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"Woher bringt ihr uns immer all diese Verrückten?"

von Julia Schreiner

Das HAU Hebbel am Ufer hat einen Houseclub. Der Houseclub, das ist vieles in einem: Ein Proberaum, ein Festivalbeitrag, eine Künstlerresidenz und eine langjährige Jugendarbeit, u.a. in Kooperation mit der Hector-Peterson-Schule.

Künstler*innen bekommen den Proberaum des Houseclub in einer Residenz und arbeiten in dieser Zeit regelmäßig mit Schüler*innengruppen, das ist der Kern des Konzepts. Die Idee einer Künstlerresidenz und gleichzeitigen Zusammenarbeit mit Jugendlichen aus dem Bezirk ist einmalig und beispielhaft.

Der Houseclub ist am HAU programmatisch fest verankert. Die Präsentationen sind Teil des Spielplans und zum Teil sind sie auch thematisch in die Festivals des HAU eingebunden. Das HAU streckt sehr konkret seine Fühler in die Nachbarschaft aus und engagiert sich nicht nur künstlerisch. Durch die intensive Kooperation des Theaters mit der Hector-Peterson-Schule haben sich im Laufe der Jahre beide Partner verändert. Die Schule hat ein künstlerisches Profil bekommen. Vom HAU gingen hierfür wichtige Impulse aus. Umgekehrt wirkt die Präsenz der Jugendlichen, die über den langen Zeitraum von mindestens zwei Jahren kontinuierlich im Theater arbeiten, auch in das HAU hinein. Zahlreiche internationale Künstler*innen haben sich in den letzten Jahren auf die Zusammenarbeit und Recherche mit den Jugendlichen eingelassen und daraus ganz unterschiedliche Impulse für ihre Arbeit mitgenommen.

Der Houseclub heute, das ist ein nachhaltiges Dauerprojekt, von dem alle profitieren. Die Schüler*innen lernen in ihrer Zeit an der Hector-Peterson-Schule mehrere Künstler*innen, ästhetische Ansätze und Lebensentwürfe kennen. Die Arbeiten sind keine einmaligen Ausflüge oder Projekttage in die Theaterwelt, sondern die Schüler*innen entwickeln sich durch die kontinuierliche Arbeit im Houseclub, sie werden sichtbar und vertrauter in ihrer Kommunikation mit der Kunst und den Künstler*innen. Sie machen das Theater nebenan, das HAU, zu ihrem Ort.

Ich erinnere die Anfangszeit des Houseclubs mit Mijke Harmsen und ihrem Team als ein aufregendes, stadtweit und viel diskutiertes Projekt, als eine Zeit, in der die Arbeit mit den Schüler*innen ein Experimentieren und gegenseitiges Aneinanderreiben war. Aus diesem Versuchsfeld tauchten immer wieder Arbeiten bei HAU-Schwerpunkten oder in Zusammenhängen wie dem ‚Jump&Run‘-Festival in Kooperation mit dem Deutschen Theater und dem Theater an der Parkaue auf, die mich verblüfften und faszinierten.

Inzwischen sind die Idee sowie die Zusammenarbeit zwischen Schule und Theater unter diesem Label schon mehrere Jahre alt, 2016 feiern wir „5 Jahre Houseclub“. In so einer langen und intensiven Zeit verändern sich Formate, Häuser und Menschen. Auch der Houseclub hat sich in diesen Jahren verändert und weiter entwickelt, er ist klarer und fokussierter geworden und hat dennoch keine wiederholbare, feste Form. Der experimentelle Charakter und die Begegnung unterschiedlichster Welten ist eine immer neue und ganz eigene Avantgarde.

Beispielhafte Projekte in den letzten Jahren gibt es zahlreiche und auf Grund ihrer Unterschiedlichkeit ist es nicht einfach, eines herauszustellen. Große Produktionen mit der Performancegruppe Turbo Pascal, Festivals wie ‚Jump & Run‘ oder auch das langjährige Tanzprojekt ‚We like China and China likes us‘ (gefördert von Tanzfonds Partner, einer Initiative der Kulturstiftung des Bundes) fallen natürlich besonders auf. Für ‚We like China‘ entstand, wie zu allen Festivals des HAUs, eine Zeitschrift, die der taz beigelegt und stadtweit verteilt wurde. Auch in den anderen Festivalzeitungen wird die Arbeit mit unseren jugendlichen Nachbar*innen jeweils aufgegriffen und reflektiert. Die Sichtbarkeit des Houseclub geht über die eigentliche Projektarbeit hinaus.

