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KUNST & VERBRECHEN: ART WITHOUT CRIME IM HAU1, HAU2 UND HAU3 31.10.-2.11. |
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www.kuv.dpklinik.de Spielplan Kunst & Verbrechen als PDF
§1 Kunst soll Kunst sein! Wir eröffnen das Hebbel am Ufer mit einer Trauerfeier: Vadim Zakharov erweist Marcel Proust die Ehre und versetzt ihn in die Logik von Kafkas Prozess: Am Ende der Verhandlung wird das Gebäck Madeleine als weltliches Äquivalent des christlichen Gedächtnisleibs erschossen. „Kunst & Verbrechen“ beginnt mit dem Ende, mit einer Gedenkfeier für die verblichene Madeleine. Die Trauergemeinde zieht durch die Stadt und betritt zum Schluss das Theater. Das Requiem auf den Tod des Madeleinegebäcks ist eine Zusammenarbeit von Vadim Zakharov, dem Komponisten Ivan Sokolov und der Sängerin und Flötistin Natalia Pschenitschnikova.
§2 Kunst soll subversiv sein! Christoph Schlingensief hält eine Ansprache in eigener Sache. Mit seinem „Erlösungssegen“ wird er am Freitagabend nicht nur die neue Spielstätte segnen, sondern auch die Kunst vom Zwang zur Überschreitung reinigen.
§3 Kunst soll unterhalten! Die Kult-Gruppe Leningrad, die am Freitagabend im HAU1 ein Konzert gibt, ist bekannt für ihre unkorrekten Konzerte. 1997 von Sergej Shnurov ("Shnur") in St. Petersburg gegründet, spielt die aus 15 Musikern bestehende Band eine Mischung aus Ska, Punk und Balkanbeats. Ihre Texte sind inspiriert von Shnurs Lieblingsschriftsteller Vladimir Sorokin, ihre Konzerte werden in Russland immer wieder verboten und kurzfristig abgesagt.
§4 Kunst soll die Wirklichkeit abbilden! Gianni Motti zeigt sein Video „Shock and Awe“, das George W. Bush in jenen vier Minuten zeigt, die er vor seiner Ankündigung der Bombardierung des Iraks versehentlich auf Sendung war. Hans-Werner Kroesinger beschäftigt sich in seiner Arbeit mit der Besetzung des Moskauer Musicaltheaters durch tschetschenische TerroristInnen und der Pressefreiheit in Russland.
§5 Kunst soll dem Gemeinwohl dienen! Die Gruppe Radek Community stellt eine „Illegale Bibliothek“ zusammen: Sie klauen Bücher revolutionären Inhalts und stellen sie der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung. In einer Videoperformance zeigen sie ihre Techniken des Diebstahls der Bücher, die zum Bibliotheksbestand gehören.
§6 Kunst darf die Wirklichkeit nicht abbilden! Carlos Amorales nimmt die mexikanische Tradition des Wrestlings auf. In seiner Arbeit „Amorales vs. Amorales“ kämpft er in einem Teufelskostüm gegen sich selbst: vier Männer kämpfen in identischen Kostümen in einer einstudierten Choreographie gegeneinander. Aus Petersburg kommen der Maler und Performancekünstler Vladimir Kustov und der Gerichtsmediziner Victor Punchenko. Beide analysieren am Freitagabend in einer Lecture- Performance Seite an Seite einen Mord - jeder auf seine Weise: Kustov mit künstlerischen Mitteln, Punchenko mit dem Instrumentarium der Gerichtsmedizin.
§7 Kunst soll aufrichtig sein! Julia Kissina gibt ausgewählten Kunstkritikern und Künstlern die Möglichkeit, in einer Gewahrsamszelle der Polizei Berlin-Schöneberg ihre Verbrechen im Namen der Kunst zu büßen. Am Sonntagabend um 20. 00 Uhr im HAU1 zeigen wir den Film, der bei der Aktion gedreht wird.
§8 Der Zuschauer soll zum Co-Autor werden! Gibt es jemanden aus dem Kunstbetrieb, den oder die sie schon lange loswerden wollten? Elena Kovylina bietet ihre Dienste als virtuelle Auftragsmörderin an. Aufträge, die sie im Stile klassischer Mordszenen aus der Geschichte des Verbrechens erledigen wird, können gegen eine geringe Gebühr online oder vor Ort im HAU 1 in Kovylinas "Virtual Killer Office" abgegeben werden.
§9 Kunst muss wirken! Darius James, Minerva Cuevas und Pavel Pepperstejn fragen am Samstagabend im HAU 1 nach dem Potential religiöser und politischer Rituale. Darius James rekonstruiert ein magisches Ritual aus einem expressionistischen Film der 20er Jahre, der von den Nazis zerstört worden ist. Er verfolgt dabei die
unausgesprochene Vermischung westlicher Kunsttraditionen mit afrikanischen magischen Praktiken. Die mexikanische Künstlerin und Aktivistin Minerva Cuevas (Mejor Vida Cooperation) knüpft daran an: Vor dem Hintergrund moderner ‚magischer Dienstleistungen’ in Mexiko dirigiert Minerva Cuevas mit „Houston, we have a Problem“ ein politisches Voodoo-Ritual. Pavel Pepperstejns fragt in "Hypnose" nach dem Subjekt und Objekt der Hypnose: „Ein Mädchen und ein Penis auf Augenhöhe“. Auf die filmische Hypnose folgt eine Lecture über das suggestive Potential von Kunst.
