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Experten der Gewaltanwendung

Rimini Protokoll im Gespräch über "Situation Rooms"

In ihrer Installation “Situation Rooms” entwerfen Rimini Protokoll das komplexe Bild einer Zivilisation, in der sich Gewalt, ihre Werkzeuge und die Bilder von ihr zu einer globalen Ökonomie des Todes verzahnen. Welche Probleme sind zu bewältigen, wenn sich Künstler diesem Themenkreis mit den Mitteln des Theaters nähern. Peter Laudenbach im Gespräch mit Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel, den drei Köpfen von Rimini Protokoll.

Peter Laudenbach: In Ihrer Installation “Situation Rooms” bewegen sich die Besucher durch Szenarien, die auf unterschiedlichste Weise mit Waffen und Krieg zu tun haben. Ist das ein Themenpark, der den Besuchern ein Erlebnisangebot macht?

Daniel Wetzel: Wir machen den Krieg nicht zum Erlebnis, sondern stellen einen Zugang zu dem her, was bestimmte Leute, die über Erfahrung mit Waffen, Waffenhandel, Waffeneinsatz, Krieg verfügen, zu sagen haben. Es wird keine illusionistische Erlebnissimulation hergestellt. Der Besucher kommt in eine Situation,  in der er sich kurz in einen Waffenhändler oder in einen israelischen Soldaten im Gaza-Streifen versetzt. Es bleibt aber immer eine Distanz zur Rolle bestehen.  

Stefan Kaegi: Erlebnis ist in diesem Zusammenhang ein erschreckendes Bedürfnis. Russlandstämmige Letten, die als Freiwillige in der Ukraine für die Separatisten kämpfen, oder belgische und deutsche Dschihadisten, die in den Irak reisen, wollen etwas erleben.

PL: Wie haben Sie die Experten des Tötens gefunden, denen der Besucher Ihrer Installation begegnet? Wie haben Sie die Soldaten, Waffenhändler, Polizisten, Kindersoldaten, Auftragsmörder kennen gelernt?

DW: Das war eine gezielte, breit gefächerte Suche. Wir wollten bestimme Themen und unterschiedliche Regionen drin haben. Oft führt ein Gespräch zum nächsten. Natürlich ist es nicht so leicht, jemanden zu finden, der über solche Jobs redet. Die deutschen Rüstungsunternehmen denken, dass sie bei Interviews nur verlieren können. Sie reden nicht.

SK: Bei Firmen wie EADS oder Krauss-Maffei Wegmann haben wir vergeblich angefragt. Die Suche, der Castingprozess, ging über ein Jahr. Letztlich haben wir Hersteller und Verkäufer eher in Ländern gefunden, in denen das Sprechen über Waffen weniger tabuisiert ist. In Indien oder Mexiko ist die Nähe zum Konflikt größer und der Umgang damit pragmatischer. Wir haben viele Fährten gleichzeitig verfolgt, viel ging über Bekannte von Bekannten. Einen Hacker oder einen Auftragsmörder kann man ja schlecht per Zeitungsannonce suchen.

PL: Ist der Hacker interessant, weil sich durch ihn und das in Ihren Installationen eingesetzte iPad eine Verbindung zwischen Waffen und Unterhaltungselektronik herstellt?
DW: Ja, er spricht das iPad auch als potentielle Waffe an. Die Verschränkungen zwischen Bildmedien und Waffen, zwischen Filmen, Beobachten und “Shooting” sind ja offensichtlich.

PL: In Ihren früheren Arbeiten stehen die Experten des Alltags als menschliche Readymades auf der Bühne. Jetzt haben wir es mit Experten der Gewaltanwendung zu tun, die nur noch medial vermittelt auftreten. Ich nehme an, das hat nicht nur technische, sondern vor allem inhaltliche Gründe?

