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Bouchra Ouizguen – Return to Sender

Wir haben am Festival "Return to Sender" beteiligte Künstler gebeten, einen offenen Brief zu schreiben. Adressat und Inhalt waren frei wählbar. Es kamen sechs Einsendungen zurück, die hier dokumentiert sind.
Sehr geehrter Herr Generalkonsul,

ich erlaube mir, mich in meiner Tätigkeit als Choreografin und Leiterin der zeitgenössischen Tanzkompanie Originale an Sie zu wenden und möchte Sie über einen Vorfall informieren, der in dem französischen Konsulat in Marrakesh stattgefunden hat.

Wie vereinbart bin ich am 25. November um acht Uhr mit meinen Kollegen an der Visa-Antragsstelle eingetroffen, da wir um diese Uhrzeit einen Termin unseren Antrag betreffend hatten. Um die einwandfreie Kommunikation auf Französisch zu gewährleisten und die Kohärenz des Antrages zu garantieren, lag es mir am Herzen die Künstler zu begleiten, um gegebenenfalls alle notwendigen zusätzlichen Informationen liefern zu können, die ihren Antrag auf Visa der Kategorie C begründen.
Unmittelbar nach unserer Ankunft (wir waren die ersten vor Ort), informierten wir den Sicherheitsbeauftragten für den Besucherempfang, dass es sich um den Visaantrag einer Künstlergruppe handle, damit unser Antrag kollektiv bearbeitet würde.

Kaum hatten wir den Schalter erreicht, und bevor die Sachbearbeiterin unseren Antrag zur Kenntnis genommen hatte, wies sie auf aggressive und erniedrigende Art und Weise den Sicherheitsbeauftragten zurecht, er solle ihr nicht „ihre Arbeit vorschreiben, ihr erklären was sie zu tun hätte”. In dieser äußerst angespannten Atmosphäre, in der ich mich sehr unwohl fühlte, versuchte ich die Situation zu entschärfen und Missverständnisse zu verhindern, indem ich erklärte, dass ich für die Gruppe zuständig sei und alle Originaldokumente in den Händen hielte.

Zu meiner Überraschung wurde ich ebenso abschätzig empfangen und die Sachbearbeiterin gab mit lauter Stimme Schimpfwörter von sich, die ich hier nicht zu wiederholen wage. Daraufhin drehte sie sich nach rechts zu ihrer jungen Kollegin und sagte hinter der Glasabtrennung, für mich deutlich hörbar: „Hast du gesehen wie die da mit mir redet? So früh morgens geht die mir schon verdammt auf die Nerven.”

Herr Generalkonsul, nun war ich nicht mehr überrascht sondern schockiert, dass dieser Umgangston von einer Vertreterin des diplomatischen Dienstes an den Tag gelegt wurde. Ich habe es vorgezogen, zu diesem Zeitpunkt auf die Beschimpfungen und Erniedrigungen, denen wir ausgesetzt waren, nicht zu reagieren.

Nach diesem Vorfall nahm sich die Dame endlich die Zeit unseren Antrag anzusehen, informierte sich bei einer anderen Stelle  und kam lächelnd zurück. Sie lobte sogar eine meiner Aufführungen, die sie im Institut Français in Marrakesh gesehen hatte. Diese Komplimente, mögen sie ehrlich gewesen sein oder nicht, konnten die groben und verletzenden Äußerungen nicht ungeschehen machen.

Sehr geehrter Herr Generalkonsul, ich informiere Sie über diesen Vorfall nicht, um mich zu beschweren oder eine Strafe einzufordern, sondern damit sich diese Art von Vorfall nicht wiederholt. Es geht nicht mehr um mich. Auch ein Visaantrag gibt niemandem das Recht, einen Menschen zu erniedrigen. Diejenigen, die sich an das Konsulat wenden, befinden sich schon in einer ausreichend schwachen Position und sind besorgt, den notwendigen „Passierschein” zu erhalten, um sich ärztlich versorgen zu lassen, zu reisen, zu arbeiten, oder Menschen, die ihnen am Herzen liegen, zu besuchen. Sie verdienen ein Mindestmaß an Respekt und Höflichkeit.

In dem Vertrauen in Ihr Bestreben, die Werte, die Sie repräsentieren, auch umgesetzt zu sehen, verbleibe ich mit vorzüglicher Hochachtung.

Bouchra Ouizguen

(Übersetzung aus des Französischen von Anna Johannsen)