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"Das hier ist jetzt auch für uns"

Annemie Vanackere im Gespräch mit Michaela Schlagenwerth

Annemie Vanackere ist seit dem Sommer 2012 die Intendantin des aus drei Spielstätten bestehenden Theaters HAU Hebbel am Ufer. Ein Gespräch über das Jugendtheaterkonzept des ‚Houseclubs‘ und die Kooperation mit der Hector-Peterson-Schule.

Michaela Schlagenwerth: Frau Vanackere, Sie geben der Arbeit mit Jugendlichen viel Raum in Ihrem Theater. Warum tun Sie das? 

Annemie Vanackere: Die Grundidee des Houseclubs – Künstler arbeiten mit Schülerinnen und Schülern und recherchieren dabei mit ihnen zu ihren eigenen Themen – wurde vor meiner Zeit entwickelt. Das war aber noch ganz in den Anfängen und ich habe schnell entschieden, dass wir das weiter entwickeln und in die Struktur des Hauses integrieren werden. Was ich am Houseclub-Konzept sehr mag, ist die nicht-pädagogische Herangehensweise. Wir arbeiten auch mit anderen Schulen und mit unterschiedlichen Angeboten, aber das Herzstück des Houseclubs ist die intensive Kooperation mit der Hector-Peterson-Schule. Das heißt, wir arbeiten vor allem mit Jugendlichen zusammen, deren Welt zu Hause oft anderen Regeln folgt, als sie es dann in der Schule erleben. Und dann kommt hier im Houseclub die Kunst dazu, in deren Welt noch einmal ganz anders in alle möglichen Richtungen gedacht, befragt, erfunden wird. Ich glaube, das öffnet etwas. Ich halte das für eine wichtige Arbeit.

Was bedeutet es, so kontinuierlich mit einer Schule als festem Partner zu arbeiten?

Annemie Vanackere: Es gibt Dinge, die sich nur durch eine langfristige Zusammenarbeit entwickeln können. Wir hatten vor kurzem eine größere Houseclub-Premiere mit Schülerinnen und Schülern, die sich bereits im zweiten Houseclub-Jahr befinden. Die Jugendlichen waren so präsent. Das war ein riesiger Unterschied zu dem, wie sie vor gerade einmal eineinhalb Jahren hier begonnen hatten. Man hat gemerkt, sie entwickeln ein Selbstbewusstsein und auch ein Selbstverständnis für das, was sie hier tun. Man spürt eine andere innere Haltung. Sie sagen: „Okay, das hier ist jetzt auch für uns. Das HAU ist auch unser Theater und es gibt dort Künstler, denen die Zusammenarbeit mit uns etwas bedeutet.“

Und was bedeutet es für die Künstlerinnen und Künstler?

Annemie Vanackere: Das ist sehr unterschiedlich und deswegen nicht so einfach zu fassen. Es gibt Künstler, die wirklich eine Recherchefrage haben und sie mit den Jugendlichen ausprobieren und mit ihnen daran arbeiten. Andere Künstler haben wieder andere Herangehensweisen. Manchmal verlaufen die Projekte sehr holprig, es gelingt auf keinen Fall alles. Es ist mit den Jugendlichen immer ein Ringen um Aufmerksamkeit, um Konzentrationsspannen. Auf alle Fälle ist es jedes Mal für beide Seiten, also auch für die Künstler, ein Aufschlag in einer anderen Lebenswelt.

Zurzeit entspinnt sich eine Debatte darüber, welchen Auftrag Kulturinstitutionen in einer sich massiv verändernden Gesellschaft haben. Wie sie über ihr meist akademisch gebildetes Publikum hinaus auch Angebote für andere Bevölkerungsschichten machen können. Wie positioniert sich das HAU in dieser Debatte?