Eine der ersten Arbeiten, mit denen sich der Houseclub an die Festivalthemen des HAU andockte, war Franziska Seebergs Arbeit mit einer neunten Klasse: Weapon of Choice – oder: Gibt es Helden ohne Waffen? im Rahmen des Festivals ‚Waffenlounge‘.

Gearbeitet wurde in diesem Houseclub – wie gewöhnlich – drei bis viermal in der Woche, in der Schulzeit, in Unterrichtsstunden, die für das Theater umgewidmet werden. Die Jugendlichen kommen ins Theater, in die gleichnamige Probebühne und erarbeiten gemeinsam mit den Künstler*innen die Präsentationen. Bei Franziska Seeberg standen verschiedene Ausflüge und Besuche zu ‚waffenrelevanten‘ Themen auf dem Programm, Texte wurden aufgezeichnet und geschrieben, Musik mit dem Mobiltelefon komponiert und im Hintergrund geklärt, ob man ein Projekt zum Thema ‚Waffen‘ mit den Jugendlichen überhaupt machen ‚darf‘. Bei vier Ausflügen – mit einem ehemaligen Gangmitglied der legendären ‚36 Boys‘, mit einem Jäger, der Landesjugendleiterin und Europameisterin für Sportschießen und einer Bezirksabschnittspolizistin – machte die jugendliche Begeisterung der Teilnehmer*innen den Crashtest mit der Wirklichkeit. Einige ernüchternde Erkenntnisse blieben haften. Etwa: Wer einen Waffenschein hat und ihn behalten will, der darf sich nichts zuschulden kommen lassen, der darf nicht einmal beim Schwarzfahren erwischt werden. Aus den Besuchen und den Probengesprächen entstanden eine Textcollage und schließlich ein augenzwinkernd-melancholisches Musiktheater. Während Franziska Seeberg eher durch das Thema und die Anbindung an ein Festival geleitet war, konnte Damian Rebgetz in Something for Hector (in Anlehnung an sein Solo Something for the Fans) mit einer klaren ästhetischen Setzung in die Arbeit gehen und vom Houseclub auch neben den Workshopzeiten als Proberaum profitieren. Bei Damian erarbeiteten die Jugendlichen eigene Geschichten, die sie in Teilen des Bühnenbilds der Inszenierung Something for the Fans präsentierten. Die Vorstellung setzte sich aus einer Folge sehr persönlicher kleiner Vorträge zusammen. Die Schüler*innen und das Publikum hatten die Möglichkeit, direkt im Anschluss an die Houseclub-Präsentation die Vorstellung von Damian Rebgetz im HAU3 zu sehen.

Um in einer so großen ästhetischen Bandbreite, mit so unterschiedlichen Menschen zusammenzukommen und zudem flexibel und teilweise sehr kurzfristig die jeweiligen Stundenpläne und Verfügbarkeiten zu koordinieren, muss eine Partnerschaft lange wachsen – Menschen auf allen Seiten müssen das Projekt wollen und es muss ein gegenseitiges Vertrauen herrschen.

Da diese Zusammenarbeit ziemlich zeitaufwendig ist, hat sich das Hebbel am Ufer in den letzten Jahren immer mehr auf die Arbeit mit der Hector-Peterson-Schule konzentriert. Waren es anfänglich noch bis zu drei Schulen, die zeitgleich eine*n Künstler*in im Houseclub besuchten, ist dies nun fokussierter. Zudem ist die nachbarschaftliche Nähe bereichernd für das Theater. Die Möglichkeit, unseren jungen Nachbarn nicht ‚nur‘ die bereits erwähnten einmaligen Begegnungen mit dem Theater anzubieten, sondern ihnen in ihrer gesamten Sekundarschulzeit mehrmals eine ganze Bandbreite an „Verrückten“ an die Seite zu stellen, mit denen sie in einen intensiven Austausch gehen, lässt die Schüler*innen in vielerlei Hinsicht wachsen: Mental, in ihrer Offenheit für verschiedene Ansichten auf die Welt; in ihrer Fähigkeit, sich selbst und den eigenen Ansichten zu vertrauen und darin, diese nach außen zu vertreten. Das ist der große Reiz dieses Modellprojekts.

Erschienen in:
Schlagenwerth, Michaela: "Kunst ist normal" Wie die Hector-Peterson-Schule zu ihrem künstlerisch-kreativen Schulprofil kam, Alexander Verlag, 2016.