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The spaces in between

Gob Squad über Leerstellen, Scheitern, Mikrokosmen und kollektives Arbeiten im Gespräch mit Aenne Quiñones
HAU3, Berlin, 29. Mai 2013

Ihr seid Ende der 1990er Jahre nach Berlin gekommen, als Artists in Residence im damaligen Podewil. Das war die Zeit, bevor die Stadt hip wurde. Jetzt ist das Areal vermessen worden und wird teuer verkauft. Angst vor Verdrängung macht sich bei vielen breit, die sich die steigenden Mieten nicht mehr leisten können. Die Stadt als Kampfarena, als Kontrollinstrument und nicht als Ort des Gemeinwesens. Wie seht ihr die gegenwärtige Entwicklung?

Simon Will  Der Klub Ackerkeller, den ich seit Jahren dienstags besucht habe, ist jetzt geschlossen worden. Ein Vorteil, wenn man mittwochs arbeiten muss! (lacht) Aber du hast recht: Viele Gespräche drehen sich heute um Gentrifizierung, die Mieten sind stark gestiegen. Für mich ist es jedoch schwierig, mich an dieser Debatte zu beteiligen. Schließlich bin ich jemand, der zugezogen ist, und ich denke deshalb manchmal, dass ich selbst am Anfang dieses Prozesses stand.

Sarah Thom  Genau! Ich weiß oft nicht mehr, ob ich Teil des Problems oder Teil der Lösung bin. Doch die romantische Attitüde, wenn man sagt, das war die Zeit, in der Berlin noch echt Berlin war, ist unrealistisch. Die Stadt verändert sich permanent, und wir sind Teil ihres Wandels. Wenn wir uns darauf einlassen, können wir es als Bereicherung empfinden. Die stabile Stadt gibt es nicht. Sie lebt im ewigen Übergang. Die Menschen sind immer in Bewegung. Vermutlich versuche ich mir einzureden, dass auch ich im Werden bin, weil die Stadt immer im Werden ist. Niemals ankommen. Niemals festgeschrieben sein. Klar, manche sehen Gob Squad jetzt auch schon als Teil des Establishments …

Berit Stumpf  Ist das so?

Sean Patten  Na ja, wir waren zum Theatertreffen eingeladen.

Thom  Hängt das nicht vom Blickwinkel ab? Wenn ich Workshops leite oder Gespräche mit jungen Künstlern führe, die Probleme haben, Geld aufzutreiben und Orte zu finden, um ihre Produktionen zu zeigen, erkenne ich die Blase, in der ich lebe, und wie privilegiert wir sind.

Patten  Als wir in den 1990er Jahren nach Berlin kamen, fielen uns vor allem die Baulücken auf. Wir sahen eine Stadt der Leerräume und Brachen. Vor allem im Zentrum. Und dies war der wirkliche Unterschied zu den meisten anderen Städten. Mitten im Stadtzentrum, wohin du schautest, war leerer Raum, der sich nach und nach füllte. Es gibt sie noch, diese Räume. Man muss heutzutage allerdings länger danach suchen. Ganz besonders in Mitte sind sie nicht mehr so leicht zu finden. Innerhalb unserer Arbeit verlassen wir häufig das Theater und schaffen eine Öffentlichkeit außerhalb davon. Vielleicht ist das auch Ausdruck unserer Suche nach den Leerstellen jenseits des normalen Funktionierens einer Stadt. Man könnte sagen, Projekte wie „Super Night Shot“ und „Saving The World“ helfen dabei, die Lücken sichtbar zu machen. Denn die wenigen, die es noch gibt, werden für uns immer wertvoller. Man muss sich aufmachen, um eigene Leerstellen zu schaffen.

Johanna Freiburg  Politisch interessant ist doch, dass das Thema aktuell immer mehr Menschen auf den Nägeln brennt. Die Leute haben von vielen Dingen die Schnauze voll, die Stadtpolitik wird zunehmend hinterfragt, insbesondere, dass Stadtentwicklung bislang vor allem von Geldinteressen bestimmt wird. Nehmen wir beispielsweise die Prinzessinnengärten und die Initiative „Wachsen lassen!“. Es scheint sich etwas zu tun.

