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Boyzie Cekwana – Return to Sender

Wir haben am Festival "Return to Sender" beteiligte Künstler gebeten, einen offenen Brief zu schreiben. Adressat und Inhalt waren frei wählbar. Es kamen sechs Einsendungen zurück, die hier dokumentiert sind.
Lass diejenigen, denen in der Geschichte wenig Gutes widerfahren ist, Zeugnis davon ablegen, wie die Toten von den Lebenden zu Kampfgefährten gemacht werden.
(Black Audio Film Collective, Handsworth Songs, 1986)

Offener Brief an YouRope, jurisdiktioneller Kolonialherr und Begründer des Empire

Liebes YouRope,

die Bombe ist gelegt und jetzt ...

Halt, Entschuldigung, ich wollte sagen: Wir haben ein wahrhaft „explosives“ Programm zusammengestellt. Zu einer Zeit, da die selbstgerechte Empörung überschäumt. Zu einer Zeit, da die unheimlichen Geister der unerwünschten Multitude, die, so hofftest du, überwunden und vergessen wären, die Tore deiner Festung zu stürmen scheinen und dich immer massivere und bedrückendere irrationale Ängste plagen. Zu einer Zeit, da die Schatten dieser Dämonen, die du nie hast bezähmen können, mit jeder Realität gewordenen Erinnerung an jenen fernen Albtraum näher und näher kommen und immer mächtiger werden ... Klopf, klopf! Die Geister stehen vor der Tür. Das Gespenst einer Vergangenheit, die nicht vergehen will.

Zu einer Zeit, da dein missionarisches Gerede von Demokratisierung und Zivilisierung enttarnt wird als kaum verhüllter Versuch, deine niemals aufgegebenen kolonialen Absichten weiter zu verfolgen. Zu einer Zeit, da deine naiven Kinder beginnen, unbequeme Fragen nach der wahren Quelle deines Reichtums zu stellen. Gehört er wirklich dir? Klopf, klopf! Wer sind diese Barbaren an den Toren? Was, wenn sie kommen, um dich zu holen? Zu einer Zeit, da der grotesken und bestialischen Vorstellung vom „zivilisierten“ Menschen die ethische und moralische Grundlage unter den Füßen weggezogen wird, wenn man nur an die überwältigende Mehrheit der Menschen denkt, die du zu unbedeutenden „Anderen“ degradiert hast. Diese Minderheiten in ihrer unbezifferbaren und problematischen Pluralität betrachten fassungslos und voller Furcht deinen spektakulären Zusammenbruch. Wo bleibt dein gewohnter Einsatz von Gewalt? Oder ist sie zur stumpfen Waffe geworden? Denn wenn man allzu oft auf sie zurückgreift, büßt sie ihre Wirkung ein, die Masse mit ihrer lästigen Aufsässigkeit zu unterdrücken und zum Schweigen zu bringen.

Wenn der Ursprung von Gewaltakten zuallererst in der Sprache liegt, einer Sprache, die unter dem Deckmantel des Einsatzes für die Freiheit (Wahl-, Bündnis- und insbesondere Redefreiheit) die Sache der gewaltsamen Enteignung und Vertreibung stärkt, dann wird die Sprache mit ihrer humanistischen Berufung selbst schuldig. Das Wünschen allein wird nicht dabei helfen, das diabolische Verlangen nach einem Zeitalter im Zeichen der universellen Präfix Post- zu vertreiben, nach einer Welt, in der die historisch Privilegierten nicht nur nach Belieben jegliches Zeugnis des Kolonialismus, sondern auch die Erinnerung an dessen alltägliche und banale Grausamkeit auslöschen können. Wir können nicht länger Rücksicht nehmen auf deine Empfindsamkeit wegen der Alltäglichkeit der Gewalt, und du musst dich endlich zu deiner Rolle bei ihrer Ausbreitung und ihrem Einsatz bekennen. Du kannst deiner unbequemen Geschichte nicht länger entkommen.

Wir wollen dich nur noch einmal daran erinnern: Man hat dir das Szepter des Königreiches gegeben. Besser gesagt: Du hast eine Palastrevolte angezettelt, um brutal deinen uneingeschränkten Anspruch durchzusetzen. Doch das Anzetteln einer Revolte macht einen noch nicht zum König – höchstens zum Schlossvogt, zu jemandem, der nicht viel mehr zu sagen hat als der Direktor einer Schule. Somit war der Verbleib deines bescheidenen Hinterns auf dem Thron schon immer gefährdet und begrenzt. Das Kleingedruckte in deinem Vertrag als Verwalter hast du wie üblich überlesen. Als das bockige weiße Kind, das du bist, nahmst du unser Schweigen als Eingeständnis. Doch ein solches Übereinkommen hat es nie gegeben. Unser einziges Zugeständnis bestand darin, dir nicht im Schlaf die Kehle zu durchtrennen und während deiner Raubzüge nicht deine Kinder zu enthaupten. Du hast geschlafen, und währenddessen haben wir, der Rest, entschieden: Wir brauchen nicht länger deine Zustimmung. Erwarte von uns keinen Respekt, keine Liebe und keine Höflichkeit mehr, nur weil wir nicht weiß sind! Du hast geschlafen, und währenddessen haben wir, der Rest, verstanden, dass unsere Zukunft unter keinen Umständen unserer katastrophalen Vergangenheit gleichen darf. Selbst du in deinem gewohnten Egoismus musst eingestehen, dass eine kaum fassbare, 500-jährige Orgie des Blutes, der Völlerei und der Plünderung hinter uns liegt. Selbst du mit deinen verblendeten, selbstgerechten Ansprüchen musst zugeben, dass wir uns 500 Jahre lang übermäßig großzügig, tolerant und höflich verhalten haben und dass dies furchtbar ausgenutzt wurde. Nicht auf uns also treffen deine zärtlichen Vorwürfe der Barbarei, der Zurückgebliebenheit und der Unzivilisiertheit zu, vielmehr warst du es, der sich infantil und unzivilisiert verhalten hat. Ein halbes Jahrtausend haben wir vergeblich darauf gewartet, dass du endlich erwachsen wirst. Deine Habgier und dein demokratisches,  umweltpolitisches und ökonomisches Modell, das auf Gewalt gründet, können uns gestohlen bleiben. Auch wenn sie unglücklicherweise bis heute die Oberhand behalten haben.