Annemie Vanackere: Zunächst muss ich sagen: Das Konzept „Alles sollte für alle sein“ finde ich problematisch. So funktioniert Kunst nicht. Sport übrigens auch nicht. Gleichzeitig nehmen wir in unserem konkreten Tun schon so etwas wie einen politischen Auftrag wahr. Für mich hat der Houseclub und die enge Partnerschaft mit der Hector-Peterson-Schule in diesem Sinne auch eine Symbolkraft. Die konkrete Arbeit stellt uns ständig vor größere Fragen. Zum Beispiel, ob man Jugendliche vor allem durch „doing“ , also durch das Selbermachen in Projekten mit den Performing Arts vertraut macht, oder ob das „looking at“, das Besuchen von Aufführungen, nicht eine größere Rolle spielen sollte als es im Moment der Fall ist. Neben dem „learning by doing“ finde ich das „learning by looking“ auch sehr wichtig. Die Aufführungen machen uns als Theater aus, die Begegnung mit einem künstlerischen Vorschlag ist ein Gut an sich. Wir diskutieren im Moment darüber, wie wir diese unterschiedlichen Strategien miteinander in Balance bringen können. Das ist übrigens auch eine Kapazitätsfrage.

Wenn man keinen Zugang zu diesem Gut findet, kann es einem auch schlicht vorführen: Ihr gehört nicht dazu. Ich glaube, in der Kulturvermittlung werden migrantische Kinder und Jugendliche, auch in interaktiven Programmen, nicht selten zu passiven Empfängern des kulturellen Status quo gemacht. Bezüge zu ihren eigenen kulturellen Zusammenhängen fehlen völlig und letztlich wird in einer solchen Art der Kulturvermittlung ganz unreflektiert strukturelle Benachteiligung reproduziert. 

Annemie Vanackere: Das steht außer Frage, deswegen hat der Houseclub so ein starkes Gewicht. Es geht dabei nicht um die Vermittlung von Werken, sondern darum, den Jugendlichen die Methoden der Performing Arts zu ihrer eigenen freien Nutzung nahe zu bringen. Es geht um symbolisches Material, das ihnen zur eigenen Überformung zur Verfügung gestellt wird. Dieses Angebot schlägt eine Brücke zu dem, was wir hier im Theater tun. Zu den Performing Arts, die wir im HAU zeigen – die also nicht klassische Erzählmuster oder herkömmliche Schönheitsbilder repräsentieren – haben die Jugendlichen erst einmal keinen Zugang, es ist etwas, was ihnen eher fremd und auch befremdlich erscheint. Dass die Houseclub-Jugendlichen das, was wir hier machen, nach einer Weile „normal“ finden, dass sich ihnen etwas davon erschließt, das finde ich in vielen Hinsichten einen unglaublichen Gewinn. So etwas entsteht nur durch eine intensive Zusammenarbeit, und deswegen kann man so etwas nicht mit vielen Schulen machen. Manchmal frage ich mich, ist das nicht zu klein? Aber dann denke ich: Nein, das ist unsere Nachbarschaft, das ist sehr lokal, wir erreichen nur wenige, aber die erreichen wir wirklich. Die Arbeit zeigt den Jugendlichen auch, dass Künstler ein Berufsbild ist. Dass man Schauspieler, Tänzer, Choreograf und Regisseur sein kann, oder auch Lichtdesigner.

Der Houseclub eröffnet den Jugendlichen die Möglichkeit, ein aktiver Teil des gesellschaftlichen Diskurses sein zu können, und zwar dort, wo er öffentlich geführt wird, in einer Kulturinstitution, im HAU. Der Houseclub ist ursprünglich aus dem ‚audience development‘ entstanden, aber ich finde, auch wenn danach niemand von den Jugendlichen sich beruflich in diesen Bereich hinein entwickelt und auch wenn überhaupt keiner von ihnen je wieder ins Theater gehen würde, würde das den Sinn dieser Arbeit nicht im Geringsten schmälern. Wie sehen Sie das?