Stumpf  Mehr Bewusstsein …

Freiburg  Die Leute sind politischer geworden. Was in den 1990ern vielleicht noch begrüßt wurde, wird heute hinterfragt …

Und was heißt das für euch als Gruppe, die in Berlin ihren Arbeitsmittelpunkt hat? Die Prinzessinnengärten stehen ja in einem anderen Kontext, weil sie in dieser Stadt ein Areal besetzen und damit direkt mit der Grundstücksproblematik konfrontiert sind. Eure Daseinsweise als Gruppe ist dagegen eher flüchtig, mal hier, mal da, und ihr seid auch viel im Ausland auf Tour. Wie könnt ihr euch mit dem aktuellen Umbau der Stadt in Verbindung bringen?

Bastian Trost  Für mich war es schon eine große Sache, als wir unser Büro in Mitte vor zwei Jahren aufgeben und in einen günstigeren Stadtteil umziehen mussten. Ich wohnte genau gegenüber. Ich hatte das Gefühl, dass die Stadt uns gewissermaßen loswerden wollte. Eine Zeit lang brachten wir ein bisschen Farbe ins Bild, und den Leuten gefiel es. Aber sobald es Geldprobleme gab, sollten wir gehen.

Stumpf  Und du selbst musstest kurze Zeit später auch umziehen.

Trost  Ja. Der Wandel der Stadt betraf mich unmittelbar. Eine interessante Erfahrung, wenn man so will.

Patten  Das Ende von Mitte.

Trost  Genau so wurde es sichtbar.

Freiburg  Wir hatten bislang im Grunde genommen immer Glück. Als ich anfing zu studieren, hätte ich nie gedacht, dass ich davon jemals leben könnte. Ich dachte, ich studiere erst mal, und dann finde ich vielleicht irgendwo einen Job, der hoffentlich entfernt irgendwas mit Kultur zu tun hat. Und heute mache ich genau das, was ich machen will, und kann davon leben. Das ist eigentlich unfassbar. Weil unsere eigenen Erwartungen an diesem Punkt bereits übertroffen wurden, gestehen wir uns nicht zu, darüber hinaus noch viel zu erwarten. Das ist aber falsch.
Vielleicht sollte ich das nicht öffentlich sagen, aber ich denke hier zum Beispiel an die Doppelpass-Förderung der Kulturstiftung des Bundes, die freie Theatergruppen in Kooperation mit Stadttheatern fördert: Bei unserer Kooperation mit der Komischen Oper Berlin realisierten wir schnell, dass beide Seiten zwar Kulturproduzenten sind, aber grundverschieden. Ein Blick auf das Budget für unser gemeinsames Vorhaben offenbart das Gefälle zwischen dem Gehalt eines Opernmitarbeiters im Vergleich zu dem, was wir alle sieben zusammen verdienen. Was heißt das? Ist unsere Arbeit weniger wert? Verlangen wir einfach nicht genug? Ist es grundsätzlich falsch, sich zu vergleichen?
Vor dem Hintergrund der Gentrifizierung hat es den Anschein, dass man das tun muss, was alle tun, nämlich wachsen, selbst wenn die eigenen Bedürfnisse zurzeit abgedeckt sind –vorausgesetzt, dass man nicht aus dem Spiel fallen möchte. Aber dann gehört man selbst schnell zu denjenigen, die andere verdrängen.

Will  Ich empfinde Berlin, im Gegensatz zu London oder Paris, immer noch als anders, als offene Stadt. Natürlich entwickelt sich Berlin in dieselbe Richtung − auch diese Stadt soll zur Geldmaschine werden. Einige Freunde aus London, die mich hier besuchen, finden, dass die Stadt sie nicht genug herausfordert. In London geht es einzig ums Überleben. Das wäre nichts für mich. Du musst eine Menge Geld verdienen, nur um bleiben zu können. So weit ist Berlin noch nicht! Aber scheinbar unternimmt die Stadt alles, um genau das zu erreichen, um sich in eine Stadt wie alle anderen zu verwandeln. Eines Tages wird Berlin wie München sein.

Trost  Und wie ist die Münchner Szene? In all diesen Städten gibt es doch noch eine Kunstszene, oder? Wir wären dann eben ein Teil von ihr.

Will  Klar gibt es eine Szene. Aber die Stadt und ihre Szene hängen gewissermaßen davon ab, ob ich mir meine Miete leisten kann.

