RADIO MUEZZIN/ STEFAN KAEGI (RIMINI PROTOKOLL)
WIEDER VOM 13. BIS 16. MAI 09 / 20 UHR/ HAU 2
in Arabisch mit dt. und engl. Übertitelung

Zum ersten Muezzin wurde ein freigelassener Sklave, weil er eine honigsüße Stimme hatte. Noch bis in die 50er Jahre stiegen oft blinde Muezzine auf das Minarett, um den Gebetsruf, den Adhan, in alle vier Himmelsrichtungen über die Stadt zu rufen.

Im heutigen Kairo sind die meisten Muezzine Staatsangestellte, die oft in der Moschee schlafen und nur selten ihre Familie, die im Dorf wohnt, besuchen. Neben dem Ausrufen sind sie nicht selten auch die Hausmeister des Gotteshauses, schließen auf und organisieren die Reinigung.

Über Kairo, der Stadt der tausend Moscheen (in Wahrheit sind es um die 30.000), vermischen sich die Rufe zu einem vielfältigen Klangteppich. Das soll sich jetzt ändern: Der Minister für religiöse Angelegenheiten will nächstes Jahr den zentralisierten Muezzin einführen. Über einen Radiosender soll jeweils ein Ausrufer über einen Radiokanal gesendet und aus allen staatlichen Moscheen gleichzeitig übertragen werden. Damit wird zwar nicht die Vielfalt der Gebetskulturen, aber doch die Kakophonie abgeschafft. Und Tausende von ägyptischen Muezzinen verstummen?

Im Zentrum von „Radio Muezzin“ stehen vier ägyptische Muezzine: ein blinder Koranlehrer, der jeden Tag zwei Stunden mit dem Minibus zur Moschee fährt; ein oberägyptischer Bauernsohn und ehemaliger Panzerfahrer, der täglich den Teppich seiner Moschee saugt; ein Elektriker, der nach einem Gastarbeiterleben in Saudi Arabien und einem schweren Unfall begann, den Koran auswendig zu lernen, und ein Bodybuilder und Vizeweltmeister im Koranzitieren, dessen Korankassetten sich unter Taxifahrern großer Beliebtheit erfreuen. „Radio Muezzin“ lässt sie einem Ingenieur begegnen, der am Assuan-Staudamm gelernt hat, Radiosignale zu verschlüsseln. In einer Moschee aus Teppichen und Ventilatoren werden sie zu Hauptdarstellern einer Rekonstruktion ihres Lebens, zu Ich-Vertretern einer religiösen Kultur, deren vielfältige Gesichter in Europa oft auf einfache Feindbilder reduziert werden. Zwischen ihren Worten und den Videobildern ihres Alltags entstehen neue Stimmbilder, die von der Transformation von Gebetsrufen im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit erzählen.

Nach der Premiere am 03. März in Berlin, wo laute Gebetsrufe verboten sind, kommt „Radio Muezzin“ noch einmal ins HAU, bevor es dann auf Gastspielreise durch Europa geht.

Eine Produktion von HAU Berlin und Goethe-Institut Ägypten.                          
In Koproduktion mit Athens Festival, Bonlieu Scène nationale Annecy, Festival d’Avignon, steirischer herbst festival, Graz und Zürcher Theater Spektakel.
Gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes, Pro Helvetia, Schweizer Kulturstiftung und den Regierenden Bürgermeister von Berlin Senatskanzlei Kulturelle Angelegenheiten. In Zusammenarbeit mit El Sawy Culturewheel, Kairo.