Annemie Vanackere: Als Theaterintendantin ist es mir ein Anliegen, unser zukünftiges Publikum mit zu entwickeln. Insofern kann ich das nicht unterschreiben. Aber gleichzeitig sehe ich: Wie eine Gesellschaft sich in der Kunst über sich selbst verständigt, daran wollen und müssen wir die Jugendlichen aller Kulturhintergründe beteiligen. Es kann nicht sein, dass für diejenigen, die nicht per se einen Zugang haben Kulturinstitutionen blinde Flecken bleiben, Symbole des Nicht-dazu-Gehörens. Für uns sind die intensiven Zugänge, die wir durch den Houseclub schaffen, der Weg, daran etwas zu verändern. Welche Menschen wir an diesem Theater beteiligen, wer hierher kommt, wem wir etwas zeigen, das ist für uns eine ganz grundsätzliche Frage. Man könnte sagen, es geht um audience development, aber das trifft es nur zum Teil. Vieles in unserem Programm hat einen politischen Ansatz. Aber wen erreichen wir mit diesen Produktionen? Kommt eine eingeschworene Community, die sowieso schon in die gleiche Richtung denkt oder erreicht man auch Menschen, für die ästhetisch wie inhaltlich etwas Neues verhandelt wird? Auch dafür suchen wir nach passenden Wegen und Angeboten.

Haben Sie Houseclub-Lieblingsproduktionen?

Annemie Vanackere: Zuletzt fand ich die Arbeit von Franziska Seeberg sehr schön. Die fand im Rahmen unseres Themenschwerpunkts ‚Waffenlounge‘ statt, in dem wir Künstler und Gruppen wie Rimini Protokoll mit "Situation Rooms", Hans Werner Kroesinger mit "Exporting War" und andere Arbeiten gezeigt haben. In unserer begleitenden Publikation haben die Jugendlichen darüber Auskunft gegeben, wo man in ihrem Kiez Waffen kaufen kann. Die Inszenierung, die Franziska Seeberg mit den Jugendlichen erarbeitet hat, war sehr diszipliniert, und zugleich sehr bei sich. Man konnte sehen, was für eine vertrauensvolle Arbeit da stattgefunden hat. Das war ein gelungenes Zusammenspiel. Die Einbindung in das, was wir im Rahmen des Themenschwerpunkts insgesamt gemacht hatten, war wirklich gelungen. Besondere Arbeiten sind auch im Rahmen von ‚We like China and China likes us‘ entstanden. Das war ein weit aufgefächertes Projekt, das noch die frühere Jugendtheaterdramaturgin Mijke Harmsen auf den Weg gebracht hatte. Wir machen zu unseren Themenschwerpunkten immer wieder sehr lesenswerte Publikationen, die meistens als taz-Beilage herausgebracht werden. Aber was wir alles mit dem Houseclub machen, weiß kaum einer. Wir haben uns gesagt, dass taz-Leser auch einmal sehen sollen, was in so einer Schule passiert und was für eine Zusammenarbeit sich mit dem HAU entwickelt hat. Darüber gibt es wenig öffentliches Bewusstsein. Ganz sicher ist für die Jugendlichen die Erfahrung, auf der Bühne zu stehen, sich dort auszudrücken und Beifall zu bekommen, elementar. Aber dass sie Teil solcher Themenschwerpunkte sind, dass sie mit ihren Arbeiten ganz regulär im Programm eingebunden sind und dass das auf der Website und in den Publikationen sichtbar ist, das ist so ein wichtiger Schritt in der Sichtbarmachung. Es macht klar, ihre Arbeit ist ein Teil dessen, was in diesem Theater geschieht.

Interview: Michaela Schlagenwerth

Erschienen in:
Schlagenwerth, Michaela: "Kunst ist normal" Wie die Hector-Peterson-Schule zu ihrem künstlerisch-kreativen Schulprofil kam, Alexander Verlag, 2016.