Thom  In einer Bar in der Pappelallee in Prenzlauer Berg, die gerade dichtgemacht hat, gab es ein Schild im Fenster, auf dem stand: „Wenn ihr jede illegale Bar geschlossen und jede unangemeldete Party beendet habt, habt ihr das Dorf geschaffen, aus dem ihr fliehen wolltet.“ Das fand ich treffend. Andererseits: Wenn du aus einem Dorf oder einer Kleinstadt nach Berlin kommst, erkennst du die unglaubliche Lebendigkeit, die die Stadt immer noch hat. Ich scheue mich nicht vor Konflikten. Deshalb mag ich die Ecken und Kanten hier. Kürzlich war ich in L. A. Ich fand es toll! L. A. ist Licht und Schatten, schön und hässlich, rau und zart. Fantastisch! Und für Berlin gilt das auch. Schau hin und du entdeckst dieses Sperrige. Die Stadt bietet einem Widerstand, und das schätze ich. Denn Reibung inspiriert.

Freiburg  Wir versuchen, uns nicht aufsaugen zu lassen, Entscheidungen gegen ökonomische Gesichtspunkte zu treffen. Unsere letzte Produktion in der Volksbühne realisierten wir beispielsweise nicht auf der großen Bühne, sondern im Roten Salon für ein limitiertes Publikum. Und das war auch eine Entscheidung gegen kontinuierliches Wachstum. Denn normalerweise ist das vorherrschende Denken doch: einmal große Bühne, immer große Bühne. Wenn einem die Möglichkeit dazu gegeben wird, darf man da freiwillig nicht wieder runter. Von dieser Art „Auf A folgt B“-Denken versuchen wir uns frei zu halten.

Stumpf  Genau das meinte ich eben, als ich vom Establishment sprach und davon, ob man dort ankommt oder eben nicht. Es stimmt, wir waren beim Theatertreffen. Doch es kam mir eher wie ein Besuch vor. Dabei gewesen zu sein heißt nicht, dass wir jetzt im Stadttheater angekommen sind. Es ist auch kein Wunder, dass wir mit einem Stück eingeladen wurden, in dem wir nicht improvisieren, das zu den wenigen Produktionen in unserem Repertoire gehört, das einem Skript folgt, so dass es übertitelt gezeigt werden kann. Wir haben keine Berührungsängste und schlagen Einladungen dieser Art nicht grundsätzlich aus. Doch gleichzeitig kehren wir immer wieder zu unseren Wurzeln zurück und nutzen Formate, die alles andere als wirtschaftlich sind, wie beispielsweise Aufführungen, die nur einmal gezeigt werden können, oder ortsspezifische Arbeiten, also Stücke, die für einen bestimmten Ort entwickelt werden und nicht ohne Weiteres reproduzierbar sind. Ich denke, wir tragen ein gewisses Maß an Verweigerung oder Widerstand in uns, was dazu führt, dass wir uns regelmäßig neu herausfordern, unbekannte Wege zu gehen, das System, in dem wir agieren, zu hinterfragen, Abwege zu suchen − statt dem nächsten, quasi logischen Schritt zu folgen.

Man könnte sagen, ihr habt eure eigenen Regeln erfunden, um das „Prinzip Gob Squad“ zu realisieren. Ihr habt es selbst mal treffend beschrieben: „Gob Squad ist ein Zwitterwesen aus sieben Kontrollfreaks, eine Borg, eine Patchworkfamilie, eine soziale Utopie.“ Dieses Wesen gibt es jetzt seit fast zwanzig Jahren. Das ist schon eine Leistung an sich, so lange durchzuhalten. Wenn man bedenkt, dass die Arbeit als Kollektiv heutzutage immer einer gewissen Verdrängung bedarf, um überhaupt realisiert werden zu können, und dass es auch eher als unzeitgemäßes Modell gilt angesichts von Konkurrenzdruck und Vereinzelung – wie würdet ihr eure soziale Utopie beschreiben? Wie funktioniert das, denn ihr seid ja auch nicht frei von Zwängen und Abhängigkeiten? Habt ihr euch als Gruppe durch die Borg-Technologie eine neue Subjektivität erschaffen, womit ihr euch einiges von vornherein vom Hals schaffen könnt?

