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"Das kann doch alles gerade nicht passieren!"

von Christian Werthschulte

Jugendkulturforscher sind regelmäßig überfordert, wenn sie der Aufgabe ausgesetzt sind, die heftigen Verbalinjurien in Musik­stilen wie HipHop zu deuten. Was wird aus der weitverbreiteten Annahme, Pop sei immer schon ein Agent von Emanzipation und Befreiung, wenn Rapper wie Eminem einer Kollegin, Iggy Azalea, eine Vergewaltigung androhen? Überlegungen zu Gewalt und Pop­kultur von Christian Werthschulte.

Einer weitverbreiteten Vorstellung zufolge entfaltet Popkultur – per se, aus sich selbst heraus – eine emanzipatorische Dynamik. Sie gilt als das Terrain, in dem die Subalternen sich kulturell selbst ermächtigen, in denen politisch und sexuell dissidente Identitätsformen eingeübt werden – auf befreiende, sinnliche und friedvolle Art und Weise. Gestützt wird dieses Phantasma durch eine Reihe von ikonischen Bildern: John Lennon liegt mit Yoko Ono im Bett, um gegen den Vietnamkrieg zu demonstrieren. Die Loveparade zieht friedlich feiernd über den Berliner Kurfürstendamm. Der Rockmusiker Ramy Essam singt auf dem Tahrir Platz in Kairo. Korruption durch die Verhältnisse ist der Popkultur in dieser Lesart äußerlich: John Lennon wird von einem psychisch Kranken erschossen. Das blutige Ende der Loveparade haben ein Fitnessstudiobetreiber und eine prestigegeile Stadtverwaltung zu verantworten. Ramy Essam wird durch die Folterungen der Polizei und ein staatliches Auftrittsverbot gedrängt, sein Heimatland, Ägypten, zu verlassen.

Diese Vorstellung steht auf sehr grundsätzliche Weise im Widerspruch zur Realität des kulturellen Feldes, von dem wir reden. Selbstverständlich ist Popkultur ebenso von Gewalt durchsetzt wie andere Felder postfordistischer Gesellschaften auch. Dies beginnt schon mit der Technologie, die beim Produktionsprozess zum Einsatz kommt. Das dominierende Element von Daft Punks letztjährigem Feelgood-Hit “Get Lucky”, der Vocoder, wurde zu Beginn des Zweiten Weltkriegs zur Verschlüsselung und Komprimierung militärischer Komposition entwickelt. Die gleichen Frequenzen, die auf Technoparties für Wohlbefinden sorgen, werden auf Demonstrationen von Polizei und Militär zur Kontrolle von Menschenmassen benutzt.

Ebenso grundlegend wie Militärtechnologie sind gesellschaftliche Gewaltverhältnisse, die dem Umgang mit dem wichtigsten Material von Popkultur zugrundeliegen: dem Verlangen. Im Herbst 2012 wurde bekannt, dass der BBC-DJ Jimmy Savile, der erste Moderator der Sendung “Top Of The Pops” jahrelang junge Mädchen missbraucht hatte. Teilweise nutzte er Spenden seiner Wohlfahrtsorganisationen an Krankenhäuser und psychiatrische Institutionen, um Zugang zu den Mädchen zu erhalten. Zeugenaussagen legen nahe, dass große Teile der BBC den sexuellen Missbrauch durch ihren Starmoderator deckten.

So sehr der Fall die Machtverhältnisse innerhalb der britischen Gesellschaft verdeutlicht, so sehr verweist er wieder auf das Phantasma zurück, das diese Machtverhältnisse erst ermöglicht hat. Publikumserhebungen hatten schon in den frühen Sechzigern ergeben, dass Jimmy Savile von seinen Zuschauern als ein Mensch mit unbehaglicher Ausstrahlung wahrgenommen wurde. Die BBC hielt trotzdem an ihm fest. Ab Mitte der 70er Jahre moderierte er regelmäßig eine Familiensendung. Niemand traute ihm sexuellen Missbrauch zu, weil er vom britischen Establishment, das ihn mit Ehrendoktorwürden, einem ‘Sir’ und der Fürsprache von Maggie Thatcher belohnte, akzeptiert war. “Wir müssen ernst nehmen, dass Macht die Erfahrung von Realität verändern kann”, kommentiert der Kulturtheoretiker Mark Fisher die Savile-Enthüllungen in seinem Buch ‘Ghosts of my Life’. “Ein Missbrauch durch diejenigen, die Macht besitzen, führt zu einer kognitiven Dissonanz bei den Verletzlichen: ‘Das kann doch alles gerade nicht passieren’”. Reale Macht und ihre phantasmatischen Repräsentationsformen sind untrennbar miteinander verbunden.

