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Laudatio zur Verleihung des George-Tabori-Preises an She She Pop

von Annett Gröschner
6. September 2015

Ich stehe hier in einem Kostüm, mit dem mich eine gewisse Hassliebe verbindet. Seit 2012 bin ich in diesem Outfit Gast (oder Ilia, würdest Du sagen: Gästin?) im She She Pop-Stück Schubladen. Ich bin eine der drei sogenannten Ostkolleginnen, wie es oft reichlich verkürzt in Vorankündigungen und Kritiken heißt, denn eigentlich bin ich genaugenommen keine Kollegin, ich bin Schriftstellerin – und ich lebe schon länger in der Bundesrepublik als ich in der DDR gelebt habe. Aber die Grenzen sind fließend und im Stück geht es um genau das, um die Zuschreibungen von außen und die Sozialisationen, die ihre Spuren im Inneren hinterlassen haben.

Ich möchte eine Geschichte erzählen, die mit She She Pop zu tun hat, auch wenn es im ersten Moment nicht so aussieht. Und ich möchte es im Duktus der She She Popschen Bühnensprache tun:
„Ich habe euch ein Bild mitgebracht: Ich bin 18 und arbeite als Ankleiderin an den Bühnen der Stadt Magdeburg, weil ich keinen Studienplatz bekommen habe, der zu mir passt. Also überbrücke ich die Zeit, um mich am Theater umzuschauen. Was heißt: Ich stehe am Bügelbrett. Es ist eine schlecht bezahlte Fronarbeit, geteilte Dienste, 90 gewaschene und gebügelte Hemden für den Herrenchor pro Tannhäuser-Aufführung, und als ich während der Vorstellung hinter der Bühne nicht in die Luft starre, sondern Heiner Müller lese, bekomme ich eine Missbilligung vom Generalintendanten. Aber das Schlimmste ist, die Schauspielerinnen können mich allesamt nicht leiden. Ich brauche eine Weile, ehe ich begreife, dass sie denken, ich wolle ebenfalls Schauspielerin werden, eine potentielle Konkurrenz. Die über 35-jährigen haben zuviel Zeit zum Grübeln, weil sie stundenlang hinter der Bühne auf ihren einzigen Auftritt als komische Alte oder böse Stiefmutter warten, denn es gibt kaum Rollen für sie.
Sie werden erst freundlicher, als sie erfahren, dass ich Germanistik studieren will. Und ich verstehe sie erst, als ich das System verstehe.

Die Ironie der Geschichte ist eine doppelte: mit 48 Jahren stand ich dann doch auf der Bühne – als Gastperformerin bei She She Pop, und es ist schnurzpiepegal, wie alt ich bin.
Sie könnten das jetzt als eine autobiographische Geschichte deuten, die, auf der Bühne erzählt, Teil eines autobiographischen Theaterstücks wäre. Tatsächlich ist der Bezug zum eigenen Leben eine Methode von She She Pop, nicht das Thema. In einem Stück über Konstellationen und Machtstrukturen, über Handlungsfähigkeit und Ohnmacht, über geschlechtsspezifische Hierarchien auf dem Theater, würde diese Geschichte im Laufe der gemeinsamen Arbeit noch heftigen Veränderungen unterworfen werden. Johanna würde mir den Tannhäuser rausstreichen und Lisa mit mir diskutieren, ob der Heiner Müller da wirklich drin sein muss, bis meine Geschichte eine ins Beispielhafte stilisierte Position geworden ist, die ins Allgemeine übertragen, auch - wie im Stück Frühlingsopfer praktiziert, auf einen Satz reduziert werden könnte: „Einige von uns sind im Stadttheater nicht glücklich geworden.“

Durch Performancegruppen wie She She Pop hat sich das Verhältnis von Frauen zur Bühne verändert, wie das moderne Tanztheater die Ballerina aus ihrem Körpergefängnis befreit hat.
She She Pop ist ein Frauenkollektiv. Daran, so hat die Gruppe in ihrer Selbstbeschreibung erläutert, ändern männliche Mitglieder und Kollaborateure nur wenig.

Wenn Sie ‚Frauenkollektiv’ zusammen mit dem Wort ‚Gender’ lobend in die sozialen Netzwerke streuen würden, könnten Sie sich vor verbalen Anfeindungen nicht retten. In diesem Sinne ist das Theater seit fast zwanzig Jahren und 25 Produktionen, seit die Gruppe 1998 von Absolventinnen des Gießener Instituts für Angewandte Theaterwissenschaft gegründet wurde, ein Schutzraum, in dem Grenzen kunstvoll und gezielt überschritten werden, die des Körpers, der Kommunikation und der Gesellschaft. She She Pop ist ein gelebtes Modell und das einzige Kollektiv, das ich kenne – und ich kannte und kenne viele – das funktioniert, und das seit vielen Jahren eine flache Hierarchie nicht nur behauptet, sondern dessen Erfolg in der klaren, aber stets rotierenden Aufgabenverteilung besteht. Niemand ist nur Regisseurin, niemand steht nur auf der Bühne, niemand schreibt nur. Die Stücke werden gemeinsam erarbeitet, ein intensiver und schon deshalb beglückender Prozess.

Das Prinzip der strengen Arbeitsteilung bei gleichzeitiger Hierarchisierung, dem viele etwas entgegensetzen wollen und scheitern, hier ist es erfolgreich außer Kraft gesetzt, was keineswegs heißt, dass es konfliktlos wäre, aber das wäre auch der Tod der Performance.

Das Kollektiv schließt auch jene ein, die als Gäste dazukommen oder die Technik verantworten. Ich bin noch nie so gerne mit meiner Arbeit unterwegs gewesen wie mit She She Pop. An diesem Haus hier haben Testament, Ende, Schubladen und Frühlingsopfer Premiere gehabt. Mit Testament, aus dem der King Lear (ein beliebtes Stadttheaterstück zur Beschäftigung von drei Frauen gleichzeitig und dem ältesten Herrn des Ensembles) wie ein Stichwortgeber herauslugt, sind sie weit herumgekommen. Die Metapher ist universal. Ein Stück, das deshalb national wie international erfolgreich ist, weil überall auf der Welt Väter und Kinder gezwungen sind, das komplizierte Tauschverhältnis zwischen den Generationen zu verhandeln. Sebastian könnte also, wie in Testament, wo er den Gegenwert für Zeit und Geschenke für seine Nichten und Neffen in Euro umrechnet, hier stehen und fragen: Was bekomme ich für meinen Einsatz, für meine Selbstentblößungen, für mein prekäres Leben, für meine Abarbeiten an der Gesellschaft?

Und ich antworte, du kriegst zusammen mit deinen Kolleginnen von She She Pop den George-Tabori-Preis. Und ihr bekommt ihn auch deshalb, weil die Stücke in ihren besten Momenten – und davon gibt es viele – etwas mit George Taboris Methode zu tun haben. Wir lachen, aber im richtigen Moment bleibt uns das Lachen im Hals stecken.

Gehalten am 6.9.15 im HAU1, Berlin
Copyright: Annett Gröschner