SK: Von den Experten ist in “Situation Rooms” kaum etwas zu sehen, allenfalls ihre Arme oder Beine. Ab und zu erscheint jemand kurz im Spiegel. Nicht die Experten sind zu sehen, sondern die Situation, in der sie sich befinden, aus ihrer Perspektive. Das ist die Verschiebung. Man schaut nicht von außen auf einen Protagonisten, sondern gewissermaßen “von innen” auf ein Geschehen. In Hamburg hat ein Zuschauer die Aufführung nach zehn Minuten verlassen. Er wollte kein Waffenhändler sein, auch nicht im Spiel.

Helgard Haug: Es ging uns darum, die Experten anders zu repräsentieren. Die Zuschauer oder Besucher sind im Spiel mit den jeweiligen Figuren eng verbunden. Sie befinden sich in der Zwangslage, für eine kurze Zeit die jeweiligen Figuren verkörpern zu müssen, unabhängig davon, ob sie einverstanden sind mit dem, was diese Experten tun und denken. Das alles hat auch praktische Vorteile. Wir können das Stück zeigen, ohne dass die Darsteller aus Afrika, der Schweiz oder Mexiko anreisen müssen. Aber das war nicht der entscheidende Grund.

PL: Jeder Besucher lernt die Perspektiven von jeweils 10 Experten kennen. Wie genau begegnet man diesen Fachleuten des Tötens?

DW: Man hört ihre Stimmen über Kopfhörer.  Auf dem iPad und beim Gang durch die Räume des Film-Sets sieht man ihre typischen Arbeitssituationen. Der Besucher bewegt sich sozusagen immer in der Fährte, die der jeweilige Experte beim Erzählen / Filmen gelegt hat. Das ist ein anderer Zugang, als wenn man diesen Leuten von einem bequemen Theatersessel aus zusehen würde. Das Stück operiert von dem Satz aus, den man oft in Konflikten zur Erklärung benutzt: Versetz Dich mal in meine Lage! Es geht uns darum, eine vielleicht auch irritierende Form von Nähe herzustellen. Das funktioniert, wenn man sich darauf einlässt, wie auf einer  Achterbahn-Fahrt, sich anschnallt und akzeptiert, dass die Entscheidungsfreiheit in den nächsten Minuten eingeschränkt ist.

HH: Man schaut nicht von außen in einen Raum, sondern findet sich selbst darin – er hat, obwohl es Theater ist, in diesem Fall vier und nicht drei Wände. Man sieht auch zu, wie sich die anderen Teilnehmer verhalten, die den Filmen anderer Experten folgen. Die 20 Perspektiven der 20 Experten stellen gemeinsam eine Art Uhrwerk her. Der Teilnehmer gerät in einen Mechanismus, und der hat einen Rhythmus: Er springt alle 7 Minuten zurück auf Null. Dann versetzt er den Teilnehmer in die Perspektive eines anderen Experten, aus der man auf einmal auch die Rolle, die man davor eingenommen hat, beobachten kann.

PL: Wie haben Sie die iPad-Filme mit den Experten gedreht?

DW: In den Uferstudios im Wedding hat Dominic Huber dieses Filmset gebaut, während wir gleichzeitig mit den Experten darin geprobt haben. Dann gab es den letzten Drehtag, an dem wir diese 20 verschiedenen miteinander verschränkten Filme von sieben Minuten Länge gleichzeitig machten. 20 Filme entstanden zur selben Zeit im selben Film-Set. Der Zuschauer / Benutzer re-enacted bei einer Aufführung 10 davon, indem er ihnen nacheinander folgt.

PL: Wird das Modellhafte der einzelnen Geschichten in der Künstlichkeit des Filmstudios gespiegelt?

HH: Das sind Charaktermasken und Situationsmodelle. Der afrikanische Kindersoldat steht für zigtausende, die Ähnliches erlebt haben, genau so der israelische Soldat. Der Waffenlobbyist, der sagt, unser Leopard-Panzer ist der beste, steht für eine ganze Branche. Jede dieser Charaktermasken folgt ihrer eigenen Logik.