§10 Kunst soll originell sein! Robin Rhode wird versuchen, auf der Bühne in ein Auto einzubrechen.
Programm vorab Schon im Vorfeld des Festivals lädt die Gruppe Rimini Protokoll zum Gegenbesuch an den Ort des Urteilens ein. Moabit – das größte Strafgericht Europas – soll in Augenschein genommen werden, denn Lokaltermine sind selten gewordene Tatortbegehungen. Die Zuschauer, die nur nach erfolgter Anmeldung (telefonisch unter 25900472 oder kvb@hebbel-am-ufer.de) und bei Vorlage des Personalausweises teilnehmen können, werden im Konferenzsaal des Moabiter Gefängnisses begrüßt, von Experten des Strafjustiz-Betriebs in den Spielplan der Berliner Justiz eingeführt und zur Verhandlung begleitet. Zwischen und nach den Fällen wird erläutert, hinterfragt und Suppe gegessen. Wie sind die juristischen Rollen verteilt? Wie wird Gerechtigkeit dargestellt? Am späten Samstag nachmittag versammeln sich ein Anwalt, ein Staatsanwalt, eine Geheimzeichnerin, ein Schöffe, ein Richter, ein Zeuge, ein Wachtmeister, eine Gerichtsjournalistin und andere zu einem großen Tafelgericht. Der Salon debattiert und assoziiert die Rituale der Justiz. Michael Zinganel bietet schon ab dem 29.10.03 - beginnend mit einem öffentlichen Vortrag - einen Workshop an, der in die Spurensicherung und (Re-)Konstruktion eines fiktiven Kriminalfalles einführt. Dabei kommen vielfältige Techniken der polizeilichen Spurensicherung, Dokumentation und Überwachung zum Einsatz. Um verbindliche Anmeldung wird gebeten unter Tel. 25900472 oder an kvb@hebbel-am-ufer.de. Am 1.11.03 moderiert Michael Zinganel live „High Crime“. In einem Bühnenbild nach „Aktenzeichen XY“ belegen kurze Beiträge von „ExpertInnen“ zu ausgewählten Kriminalfällen die Marxsche These der Produktivkraft des Verbrechens.
Julia Kissina wird Kunstkritikern und Künstlern die Möglichkeit geben, in einer Gewahrsamszelle der Polizei Berlin-Schöneberg ihre Verbrechen im Namen und gegen die Kunst zu büssen und durch den Akt der Offenlegung zu begleichen. Der dabei gedrehte Film wird am Sonntag abend um 20.00 Uhr im HAU1 zu sehen sein. Außerdem wird Julia Kissina in der Justizvollzugsanstalt für Frauen mit den Insassinnen ein Projekt durchführen. In Kooperation mit RAB sendet die Kreuzberger Musikalische Aktion (KMA) vier Sendungen zu Kunst und Verbrechen. Beginnend am 6.10.03 berichtet Rouven Zietz immer Montags von 18.00 bis 19.00 auf UKW 94,7 aus der Perspektive von Jugendlichen über ausgewählte Künstler und Aktionen.
Die Experten Am Sonnabend und Sonntag Nachmittag wird im HAU 2 in Vorträgen der Zusammenhang zwischen Gericht und Theater, zwischen juristischen und ästhetischen Praktiken untersucht: Cornelia Vismann eröffnet mit ihrem Beitrag „Theater und Gericht“, in dem sie beider Verwandtschaft auf die Spur kommt, das Vortragsprogramm. Michail Ryklin berichtet vom öffentlichen Prozess gegen die Moskauer Ausstellung „Achtung Religion!", Albrecht Koschorke spricht über „Götterzeichen und Gründungsverbrechen“. Seine These ist, dass in vielen Ursprungsmythen die staatliche Ordnung, Institutionen und Recht auf paradoxe Weise durch ein anfängliches Verbrechen gestiftet werden: „Das Verbrechen geht dem Rechtszustand voraus; es macht ihn allererst möglich". Kembrew McLeod, Autor des Buches 'Owning Culture. Authorship, Ownership, and Intellectual Property' wird darüber berichten, wie er sich 1998 in einem inszenierten Gerichtsverfahren die Rechte am Ausdruck "Freedom of Expression" sicherte. Anfang dieses Jahres machte er die Öffentlichkeit auf sich aufmerksam, als er einem Telekommunikationsriesen die Aufforderung schickte, von der Nutzung 'seines' Ausdrucks ohne seine Genehmigung abzusehen. Außerdem sprechen Katja Degot über Kunstkritik als Gericht, Igor Tchoubarov zu „Transgression und Revolution“ und Bojana Pejic über Kunst und Krieg.
Von und mit Diskursive Poliklinik. Kuratiert von Stefanie Wenner, Sylvia Sasse und Anselm Franke. In Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für Politische Bildung und den Russischen Kulturtagen. Medienpartner taz und Radio 1 www.kuv.dpklinik.de
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