Wie sieht es mit der Repräsentation von Gewalt innerhalb der Popkultur selbst aus? Die einschlägigen Fantasien und Darstellungen sind immer in die Zeichensysteme von Subkulturen eingebunden – sie dienen ihrer Identitätsbildung nach innen. Das wird besonders im Fall extremer Gewaltdarstellungen deutlich, wie sie oft im HipHop anzutreffen sind. Wenn Eminem seiner Rap-Kollegin Iggy Azalea öffentlich mit Vergewaltigung droht, wird damit auch das subkulturelle Kapital innerhalb der HipHop-Szene verhandelt: Der gestandene Battle-Rapper aus Detroit erhebt sich über die Newcomerin aus Australien, die über keine ‘klassische’ HipHop-Sozialisation verfügt und am liebsten über Teenie-Probleme rappt. Bei seinen Verbalinjurien bedient sich Eminem der Symbolik der Rape Culture.

Das alles steht im Widerspruch zu den theoretischen Grundannahmen von Dick Hebdidge, eine der Gründungsfiguren der britischen Cultural Studies. Er ging in den 70er Jahren davon aus, dass das Werte- und Zeichensystem innerhalb von Subkulturen das Werte- und Zeichensystem dominanter gesellschaftlicher Gruppen parodiert, wenn nicht sogar subversiv unterläuft. Bei den Gewaltdarstellungen, um die es hier geht, zeigt sich etwas anderes: So übersteigert diese Darstellungen sein mögen, so sehr sind sie kompatibel mit dem Zeichensystem der dominanten Gruppe. Im Umkehrschluss wird überhöhte Gewalt als Eigenschaft der Subkultur essentialisiert: Sexistisch sind die HipHopper – wenn Harald Martenstein über Emanzen und Genderforscherinnen redet, dann fällt das natürlich unter Satirefreiheit.

Gibt es innerhalb der Popkultur überhaupt einen Umgang mit Gewaltsymbolik, der gesellschaftlichen Machtverhältnissen zuwiderläuft? Die Antwort ist ein ‘Ja’, gefolgt von einem ‘wenn ...’. Der subversive Gehalt der Repräsentationen von Gewalt lässt sich nicht a priori aus der Darstellung selbst heraus bestimmen, sondern aus dem Kontext ihrer Artikulation. Im Dezember 2010 hatte die Londoner Polizei eine Demonstration von Studenten vor dem Unterhaus eingekesselt. Auf einmal ertönte ein lauter Beat auf 140 beats per minute: Afro-britische Jugendliche hatten ein Soundsystem gekapert und spielten ‘Pow’, einen Grime-Battle-Track von Lethal B. In vielen Clubs haben die Besitzer den DJs verboten, das Stück zu spielen, weil sein Riddim regelmäßig zu Gewaltausbrüchen führte. In den Reimen battlet sich über ein halbes Dutzend MCs mit sexistischen und homophoben Texten.

Trotzdem war der Einsatz dieses Stücks in genau dem Moment ein Akt der Emanzipation afro-britischer Schüler. Sie waren auf der von Studenten organisierten Demo, um gegen die Abschaffung der Educational Maintenance Allowance, einer Art Schüler-Bafög, zu protestieren. Während der Proteste waren sie doppelt marginalisiert. Einerseits durch die Regierung, die ihnen die Chance auf Bildung verweigerte, andererseits durch die Studenten, die den Anstieg der Universitätsgebühren in den Mittelpunkt ihrer Kämpfe gerückt hatten. Erst ein berüchtigter Battle-Track verschaffte den Schülern soviel Sichtbarkeit, dass der BBC-Korrespondent Paul Mason das Ereignis (wenig kenntnisreich) als ‘Dubstep-Rebellion’ bezeichnete.

In Momenten wie diesen bewahrheitet sich die Rede, dass Popkultur der Ort emanzipatorischen Aneignung sein kann. Dass nicht Träume vom Frieden, sondern die Schlachtreime der MCs das Material liefern, verweist nur darauf, wie wenig die Marginalisierten leerer Friedensrhetorik und ihren popkulturellen Repräsentationen noch trauen.

November 2014