Will  Unsere Performancearbeiten setzen sich zunehmend explizit mit diesen Fragen auseinander. Die Gruppe hat immer biografisch gearbeitet – wie beispielsweise bei „Work“, einem Projekt, das wir realisierten, als wir alle mit dem Studium fertig und arbeitslos waren. Auch die Komplexität und die Bedeutung unseres Zusammenseins waren immer Inspiration für unsere Produktionen. Ich sehe Gob Squad als Familie oder Gesellschaft, in deren Mikrokosmos es sehr viele verschiedene Überlegungen, Denkweisen, Meinungen gibt. Wir lassen das gewissermaßen in unsere Arbeit einfließen. Und unsere Stücke funktionieren immer gut, wenn sie nicht nur unsere unterschiedlichen Perspektiven und Sichtweisen aufgreifen, sondern sogar auch das Publikum und dessen Positionen integrieren.

Thom  Es ist interessant, wenn du sagst, dass unser Zusammensein seit fast zwanzig Jahren an sich eine Qualität darstellt. Bei unseren Gruppenmeetings, unserer administrativen Arbeit, unseren Diskussionen neuer Konzepte denke ich immer wieder, dass genau das unser Projekt ist. Und darauf bin ich stolz! Von Zeit zu Zeit produzieren wir Performances, aber immer produzieren wir Gob Squad. Gob Squad ist das permanente Projekt. Gob Squad ist, worum wir uns wirklich kümmern müssen, was wir am Laufen halten müssen. Das Feuer darf nicht erlöschen.

Freiburg  Das ist jedoch nicht einfach. Und es wird schwieriger, je älter wir werden und je mehr wir in unseren eigenen, wenn man so will, mentalen Manierismen gefangen sind.

Trost  Die Gruppe selbst hat sich aber auch verändert. Alex Large und Liane Sommers sind gegangen, neue Mitglieder sind dazugekommen. Ich war vor zwanzig Jahren nicht dabei, ebenso wenig wie Sharon und Simon. Die Gruppe ist immer, was sie im spezifischen Augenblick darstellt. Nicht, dass ich mir nicht der Geschichte der Gruppe bewusst bin. Die zwanzig Jahre gemeinsamer Lebenszeit sind sehr spürbar. Gleichzeitig sind wir aber stark im Moment verhaftet, angedockt an die reale Lebenssituation der jeweiligen Mitglieder der Gruppe, die sich natürlich fortlaufend verändert. Und damit verändert sich auch die Diskussion. Ich glaube nicht, dass wir als Gruppe an unsere Vergangenheit gekettet sind. Wir haben unsere heutige Situation und unsere aktuellen Bedürfnisse sehr gut im Blick.

Patten  Je länger wir zusammen sind, desto größer ist die Gefahr, dass wir Kreatives am Fließband produzieren. Wir stellen uns daher immer wieder mit jedem Stück neuen Herausforderungen. Allerdings wird es mit jedem Neuland, das wir betreten, schwerer, ein weiteres unbekanntes Terrain zu finden, das wir uns erschließen können.

Stumpf  Aktuell planen wir ein Opernprojekt, und das ist wiederum ein völlig neues Feld für uns. Bei den Herausforderungen, die wir uns suchen, besteht immer auch die Gefahr, dass wir komplett scheitern. Dennoch sagen wir, lasst es uns versuchen, und dann sehen wir, was passiert.

Thom  Letztendlich wollen wir natürlich, dass es funktioniert. Wir wollen zusammenbleiben und weitermachen. Wenn etwas schwierig war, dann nehmen wir uns die Zeit und schauen, was geschah, wir bewerten und reflektieren das Ergebnis. Wenn man das in seinen Beziehungen nicht tut, dann scheitern sie. Reflexion ist wichtig.

Stumpf  Wir haben darüber auch ein Stück gemacht. Bei „Are you with us?“ geht es um die Zusammenarbeit in der Gruppe und um Gruppenidentität. Immer wenn wir eine Arbeit beginnen, setzen wir so an − wir finden heraus, was für uns gerade wichtig ist, wie wir zueinander stehen und wie unsere Umwelt uns beeinflusst. Das ist sozusagen der Motor unserer Arbeit.