Ungeachtet des Gedächtnisverlusts, der Verleugnungen und der Verfälschungen, die den Großteil deiner kulturellen und politischen Darstellungen bestimmen: Wir kommen nicht wegen deiner Frauen, deiner schwindenden Jobs und deiner „Freiheiten“ hierher. Und das weißt du. Wir fliehen keineswegs vor dem Zusammenbruch von Staat und Wirtschaft zu Hause, fliehen nicht aus kriegsgebeutelten, von Dürre betroffenen und ausgezehrten Ländern. Denn Bananenrepubliken gibt es nicht bei uns, die gibt es hier. Auch das weißt du. Wir sind hier, um unseren Reichtum einzufordern, auf dem deine sogenannte Zivilisation beruht. Wir fordern das Szepter des menschlichen Königreichs zurück, denn in deiner Hand wurde es zur Waffe in einem unvergleichlichen Massenmord, zu einem Werkzeug schamloser Schändung und Eroberung. Wir kommen, um dich endlich mit den Konsequenzen deiner Freiheiten – zu unseren Lasten – zu konfrontieren. Wir kommen, um dich daran zu erinnern, dass Freiheit nicht umsonst zu haben ist. Und bisher haben wir diesen Preis für dich bezahlt. Klopf, klopf! Und wir kommen nicht alleine, sondern begleitet von den Geistern all jener, auf deren Rücken du deine Freiheiten, dein Wissen und deinen Reichtum errichtet hast. Wir kommen, um dir die Rechnung der Geschichte zu präsentieren.

Wir sind hier, um festzustellen: Unser Erbe ist eines der Armut, der Verschleppung und der Gewalt, während bei dir von Generation zu Generation unverdiente Privilegien und Vorteile weitergereicht werden. Wir wissen, dass du das menschliche (unser) Trauma und Leid bewusst missachtest, denn unsere Menschlichkeit war historisch immer gleichbedeutend mit einem Todesurteil für die  Verdammten. Wir wissen, dass du deine Geschichte beschönigst und verfälschst und sorgfältig über das Archiv des Kolonialismus wachst. Und wir wissen auch, wie entschlossen du deine Deutungshoheit über die Geschichte verteidigst, und kennen deinen gefühllosen Revisionismus, der die störenden und lautstarken Wiedergänger einer so hartnäckigen wie gegenwärtigen Vergangenheit niederschreit, übertönt und zum Schweigen bringt. Wir kämpfen gegen deine vorherrschende neoliberale Epistemologie des Vergessens und der Verleugnung und für unsere eigene Form von Politik. Lange hast du dich taub gestellt für die Angriffe auf deinen alles durchdringenden und zerstörerischen kolonialistischen Diskurs. Lange haben wir draußen gewartet und die trübe innere Dynamik betrachtet, mit der du die Ungleichheit immer weiter getrieben hast. Und allzu lange haben wir deine Denkmäler bestaunt und unsere eigenen Erinnerungen, Traditionen und Bedürfnisse ausgeblendet, um uns deiner Geschichte und Philosophie zu unterwerfen.

Wenn du uns wie Ehrengäste behandelst, und das solltest du, dann werden wir dich als Gastgeber anerkennen. Mit der Bedingtheit unserer Akzeptanz und Höflichkeit bezwecken wir nicht, dich als Gastgeber in die unnachgiebige und anhaltende Teufelei der kolonialen Heimsuchung hineinzuziehen. Die für uns, die Gäste, bis heute katastrophale Konsequenzen hat. Oder in Anlehnung an Eddie Randolph: Ich weiß, dass du den Rauch riechst, aber siehst du auch das Feuer in meinen Augen?

Wenn wir deiner Ordnung unsere Existenz verdanken, dann müssen wir doch verrückt sein, sie anzugreifen, oder? Doch es wäre nicht länger ein Zeichen von Höflichkeit, einfach hinzunehmen, dass die Ordnung, auf der die weiße Herrschaft beruht, und die unendliche Liste an Katastrophen verleugnet werden, um so die Unterdrückten ruhig zu halten. Die unzähligen Formen der Unterdrückung, etwa durch Polizisten, Ärzte, Lehrer, Kirchen, Fernsehsendungen und Videospiele, sind keineswegs ein Hirngespinst. Wir sind nicht bereit, weiterhin nur als Wilde oder Clowns zu gelten. Wir haben fälschlich gedacht, dass wir mit dem Grad unserer Aufklärung oder zumindest mit unserer Höflichkeit etwas in der Welt bewirken könnten. Was für ein Irrtum!

Hier nun verweisen wir gegen deine Lügenlitanei auf unsere Vielzahl an Protestschriften. Unsere Geduld ist am Ende: Du hast nie gelernt, wie du mit Anstand leben kannst, doch wir haben gelernt, mit Anstand zu sterben. Unser Tod bewirkt, dass wir dich überleben. Und ja, wir schauen fassungslos zu, wie du für ein Selfie mit den Geistern als letztem Hort der Menschlichkeit posierst und dabei erkennst, dass dir deine Menschlichkeit schon lange abhanden gekommen ist.

Boyzie Cekwana
Januar 2015