroht und Angst geschürt. Die Gewalt trägt nun das Antlitz der Einsamkeit, die allein durch die Zugehörigkeit zum Netz überwunden werden kann.

Ein solcher Kulturkapitalismus kann jedoch nur erfolgreich sein, wenn er die Bereitschaft, für seine Spektakel zu bezahlen weckt – während andere kostenlos angeboten werden. Er muss Wertschätzung für seine Gesundheitsdienste erlangen – denn sie erfolgen aus der Ferne. Er muss für seine Diplome Wertschätzung wecken – denn sie kommen auf ungewohnte Weise zustande. Manche Musiker spüren den Trend schon heute: Courtney Love erklärt die »Majors« zu den »wahren Piraten« und verklagt Vivendi Universal, um die Rechte zurück zu erlangen, die das große Label durch den Kauf eines kleineren Konkurrenten erworben hat.

In einem solchen Szenario reduziert sich die Marktwirtschaft letztlich auf die Kommerzialisierung von materiellen Objekten und insbesondere auf die Tools der Gratisversorgung. Der Kapitalismus wird Schritt für Schritt zur minoritären Organisation des materiellen Austauschs:

Auf die Ausnahme Kultur folgt die Ausnahme Ware.

Neben dem Versuch der globalen Kommerzialisierung aller Formen des Spektakels und jenseits des Projekts des Kulturkapitalismus erscheint durch die Musik jedoch noch eine andere Form der Gesellschaftsstruktur auf dem Plan, in der Spielen und Arbeiten zum Vergnügen an sich werden, in welcher der Austausch weitgehend entgeltfrei stattfinden kann, aus Freude, um Freude zu machen, um die Freude des Austauschs mit anderen zu erleben. Um mit ihnen zu komponieren (...)

Aus dem Französischen von Lilian-Astrid Geese