Das finde ich bei Gob Squad exemplarisch − ihr braucht die „großen Themen“ eigentlich nicht. Das heißt, es gibt nichts „Vorpolitisches“, wie Judith Butler sagt. Die eigenen Verwicklungen sind das Thema und damit der Alltag selbst in seiner politischen Dimension. Das heißt auch, dass das, was jeder tut, schon per se diese Dimension hat. Insofern ist man dann natürlich in gewisser Weise auch auf sich selbst zurückgeworfen als Gruppe, aber auf der anderen Seite auch wieder nicht, weil es ganz unterschiedliche Haltungen gibt, die zusammenkommen.

Patten  Unsere Performances stehen sowohl in der Tradition der Live Art als auch in der Tradition des Theaters. Der Gedanke dabei ist, dass ich, wenn ich auf der Bühne stehe, meine Persönlichkeit nicht aufgebe. In unseren Inszenierungen tragen wir unsere eigenen Namen. Das ist das Wesen unserer Arbeit, gleichgültig, ob wir auf die Straße gehen und mit jemandem sprechen, ob wir tanzen, ob wir auf der Bühne stehen oder ein Tennisspiel neu erfinden: Wir bleiben wir selbst. Wir erfüllen eine Aufgabe in Echtzeit an einem realen Ort. Der nicht reduzierbare Kern jedes unserer Projekte ist die simple Tatsache, dass wir wir selbst sind, wenn wir eine Rolle spielen. Darauf lassen sich dann weitere Schichten aufbauen, hier kann dann auf unterschiedliche Weise gefiltert oder interpretiert werden.

„Make yourself“, das sagt der Sportartikelhersteller Nike auch?!

Will  Wir tragen in uns die Multitude, die Vielheit. Die Frage, was ein Individuum ist, beschäftigt uns vor allem in einer Gesellschaft, die Individualität über alles stellt. Was kann es bedeuten, wenn wir sagen „Ich bin ich selbst“? Ich könnte ja durchaus mit dir den Platz tauschen. Selbst das ist fließend.

Trost  Kürzlich waren wir Artists in Residence in Los Angeles, um an „Western Society“ zu arbeiten. Als Teil der Recherche haben wir Jay Lenos „Tonight Show“ besucht. Am nächsten Tag auf der Probe hat eine von uns die Show nachgespielt. Und als ich ihr so dabei zusah, wie sie mit bunten Zuckerstreuseln das Talkshow-Publikum nachstellte, wurde ich auf einmal so stolz, dass wir uns eine Arbeitssituation schaffen können, in der es möglich ist, alle Dinge, die uns begegnen, unmittelbar zu verarbeiten. Ich liebe es, wenn alles, was wir erleben, in unsere Arbeit einfließen kann und wir uns nicht ständig fragen müssen, ob das, was wir tun, bedeutungsvoll ist.

Freiburg  Ich fand es immer logisch, dass wir uns eher auf den Mikrokosmos als auf das Ganze konzentrieren. Das, was ich lebe, ist das Einzige, worüber ich sprechen kann, denn hierzu habe ich eine Beziehung, eine Meinung und Gefühle. Von Anfang an war das für mich der richtige Ansatz. Wie kann ich über etwas sprechen, was außerhalb dessen angesiedelt ist? Wie kann ich auf der Bühne stehen und etwas darstellen, das ich nicht selbst erlebt habe? Mir gefiel, was Bastian kürzlich in eine Probe einbrachte. Er hatte ein Buch über die Pirahã gelesen. In der Weltsicht dieser indigenen Gruppe in Südamerika ist nur das, was jemand selbst erlebt oder mit eigenen Augen gesehen hat, eine gültige Erfahrung. Die Pirahã beschränken ihren Radius damit auf das, was sie direkt erleben. In ihrem Verständnis kann Berit mir erzählen, was sie erlebt hat. Aber wenn ich Sharon von Berits Erlebnis erzählen will, dann ist das schon zu entfernt … Mich inspiriert das. Man schlägt seine Wurzeln im Hier und Jetzt und entwickelt eine Beziehung zu dem, was man unmittelbar und emotional erfährt. Jeder kennt das Problem mit den Nachrichten in der globalisierten Welt. So vieles prasselt auf mich ein, und ich weiß gar nicht, wie ich mich dazu im Verhältnis befinde. Und selbst wenn man mir sagt, was ich fühlen soll, ist es doch kein eigener Instinkt.

