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Peter Stamer: Was war für dich der Ausgangspunkt, dich mit dem Text ‚Bartleby – The Scrivener’ von Herman Melville zu beschäftigen? Claudia Bosse: Matthias Lilienthal hat mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, mit dem Stoff im Hebbel am Ufer zu arbeiten. Ich habe jahrelang mit dem ‚theatercombinat’ in allen möglichen Architekturen theaterfremder Bauten gearbeitet und es hat mich gereizt, in den Theaterraum zurückzugehen. Nicht in irgendeinen, sondern eben in so einen historischen Theaterort wie das Hebbel-Theater, um dort zu untersuchen, was die Gesetze des Theaterraums sind, die dort eingeschrieben sind. Mich hat interessiert, dort einen Arbeitsort zu etablieren, der keinen Repräsentationsraum darstellt, sondern einen Ort für unterschiedliche Untersuchungen, die sich mit dem Theaterraum und dem Bartleby-Text befassen. Wie bist Du auf die Idee gekommen, das Theater für die Dauer von 100 Stunden zu einem Ort der Belagerung zu erklären? Ich wollte von Anfang kein Projekt machen, das auf einen überschaubaren und vor allem bewältigbaren Zeitrahmen setzt. Was mich mehr interessiert hat, war der Versuch, das gesamte Projekt in einen Zeitraum einzugliedern, der unweigerlich mitspielt, weil er alles, was in dieser Zeit geschieht, in den Griff nimmt: die Performer, die Vortragenden, die Zuschauer. Man kommt aus dieser Struktur, sofern man sie durchsteht, nicht raus, sie wird sich durch Müdigkeit oder Aufmerksamkeitsverschiebungen unwillkürlich über einen stülpen. Die konkrete Zahl 100 ist dabei mehr oder minder willkürlich gewählt, sie widersteht halt dem üblichen Veranstaltungs- oder Theaterzeitrahmen von vielleicht zwei bis maximal fünf Aufführungsstunden… ![]() … in welchem es die Zeitaufteilung es einem leicht macht, ‚Kunst’ zu konsumieren, während hier nichts in kleine Häppchen, wenn man so will, von Szenen, Aufzügen, Raumübersichten heruntergeschnitten wird. Genau. Daneben greifen wir auch in die Raumaufteilung ein. So wie die Dauer ab einem bestimmten Zeitpunkt anfängt, in die Wahrnehmung aber auch die Produktion selbst hineinzuwuchern, diese zu befallen, so soll auch die Rauminstallation eine andere Wahrnehmung des angestammten Theaterraumes ermöglichen. Sie hebt nicht nur die Funktionsaufteilung von Zuschauer und Darsteller auf, sie wird auch den Zusammenhang von ‚Privatem’ und ‚Öffentlichem’ anders definieren helfen. Das stellen wir uns so vor, dass wir im gesamten Theater einen einheitlichen Boden verlegen, der Spiel- und Schaufläche vereint; darauf stellen wir Betten, in welchen es sich alle Anwesenden bequem machen können, abschalten, schlafen, wann immer sie wollen. Zeit und Raum gehen also insoweit Hand in Hand, dass sie den Rahmen von Anwesenheit, Aufmerksamkeit, deren Bewältigbarkeit sprengen. Und umgekehrt damit sicher auch eine andere Qualität von Konzentration bei den Beteiligten liefern. Das Projekt beschäftigt sich schon dem Titel nach neben der Dimension von Theater als Zeit-Raum-Gefüge auch mit Melvilles Text. Wo liegen nun die konkreten Anknüpfungspunkte, Übersetzungen zwischen dem Text, einer Büro-Erzählung aus dem 19. Jahrhundert, und dem HAU 2004? Zum einen werden wir ja den Text oder eine noch zu erarbeitende Fassung des Textes buchstäblich an die Wand schreiben. Buchstäblich meint hier wirklich Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort. Der Text wird sich also niederlassen im Theatergebäude, auf den Wänden, in der gegebenen Architektur. Dennoch sehe ich den Text aber eher als eine Art Horizont, vor welchem das, was wir da vorhaben, in Erscheinung treten kann, dimensioniert wird. Bartleby ist nicht das Libretto für unser Projekt, wir liefern nicht die theatrale Anekdote zur Erzählung. Nein, Bartleby macht zum Beispiel Raum- und Zeitbezüge deutlich, die das Koordinatensystem unserer angestammten Wahrnehmung und Praxis erschüttern, sowohl im Alltag auch in der Rezeption von Kunst. Diese Erschütterung befragt ganz grundsätzlich unsere sozialen Verhaltensweisen, die immer über mehr oder minder verschwiegene Verträge geregelt sind. Es ist der Common Sense, den Bartleby aussetzt, eben das, was für ‚normal’ zu gelten hat, in seiner Normalität aber nur ‚als normal’ konstruiert ist. Um auf Dein Beispiel des Büros zu kommen: ein Büro verfügt über eine klare Arbeitsteilung, gewissen Hierarchien, Termindruck, darin arbeiten Menschen in ihren Funktionen, ein Büro unterliegt halt auch einer bestimmten Art von Arbeitsorganisation. Diese Organisation fällt aber nicht vom Himmel, sondern ist gewachsen, unterliegt gewissen Regeln. Sie ist das Ergebnis einer gewissen sozialen Übereinkunft, die diese Struktur ermöglicht. Und dennoch ist diese Übereinkunft höchst wacklig, instabil, wenn sie genauer unter die Lupe genommen wird, wie Bartleby es tut. Wir nehmen mit unserem Projekt diese verschiedenen Übereinkünfte, die das Theater hervorgebracht hat, auch unter die Lupe und schauen uns das alles in seiner Funktion als Bedingungsgefüge genauer an. Vielleicht könnt man sagen, dass das Bild des Büros, was ja ein Ort von Arbeit ist, insofern unser Projekt mitbestimmt, als wir in den 100 Stunden eine Art ‚Laboratorium’ einrichten, in welchem ja auch gearbeitet wird im Sinne einer theatralen Erforschung, Untersuchung. zurück zur Startseite |