DADDY - TEXT : TRAVIS JEPPESEN , REGIE: RON ATHEY, LOS ANGELES ( in englischer Sprache ) anschl. Premierenparty im WAU
PREMIERE AM 17. JUNI 2009 / 20.00 UHR / HAU 3
AUCH VOM 18. - 20. JUNI 2009 / 21.00 UHR / HAU 3

„I believe the children are the future", aber „My Heart Belongs to Daddy". Die kitschige Pop-Sentimentalisierung der Familie wird in unserer Produktion „Daddy” unehrerbietig auf den Kopf gestellt. Unser DADDY ist ein 11-jähriger Junge, vaterlos, der selbst zum Vater wird. Seine alleinerziehende Mutter, immer bereit für ihr Close-Up, wird zum Kultanhänger und Porn Star für Aliens – und das alles natürlich mit den besten Wünschen für den Sohn. „Daddy“, das neue Stück des amerikanischen Schriftstellers Travis Jeppesen, in der Regie des Künstlers Ron Athey – diese außergewöhnliche Zusammenarbeit haben wir CHEAP-Mitbegründerin und Schauspielerin Susanne Sachsse zu verdanken, die gerne neue künstlerische Allianzen mit ins HAU bringt (CHEAP Blacky von Bruce LaBruce, 2007). Jeppesens perverses, durchaus surrealistisches Drama erforscht die erotische Wechselwirkurg der Fürsorge (Mutter/Sohn, Lehrer/Schüler, Pfarrer/Gemeinde) und hinterfragt dabei die konventionelle Einordnung von Intimität.
"Daddy. You either got one or you is one."

I’ve Written a Letter to Daddy

Endlich hat eine neue Generation ihre Stimme gefunden. Lange genug gedauert hat es ja. Wenn Hubert Selby Jr., William Burroughs, Anthony Burgess, J.G. Ballard und Dennis Cooper sich zusammen einen runterholen und alle ihre Spermien zu einer klebrigen Ursuppe zusammenrühren würden, diese dann in eine Bratenpipette abfüllen und mit der flehentlichen Bitte an Flannery O’Connor überreichten, sich mit dem Inhalt selbst zu befruchten, könnte neun Monate später ein gewisser Travis Jeppesen herausspazieren, der Autor einen neuen Stücks mit dem Titel Daddy. Es ist ein geniales, kleines dramatisches Machwerk, das alle modernen Losungen des Pop enthält, denen Aufmerksamkeit gebührt: Marshall Applewhite und sein Selbstmordkult Heaven’s Gate; die Lehrerin und Kindesmutter/-vergewaltigerin Mary Kay Letourneau und ihr ausgesprochen junger Bräutigam; Entführung und Vergewaltigung durch Außerirdische und Kreuzung mit selbigen; von Granatsplittern durchsiebte Veteranen des Irakkrieges, die nach Guantánamo verbannt werden. Sie sind alle da, die tausend widernatürlichen unangenehmen Überraschungen, deren Erbe das neue Fleisch antritt, alle in der imposanten Form von Daddy.

Geboren in Fort Lauderdale, Florida, aufgewachsen in Charlotte, North Carolina, und ausgebildet in New York City (als maßgeblicher Mentor ist der Autor Bruce Benderson zu nennen), traf Travis Jeppeson im zarten Alter die weise Entscheidung, das verrottende neue Imperium zu Gunsten des schlaffen, faltigen Fleisches des Alten Europa zu verlassen. Insbesondere die betagten Huren Prag und Berlin, die ihn an ihre üppige, vom Gewicht der Geschichte schlaff gewordene Brust pressten, und ihn von der Milch menschlicher Korruption trinken ließen, hatten es ihm angetan. Seine literarischen Ambitionen wurden geschürt und er begann ein literarisches Journal mit dem Titel Blatt herauszugeben und schrieb seinen schlüpfrigen ersten Roman Victims. Jetzt vergreift er sich mit einen Stück an uns, das die unbekümmerte New-Age-Legasthenie Amerikas mit der übellaunigen, syphilitischen Weisheit Europas verbindet, „der herrschenden Klasse des 21. Jahrhunderts“, wie er es scharfsichtig nennt. Travis Jeppesens politische Analyse der neuen Weltordnung lohnt ein ausführliches Zitat:

„Der Europäer, obwohl möglicherweise allmählich am Aussterben, bildet nach wie vor die herrschende Klasse des 21. Jahrhunderts. Primitive Menschen, die nicht in der Lage sind zu führen, werden sich immer auf die bürokratische Kompetenz des Europäers als den ultimativen Quell materiellen Heils verlassen.
Der Amerikaner, der von all den gesättigten Fetten in seiner Ernährung zwar möglicherweise impotent wird, kann sich dennoch stets an der Rechtschaffenheit seiner imperialistischen Ambitionen zu Tode fressen und wird sich trotz seiner Schlaffheit auch weiter als führend betrachten. Es verhält sich ganz ähnlich wie beim unaufhörlichen Wettstreit zwischen Evolution und Degeneration: Der Amerikaner hat Gott auf seiner Seite, während das Heil des Europäers in eben seiner Gottlosigkeit liegt. Alle seine Ikonen wurden in äußerst rentable Touristenattraktionen verwandelt, leicht erkennbare Symbole wirken beruhigend in der einzigen Sprache, die eine Rolle spielt. Es ist unmöglich geworden, sich in europäischen Städten zu verlaufen – McDonald’s ist nie weit entfernt. Wir schwelgen in unseren Ähnlichkeiten und zerstören so alle erkennbaren Konzepte des anderen, verwahren diese sicher in der Welt der Bilder, die gleichbedeutend sein soll mit Illusion.“

Aber bevor Sie dem Wahnsinn anheimfallen: Beachten Sie bitte, dass diese Polemik in Daddy nicht von einem affektierten Professor vorgebracht wird, sondern von der Figur Missus Pringles, einer alleinerziehenden weißen Mutter, die darum kämpft, eine international gefeierte Theaterschauspielerin zu werden, auch wenn das bedeutet, ihren einzigen Sohn im Stich zu lassen, dessen Vater tragischerweise von Walrössern gefressen wurde! Die scharfsinnige politische Analyse in diesem Stück wird durch eine derbe Farce á la Joe Orton vermittelt und nicht durch fade didaktische Methoden. Das Gewissen des Stücks, ein schwarzes Mädchen aus dem Sozialwohnungsghetto, das ordentlich Holz vor der Hütte hat und den Namen Derika Taleisha Latorrah Alexander trägt, führt die ethnischen Beziehungen in Amerika in ungeahnte Höhen mit ihren selbstgesponnenen Auslegungen, als da wäre: „Jeder hat einen Daddy. Entweder hast du einen oder du bist einer.“ Und wenn man Pornografie hinzufügt, Judge Judy, evangelikale Predigten und die Kunst in Zungen zu reden, ganz zu schweigen von einem Frauenkult, dessen Mitglieder allesamt Belinda heißen und einer überlegenen außerirdischen Rasse, die mit ihrem eigenen charakteristischen Vokabular spricht, kann man mit Fug und Recht behaupten, dass Daddy nicht einen Augenblick langweilig ist.

Bruce LaBruce