PL: Die Fachleute, denen man in teilnehmender Beobachtung begegnet, gehen extremen Tätigkeiten nach. Wir treffen auf den Manager eines schweizer Rüstungskonzers, einen afrikanischen Kindersoldaten, den Berufskiller eines mexikanischen Drogenkartells, einen israelischen Soldat, einen Kriegsreporter. Gibt es jenseits der reinen Phänomenologie, also der Tatsache, dass alle direkt oder indirekt mit Gewalt zu tun haben, strukturelle Verbindungen? Was haben die verschiedenen Geschichten und Menschen miteinander gemeinsam?
DW: Erstmal sind sie durch ihre Unverbundenheit miteinander verbunden. Es geht um die Gegenläufigkeit der Erfahrungen und Perspektiven: Erst “bist Du” ein General a.D. der indischen Luftwaffe. Er sieht in Drohnen das Kriegsgerät der Zukunft, ein Glück für die Menschheit. Sieben Minuten später “bist Du” ein pakistanischer Anwalt, der Opfer von Drohnen-Angriffen vertritt und sagt, dass auf diese Weise die Menschenrechte mit Füßen getreten werden. Später beschreibt Dir ein Chirurg, wie er in Sierra Leone Menschen behandelt hat, denen man die Hände abgehackt hat. Er führt Dich an einen Ort archaischer Gewalt.

PL: Das führt zur zynischen Frage, was besser ist – der Hightech-Krieg mit Drohnen oder der Krieg mit primitiven Waffen?

HH: Wir haben lange darüber nachgedacht, ob wir eine bestimmte Waffe, zum Beispiel ein Schnellfeuergewehr der deutschen Firma Heckler & Koch, ins Zentrum rücken sollen – aus den Perspektiven eines Arztes, eines Journalisten, von jemandem, der es herstellt, von jemandem, der es einsetzt, von jemandem, der sich dafür engagiert, dass die Waffe nicht exportiert werden darf. Am Ende haben wir uns gegen diese Fokussierung entschieden. Jetzt geht es um die unterschiedlichsten Waffen, die heute in Konflikten eingesetzt werden. Wäre eine Welt ohne industriell hergestellte Waffen die Lösung? Ein einfaches Erntewerkzeug wie eine Machete wird zur tödlichen Waffe. Sie verwandelt sich in der Hand desjenigen, der sie gegen ein anderes Wesen erhebt. Die Bereitschaft zum Töten ist das Entscheidende, nicht der todbringende Gegenstand selbst. Diesen Bogen spannen wir bis zu dem Moment, in dem der indische General über den Einsatz von Drohnen schwärmt.

PL: Das Material bleibt disparat, die Lebensgeschichten und Waffen der Experten sind sehr unterschiedlich. Es entsteht keine homogene Erzählung. Behauptet der Raum des Filmsets, in dem das synchron stattfindet, einen Zusammenhang?

DW: Ja, es ist ein Globalisierungsraum.

PL: Es besteht ein gewisser Unterschied zwischen dem Waffeneinsatz eines deutschen Polizisten, der das Gewaltmonopol des Staates und damit zivilisatorische Mindeststandards verteidigt, und dem Waffeneinsatz eines afrikanischen Kindersoldaten. Verwischt die Parallelisierung, die Ihr Stück vornimmt, zwangsläufig entscheidende Differenzen?

SK: Wir sagen ja nicht, dass das alles das Gleiche sei, im Gegenteil. Jeder Besucher bewegt sich durch 10 sehr unterschiedliche Szenarien. Wenn man diesen Experten zuhört, nimmt man sie erstmal ernst und lässt sich auf ihre Logik ein. Man kann sich, vielleicht mit Ausnahme des mexikanischen Auftragsmörders, von diesen Personen nicht sofort distanzieren und sie verurteilen. Das lässt sich nicht einfach in Pro und Contra auflösen.

PL: Wollen Sie mit den einander kreuzenden Perspektiven der Experten die moralisch selbstgewisse Zuschauerperspektive, die genau weiß, dass Waffengebrauch böse ist, gezielt irritieren?