Da ist einerseits der Moment, das Hier und Jetzt, und immer weniger Kontinuität. Absprachen sind von einem zum anderen Tag nicht mehr gültig. Andererseits gibt es aber auch die Endlichkeit, der wir alle früher oder später ausgesetzt sind. Adorno schlug einst vor, den Tod abzuschaffen. Das klingt als Gedanke ebenso faszinierend wie unerreichbar oder geradezu gespenstisch. Der ausschließliche Bezug auf das Hier und Jetzt birgt aber auch die Gefahr in sich, das „Ganze“ irgendwann aus dem Blick zu verlieren. Ich finde es gerade heute wichtig, ab und zu zurückzutreten und Abstand zu nehmen, um dem „öffentlichen Gebrüll“ etwas entgegenzusetzen und auch mal ein deutliches Nein formulieren zu können, einen Stillstand. Das hat einen relativierenden Aspekt und hilft, den Blick wieder scharf zu stellen. Wie lassen sich diese beiden Pole vereinbaren?

Freiburg  Aber liegt darin nicht gerade eine Aufwertung des Hier und Jetzt? Wenn es diesen Endpunkt nicht gäbe, wäre man sich der Gegenwart weniger stark bewusst.

Stumpf  Das bringt mich auf den Gedanken, dass die hohen Ziele, die wir uns in unserer Arbeit stecken, der Versuch sind, etwas zu erfassen, das größer ist als wir oder der Augenblick. Diese unmöglichen Ambitionen, auf die solche Titel wie „Saving the World“, „Western Society“ oder „Revolution Now!“ verweisen, sind gewissermaßen schon von vornherein zum Scheitern verurteilt. Wir stellen uns übergroße Aufgaben, doch wir reduzieren uns dabei auf einen Mikrokosmos, der handhabbar ist. Es besteht eindeutig der Wunsch, etwas anzusprechen, das von Dauer ist, etwas, das größer ist als ich. Wir versuchen, zwischen diesen Polen eine Verbindung herzustellen.

Patten  Wenn wir Aennes Metapher folgen, dann ist der Tag der Premiere der Augenblick des Todes − wenn man einen Schaffensprozess als Leben betrachten will.

Trost  Ich finde es lustig, dass wir uns immer diese hohen Ziele stecken. Vielleicht, weil wir das Scheitern lieben. Wir setzen uns nicht ein realistisches Ziel, wie beispielsweise die Herstellung eines Korbes. Das wäre ja machbar. Nein, wir wollen das Scheitern zeigen, als wäre der Erfolg gewissermaßen der Tod.

Thom  Und trotzdem: Es ist wichtig zu betonen, dass wir keine Zyniker sind. Unser Ansatz ist zunächst so eine Art naiver, blinder Glaube.

Und der Punkt ist doch, ob man sich selbst als Teil der Fragestellung versteht und dass es nicht darum geht, über jemanden zu sprechen.

Thom  Richtig.

Will  Mir fallen hier die frühen Gob-Squad-Projekte ein, bei denen wir in vielfacher Hinsicht versuchten zu kommunizieren. Ich denke an „Calling Laika“ – das Gespräch mit den Sternen als unmögliche Aufgabe, und doch so – ernsthaft, man kann sagen, mit ernsthaftem Augenzwinkern. Ironie ist ja ein Wort, das häufig fällt, wenn von Gob Squad die Rede ist. Tatsächlich bedienen wir uns aber der Ironie mit einer Ernsthaftigkeit, die alles andere als zynisch ist. Wir mögen das Spiel, Verspieltheit. Aber trotzdem nehmen wir die Aufgabe ernst: In Ordnung, wir sollen mit den Sternen reden. Dann lasst uns das tun! Und lasst die Idee davon, dass es möglich wäre, uns und die Zuschauer beflügeln.

Freiburg  Es geht uns darum, utopische Momente zu schaffen. Die Überzeugung: Wenn du eine dieser Aufgaben erfüllen kannst, kann dir auch anderes gelingen. Vielleicht kannst du sogar den Tod überwinden.

Thom  Oder die Angst vor dem Tod.

