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Bleiben oder Gehen, Erniedrigung und Unabhängigkeit

Kornél Mundruczó im Gespräch mit Matthias Pees (Wiener Festwochen) über "Szégyen/Schande"

Szégyen/Schande war vom 8.–10.11.2012 in HAU2 zu sehen.

Matthias Pees:
Nachdem Du Dich so lange mit Coetzees Roman beschäftigt hast: Was ist Deiner Einschätzung nach sein Kern?

Kornél Mundruczó:
Ich habe vor allem mehr und mehr das Gefühl dafür bekommen, dass er über uns ist. Das befürchte ich eigentlich schon seit 6 Jahren, als ich ihn das erste Mal gelesen habe. Es war überhaupt toll, wieder mit einem Roman arbeiten zu können. Sorokins „Eis” war meine letzte solche Arbeit, wo sich meine Welt und die des Romans auf diese Weise begegnet sind. Coetzee war eine ebenso große Entdeckung für mich, denn ich hab sehr viel von dem Roman bekommen, ohne mich selbst aufgeben zu müssen. Das bestätigt mich darin, dass man sich mit Widersprüchen beschäftigen darf. Dass diese Widersprüche die Bedeutung selbst sind. Denn „Schande” ist ja kein Story-Roman, nicht die Handlung ist das Interessante. Und doch gibt es zwei wichtige Geschichten im Buch: die eine ist die Geschichte von einem weißen Mann aus dem europäischen Kulturkreis und von seinem Abstieg und Niedergang, die Geschichte von seinem Weg in den Abgrund. Die andere ist die Geschichte von der Neuaufteilung eines Landes. Von Land. Das ist ein Vorgang, den auch wir nachvollziehen können.

Pees:
Kann man dabei von einer Umkehrung der kolonialen Macht- und Besitzverhältnisse sprechen? Werden nunmehr wir kolonialisiert, die ehemaligen Kolonialherren der Welt?

Mundruczó:
Ja. Mir gefällt sehr, dass Coetzee zwar nie direkte Kritik übt an unserer europäischen Kultur und Gesellschaft, wir aber angesichts seiner Schilderungen nicht umhin können, zuzugeben, dass die Kolonialisierung letztlich der einzige effektive Impuls gewesen zu sein scheint, der von uns, den „Weißen”, und unserem Kulturraum ausgegangen oder übrig geblieben ist.

Pees:
In Deiner „Schande”-Inszenierung gibt es keine schwarzen Darsteller, auch keine schwarz geschminkten. Welche Rolle spielen Hautfarbe und Rassismus in dieser weltweiten sozialen und kulturhistorischen Frage nach Besitz und Herrschaft?

Mundruczó:
Wir leben in einem weißen Land inmitten von Europa. Meine Vorstellung von Südafrika ist also eine reine Phantasiewelt. Alle weißen Nationen haben, jede weiße Gemeinschaft hat ihre eigenen Schwarzen. Und jede schwarze Gesellschaft hat ihre Weißen. Das ist für mich eine absolut abstrakte Situation der menschlichen Existenz, also letztlich eine Frage der Macht der Menschen über Menschen, und was für ein Tier der Mensch selber ist. Meine Aufführung beschäftigt sich am Ende mit genau dieser Konsequenz aus dem Rassismus.

Pees:
Deine Theaterarbeiten spitzen die Frage nach der conditio humana radikal zu, und fragen zugleich nach dem Zustand unseres Humanismus. Wie steht es um unseren Anspruch auf ein würdiges Leben, um die Menschenwürde in der Wirklichkeit? Ist das Theater ein Katalysator, um die extreme Erniedrigung und Demütigung zu ertragen, weil ein Schauspieler auch nach den schlimmsten Szenen und Situationen aufsteht, dem Zuschauer in die Augen sehen und ein Lied singen kann?

Mundruczó:
Mir geht es darum, das Intellektuelle zu entblößen, den nackten Geist zu zeigen. Dazu brauche ich Gesten, die sehr nah gehen, die unüblich sein mögen am Theater und manchen auch unerträglich. Eine andere Aktivität und Kollektivität. Damit Theater nicht nur ein Ort zum Nachdenken ist, sondern des tatsächlichen Erlebnisses, einer wirklichen Erfahrung. Und das geht nur durch die Existenz von Menschen. Im Grunde ist das ganze Projekt meiner Theaterarbeit also romantisch. Nicht im sentimentalen Sinne, sondern in dem Sinne, dass alles aus einer Verletzung heraus entsteht, einem Schmerz.
Wir haben viel Erfahrung mit Erniedrigung. Ich denke, dass der einzige Weg, unsere Würde zu wahren, die Unabhängigkeit ist. Wenn einem die Unabhängigkeit genommen wird, ist es schwer, Würde zu bewahren, ein freier Mensch zu sein. Deshalb funktioniert diese Theatergruppe so gut. Das bin ja nicht ich, das ist die Gruppe, die es schafft, ihre Unabhängigkeit trotz ungeheurer Schwierigkeiten zu bewahren. Es sind alles unabhängige Menschen, obwohl die Hälfte zur Zeit keine Arbeit hat. Die Aufführung geht auch darum, dass alle frei sind. Im letzten Bild werden die Hunde an das Publikum verkauft. Jeder Hund, so wird erzählt, kommt aus einer anderen ungarischen Stadt: das sind Städte, in denen die Schauspieler geboren wurden.

Pees:
Ist der Grund für die extreme politische und gesellschaftliche Situation in Ungarn, die Mehrheit der Rechten und extremen Rechten, auch ein Schrei nach Unabhängigkeit, nach Anders-sein-wollen selbst im abstoßenden Sinne?

Mundruczó:
Aus jeder Erniedrigung entsteht Extremismus. Die Deutschen haben ja auch Erfahrungen damit gemacht im 20. Jahrhundert. Auch Ungarn wurde im Verlauf seiner Geschichte oft erniedrigt. Ich denke, man kann sich in Ungarn mit der Figur der Lucy sehr gut identifizieren. Am Anfang fand ich ihren Entschluss – ihre Vergewaltiger nicht anzuzeigen, ihre Schwangerschaft nicht abzubrechen und den Ort des Verbrechens, ihr Land nicht zu verlassen, sondern sich den neuen Verhältnissen unterzuordnen – völlig absurd. Aber jetzt nicht mehr. Die Frage von Gehen oder Bleiben ist für mich eine sehr ungarische Frage. Es gibt für das Bleiben keine rationale Erklärung, dieser Entschluss kommt von ganz anderswo her. Die Menschen im Allgemeinen haben sehr selten Antworten, sie kommen einfach nicht so weit. Lucy an sich ist eine Antwort.
Ich habe das Gefühl, noch nie ein so ungarisches Stück gemacht zu haben, obwohl mein Ausgangsmaterial, in diesem Fall Coetzees Roman, noch nie so weit entfernt von Ungarn spielte. Zunächst erschien es mir sehr weit weg, ganz und gar fremd. Doch je mehr wir uns mit dem Text beschäftigt haben, desto überraschter war ich darüber, wie nah mir die Fragen kamen. Es handelt von uns. Es ist viel ungarischer als „Eis”, „Frankenstein-Projekt” und „Es ist nicht leicht ein Gott zu sein”. Die politische Landkarte ist in großer Änderung begriffen zur Zeit und ich bin gespannt, wie aktuell die Frage der Neuaufteilung sein wird.