DW: Wir sitzen jetzt zwar gemeinsam gemütlich und friedlich im Restaurant des HAU, aber wir sind natürlich alle  Mitakteure in diesem globalen Gewalt-Spiel.

PL: Sie meinen, als Mit-Akteur sollte man etwas vorsichtig damit sein, sich über andere, die in weniger komfortablen Situationen leben, moralisch zu erheben? Sind wir Akteure und Profiteure, weil wir es uns in einem Wirtschaftsstandort wie Deutschland gut gehen lassen, zu dessen Bruttosozialprodukt und Exportüberschuss die Rüstungsindustrie das ihre beiträgt?

DW: Wir, hier, schauen zu. Als Nachrichten-Konsumenten, die vor dem “Tatort” noch ein paar Stichworte zu Gewalt anderswo serviert bekommen.

SK: Der Dreiminuten-Beitrag über Kindersoldaten in Afrika oder den ‘Islamischen Staat’ in der “Tagesschau” wirkt beruhigend. Man kann sich betroffen fühlen, aber dann kommt schon das nächste Bild. Irgendwo da unten finden schlimme Dinge statt, aber das ist ja nicht bei uns. Dagegen stellen wir eine gewisse Überforderung her – zum Beispiel auch dadurch, dass jeder Besucher in einem Durchlauf nur 10 der insgesamt 20 Geschichten sieht. Es gibt immer Szenen, die man verpasst.

PL: Besteht die gezielt hergestellte Überforderung auch in den simultan ablaufenden Geschichten? Alles geschieht, wie in der Wirklichkeit, gleichzeitig. Während wir uns  unterhalten, während ein Leser dieser Zeitung dieses Gespräch liest, werden in Syrien oder Mexiko oder Nigeria Menschen getötet.

DW: Zum Beispiel mit Waffen des deutschen Unternehmens Heckler & Koch.

PL: Mit dessen Steuergeldern auch der Kulturetat des Bundes und der Hauptstadtkulturfonds, der schon viele Ihrer Projekte ermöglicht hat, mitfinanziert wird. 

DW: Wie gesagt: Wir sind alle, gewollt oder ungewollt, direkt oder sehr indirekt, Akteure in diesem Spiel, natürlich auch Sie und ich und Rimini Protokoll.

HH: Zur Simultanität gehört auch, dass es keine lineare Dramaturgie und ausformulierten Konflikte gibt. Jeder steigt an einem anderen Punkt ein. Einen Anfang und ein Ende haben nur die einzelnen 7-Minuten-Einheiten. Eine globale Erzählweise, die alles erklärt, einen auktorialen Erzähler, gibt es nicht mehr. Alles ist in einem Zustand von Jetzt und Gleichzeitigkeit.

PL: Nie kann man das vollständige Bild sehen. In der Montage dieser Wirklichkeitsartikel gibt es keine ordnende Zentralperspektive?

DW: Die zehn Geschichten, die jeder sieht, die 20 Geschichten, sind auch nur ein kleiner Ausschnitt aus unendlich vielen Geschichten. Du siehst einen Ausschnitt von einem Ausschnitt von einem Ausschnitt. Was du nicht siehst und das Wissen, dass man vieles nicht sieht – das ist genauso wichtig, wie das, was du zu sehen bekommst. “Situation Rooms” ist auch ein Projekt an der Schnittstelle zwischen Film und Theater.

PL: Man begegnet den Experten medial vermittelt, virtuell. Umgekehrt ist kaum eine andere menschliche Interaktion so real, körperlich, wie das Töten. Wie verhält sich die maximal virtuelle Form Ihres Multiplayer-Video-Stücks zu ihrem maximal konkreten Thema?

HH: Das Interesse an diesem Format und am simultanen Erzählen hatten wir, bevor uns klar war, welches Thema wir untersuchen wollen. Wir haben nicht, wie bei anderen Arbeiten, das zu dem Thema passende Format entwickelt. Dennoch ist es natürlich alles andere als zufällig, dass wir in diesem Format gerade diese Geschichten behandeln.

November 2014