Freiburg  Was mir wichtig ist: Selbst wenn jede Arbeit ihren Beginn in unseren eigenen Leben findet, geht es dabei nie um mich und nur um mich oder andere einzelne Individuen. Es geht immer um eine Gruppe von Menschen in ihren Beziehungen zueinander. Gleichgültig, ob es sich um „Super Night Shot“ oder „Are you with us?“ handelt. Damit schaffen wir, vielleicht sogar unbewusst, eine Art Rollenmodell. Und das ist hoffentlich auch das, was von uns bleiben wird, wenn es uns einmal nicht mehr gibt. Vielleicht inspiriert dieses Beispiel andere Arten des Zusammenseins, vielleicht ändert sich damit auch irgendwann etwas auf gesellschaftlicher Ebene.

Stumpf  Dabei schaffen wir nicht vorbildliche Heldenfiguren, die über allem stehen. Wir präsentieren vielmehr einen Helden, der nicht unfehlbar ist. Ganz im Gegenteil. Unser Held ist schwach. Er duckt sich weg, fragt, zweifelt und scheitert.

Will  Der Held kann auch eine Gruppe sein. Der Held ist nicht eine Person, sondern ein Bild von …

… einem Zwitterwesen aus sieben Kontrollfreaks.

Will  Genau.

Thom  Das führt uns zurück zur Frage des Individuums und des Kollektivs. Natürlich arbeiten wir kollektiv als Individuen. Das heißt, wir müssen an mehr als nur an uns selber denken. Es gibt immer mehrere Meinungen, die wir berücksichtigen müssen. Das ist ein Zusammenspiel, das mir gefällt, weil es uns erlaubt zu sagen: Ich bin nicht sicher. Zweifel sind erlaubt. Diese Offenheit ermöglicht, dass man auch seine Meinung ändern kann, dass man sich überzeugen lässt, loslässt, mit andern Worten: man kooperiert. Verstehst du? Es ist schwer, mit jemandem zu arbeiten, der sich zu sicher ist.

Allerdings war es ein langer Weg, bis ihr diese Ebene in eurer Zusammenarbeit erreicht habt …

Trost  Ich finde auch, dass das gängige Vorurteil – dass es nervt, wenn man als Kollektiv über alles reden muss, und es einfacher wäre, wenn einer bestimmen würde – nicht stimmt. Manchmal arbeite ich in hierarchischen Strukturen. Ich kenne also beide Seiten, und der Unterschied erscheint mir gar nicht so groß. Ich meine nicht, dass der eine Ansatz nerviger ist als der andere. Denn in der Hierarchie können Frust und Langeweile dominieren. Wenn man dagegen in einem Kollektiv arbeitet, dann ist es zwar manchmal ärgerlich, dass man so viel reden muss, aber die Offenheit, die Möglichkeit, dass man etwas sagt und die anderen hören zu, ist befriedigend. Anders als in einer Situation, in der man sich zurückhalten muss, um einem vielleicht total langweiligen „Genie“ zuzuhören. Das kann mindestens genauso nerven wie die Arbeit in einem Kollektiv.

Im Hinblick auf das siebenköpfige Gob-Squad-Wesen könnte man auch mit Beatriz Preciado sagen: „Sie sagen Humankapital. Wir sagen ein Bündnis der vielen Spezies. Sie sagen Repräsentation. Wir sagen Experiment.“

Thom  Oder auch: „Sie sagen Identität. Wir sagen viele. „

Zum Abschluss vielleicht noch ein paar Worte zu eurer neuen Produktion „Western Society“, für die ihr hier gerade [2013] im HAU3 probt?

Will  Schwieriger Zeitpunkt für die Frage: Das Projekt steckt noch in den Kinderschuhen.

Trost  Vielleicht kann Sharon erzählen, wie sie die Videos gefunden hat, die wir so inspirierend finden.

Sharon Smith  Da gibt es eine Reihe Videos auf YouTube, alles scheinbar Aufnahmen von einer Familienfeier, auf der auch Karaoke gesungen wird. Die Kamera befindet sich an einer festen Position über dem Karaokemonitor. Dadurch entsteht ein Bildausschnitt, in dessen Zentrum der Karaokesänger steht. Die Party findet um ihn herum statt. Jedes Video dauert so lange wie der Song, der gerade gesungen wird. Wir haben hier also eine unglaubliche, schöne und zugleich banale Serie von Drei-Minuten-Videos, die eigentlich eher bewegte Familienporträts sind. Eines davon haben wir ausgewählt. Für uns wird das Ganze zu einer Choreografie; wenn man es immer wieder abspielt, folgt jeder seinem immer gleichen Pfad. Es gibt gelangweilte Teenager, eine Großmutter, einer sieht wie ein Onkel aus, ein paar Nachbarn … Allen gemeinsam ist: Sie essen Kuchen und ignorieren überwiegend den Sänger. Sie sind zusammen, und gleichzeitig ist jeder allein. Wirkliche Kommunikation findet nicht statt. Sie sind „zusammen einsam“. Unser Ausgangspunkt war also die möglichst exakte Rekonstruktion eines dieser Familienvideos.

