Logo des Hebbel am Ufer

Addisu Demissie - Return to Sender

Wir haben am Festival "Return to Sender" beteiligte Künstler gebeten, einen offenen Brief zu schreiben. Adressat und Inhalt waren frei wählbar. Es kamen sechs Einsendungen zurück, die hier dokumentiert sind.
Ein Brief an unsere äthiopischen Patrioten


Liebe Yeethiopia Arbegnoch ,

ich danke Euch, äthiopische Patrioten, die Ihr Euer Leben für Äthiopien und sein Bestes gegeben habt. In der Schlacht von Adwa habt Ihr die Kolonialisierung unseres Landes abgewendet.

Voller Bewunderung schaue ich auf Euren Einsatz und Eure endlose Liebe für Euer Land. 1941 habt Ihr auf dem Ostafrikafeldzug die Italiener geschlagen und die Besatzung Äthiopiens beendet. Für mich seid Ihr die erste Generation. Ihr, die Ihr barfuß und ohne moderne Waffen gekämpft habt, seid die wahren Äthiopier. Ihr seid zu Helden geworden, indem Ihr die italienische Armee besiegt und Äthiopiens Unabhängigkeit bewahrt habt. Nur mit Eurem Stolz und Eurer Unbeugsamkeit habt Ihr Euch der italienischen Armee entgegengestellt. Mit Eurem unerschütterlichen Glauben und Eurer Hingabe an Gott seid Ihr für meine Generation ein Sinnbild der Stärke unseres Volkes. Ihr habt unermüdlich Tag und Nacht gekämpft, angetrieben allein von dem Gefühl, einer Nation anzugehören. Manchmal wünsche ich mir, ich hätte damals schon gelebt, als die Menschen noch ein Bewusstsein ihres eigenen Wertes und ihrer eigenen Identität hatten. Es erscheint uns heute als ein Wunder, dass Ihr, die äthiopischen Patrioten, gesiegt habt. Ihr wart ungenügend ausgebildet und spracht die unterschiedlichsten Sprachen, zudem waren das Terrain und das Wetter äußerst schwierig, und dennoch habt Ihr Mussolinis Traum von einem italienischen Reich in Ostafrika verhindert.
Womöglich erkennt meine Generation nicht das Opfer, das Ihr gebracht habt, um die Kolonialisierung Äthiopiens zu verhindern. In meiner Generation, die ich die dritte Generation nenne, herrschen unterschiedliche Ansichten über den Krieg.

Manche Leute meinen, Ihr Patrioten hättet für etwas gekämpft, das es nicht wert war. Ihr, die tapferen Äthiopier, die Ihr Euer Leben gegeben habt; Ihr, die Familien, die ihre Söhne, und die Frauen, die ihre Männer verloren habt; Ihr, die Tausende Menschen, die Ihr Arme und Beine verloren habt und all die anderen, deren Blut vergossen wurde. Diese Leute jedoch glauben, dass all die Opfer vergebens waren. Die Kolonialisierung hätte Äthiopien sogar nutzen können, sagen sie. Das Land hätte schnellere Fortschritte gemacht, die Menschen hätten ein besseres Leben gehabt, und wir wären heute eines der am weitesten entwickelten Länder Afrikas. Ich kann mir gut vorstellen, wie Eure Generation darauf reagieren würde: Ihr würdet Euch für meine Generation schämen und dafür, dass die jungen Leute ihre Identität für ein Steinhaus, ein Sofa und einen Fernseher verkaufen. Habt Nachsicht mit ihnen, sie sind nur verwirrt! Die Welt ist heute komplex und global vernetzt.

Doch noch immer gibt es unzählige Menschen, die davon überzeugt sind, dass Ihr, unsere Patrioten, Euer Leben zum Nutzen Äthiopiens und seiner Menschen gegeben habt. Sie erkennen, dass ein Mensch, der seine Kultur und seine Traditionen aufgibt, dafür einen hohen Preis zahlt. Wäre Äthiopien zu einer Kolonie geworden, dann hätte es womöglich alles verloren, seine Identität, seine Einzigartigkeit, seine religiösen Traditionen und das Verhältnis zu Gott, sein nationales Erbe und seine nationalen Schätze. Die Generation nach der Euren, ich bezeichne sie als die zweite Generation, war hellsichtig, und sie hegte denselben Wunsch wie Ihr von einer Nation, die auf Verantwortungsgefühl, Begeisterung, Kreativität und Ehrgeiz beruht. Es war eine Generation, die einerseits die eigene Kultur und Überlieferung annahm und respektierte und damit die eigene Identität wertschätzte, und andererseits offen für die Moderne und den Fortschritt war.

Liebe Patrioten, ich wünschte, Ihr könntet unsere Situation heute verstehen: Die Welt, in der wir leben, ist nicht mehr so, wie Ihr sie einst zurückgelassen habt. Sie ist korrupt und voller Egoismus. Heute erleben wir eine andere Form des Kolonialismus mit all den äußeren Einflüssen, denen eine Gesellschaft ausgesetzt ist. Da Äthiopien zu den sogenannten „unterentwickelten Ländern“ der Erde gehört, ist bei uns der Einfluss fremder Vorstellungen noch stärker als in anderen Ländern, und uns werden Werte aufgezwängt, die nicht die unseren sind. In gewisser Weise sind wir nun, ob es uns gefällt oder nicht, zu einer Kolonie geworden. Wir mögen den Kolonialisierungen des 20. Jahrhunderts entkommen sein, doch der materialistische Lebensstil sickert in unsere Gesellschaft ein und lockt das Land in die Falle der modernen Kolonialisierung.

Jeder sollte das Recht auf ein besseres Leben und auf Veränderungen haben, die seiner Gemeinschaft nützen. Dennoch muss die Identität der Menschen erhalten und respektiert werden. Wir werden nie den Weg in die Zukunft finden, wenn wir wie unsere Nachbarn leben oder den Lebensstil anderer Länder nachahmen. Kein Land profitiert von der Kolonialisierung; wir müssen sie verhindern. Jeder sollte seine eigenen Entdeckungen machen und für sich herausfinden, wann, warum und wie er etwas bei sich einführen möchte.

Bevor ich nun meinen Brief an Euch beende, liebe Patrioten, möchte ich Euch noch etwas fragen: Was haben wir heute davon, dass wir nicht zur Kolonie geworden sind? Und wie habt Ihr das geschafft? Ich danke Euch von Herzen. Mögen jene, die noch unter uns sind, noch lange leben, und all jene in Frieden ruhen, denen das nicht beschieden ist. Ihr seid die wahren äthiopischen Helden, und wir werden uns für immer an Eure Namen erinnern.

Addisu Demissie