Stumpf  Auch hier sahen wir das Bild wiederum als Mikrokosmos für etwas Größeres, in diesem Fall ein Bild für unsere westliche Gesellschaft. Eine Familie versammelt sich, doch jeder bleibt für sich. In der Tatsache, dass sie sich überhaupt versammeln, liegt etwas Utopisches, all diese verschiedenen Menschen und Generationen. Doch sie kommen zusammen ohne zu kommunizieren, sie scheinen einfach nur zu koexistieren. Eine Utopie, die zugleich Dystopie ist − beides innerhalb desselben Bildes.

Smith  Das Video funktioniert als Mikrokosmos, weil die Familie nicht dadurch zusammengehalten wird, dass alle gleich sind. Ihre Bindung entsteht vielmehr in einem Nebeneinander von Differenz; die Familie erinnert uns damit an ein Kollektiv oder an die Gesellschaft. Wir wollen das Video live rekonstruieren, aber auch stoppen, hineingehen und schauen, was sie sagen und denken. Ich hoffe, es gelingt uns, diese Charaktere zum Reden zu bringen.

Trost  Rahmen haben uns immer fasziniert. Unsere Projekte haben oft eine Art Rahmen, durch den wir die Realität betrachten. Hier hat jemand anderes das für uns getan. Wenn du das Video anschaust, erkennst du, dass der Rahmen sehr wichtig ist. Manchmal sieht es fast aus wie ein Gemälde.

Freiburg  Die Familie verfolgt den Karaoketext auf dem Monitor, und weil sich darauf die Kamera befindet, schauen alle den Betrachter an. Als befolgten sie eine Regieanweisung für einen Film oder eine Performance. Dabei sind sie einfach nur in ihrem Zuhause.

Stumpf  Das Faszinierende ist auch, dass trotz dieser zufälligen frontalen Ausrichtung niemand für ein Publikum spielt. Es sieht so aus, als hätte jemand die Kamera aufgestellt, und dann wurde sie vergessen … Niemand kontrolliert das Bild. Sie existieren einfach in ihm. Gleichzeitig sind sie nicht wirklich anwesend: Sie spielen mit ihren Handys, sind offenbar mit anderen virtuellen Welten beschäftigt oder haben über ihr Telefon Kontakt zu jemandem, der bei dieser Zusammenkunft nicht anwesend ist. Und auch das interessiert uns: Technologie verbindet und trennt uns gleichermaßen.

Freiburg  Die Familie lebt irgendwo in den USA, vermutlich in Santa Barbara. Einzig das Internet verbindet uns mit ihnen. Wir scheinen die einzigen Zuschauer zu sein. Die Familienmitglieder schauen sich nicht einmal selber zu.

Smith  Keinen interessiert es. Die Videos stehen seit 2009 im Netz und wurden zirka 13 Mal angeklickt.

Stumpf  Aber das ist genau das Ding. Es geht um den globalen Zugriff. Du stellst etwas in die Welt, aber wer hört wirklich hin? Wer schaut letztlich zu?

Ihr könntet versuchen herauszufinden, wer die Zuschauer sind!

Smith  Ihre Hits sind jetzt bei etwa 97. Aber das sind vermutlich wir, die wir die Videos immer wieder anschauen.

Thom  Ich würde meinen, dass dieses YouTube-Video für „Western Society“ unser zentraler Text ist. Auch wenn es eigentlich gar kein Text ist, finden wir darin so viele verschiedene Themen und Ebenen, dass ich es unseren zentralen Text nenne. Und die Tatsache, dass es ein YouTube-Fundstück ist, spricht für sich.

Will  Kultureller Müll transformiert sich.


Aus dem Englischen von Lilian-Astrid Geese.

Dieses Interview ist erschienen im Arbeitsbuch „Das SPIELART Festival München“, Verlag Theater der Zeit, Berlin 2013.