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Panaibra Gabriel Canda - Return to Sender

Wir haben am Festival "Return to Sender" beteiligte Künstler gebeten, einen offenen Brief zu schreiben. Adressat und Inhalt waren frei wählbar. Es kamen sechs Einsendungen zurück, die hier dokumentiert sind.
To whom it may concern

Es ist bekannt, dass das 19. Jahrhundert für Afrika eine Periode war, die auf seine Dekolonisierung  hinauslief. Das war im allgemeinen kein friedlicher Prozess, sondern geprägt von der Gewalt der Unabhängigkeitskriege. Im 20. Jahrhundert folgten neue ideologische Grabenkämpfe, diesmal zwischen dem westlichen Kapitalismus und dem Kommunismus osteuropäischer Prägung. Die Idee der Unabhängigkeit wurde auf diese Weise sogleich wieder untergraben. Die entstehenden Nationen verloren sämtliche Möglichkeiten, einen Aufbau – die Organisation ihrer Gesellschaft – auf der Grundlage ihrer eigenen Ideologien zu verwirklichen.

Im Falle Mosambiks versank das Land nach einem 11 Jahre andauernden Kolonialkrieg in einen vom Ausland finanzierten Bürgerkrieg. Der währte 16 Jahre lang und hinterließ eine Bilanz von 1 Million Toten, 4 Millionen Überlebenden und Flüchtlingen und mehr als 300.000 Waisen.

Mosambik produziert keine Waffen, jedoch brachte der ideologische Konflikt zwischen West und Ost eine enorme Menge von ihnen dorthin. Nach dem Ende des Kalten Krieges musste sich das Land mit einem neuen Phänomen befassen: der dauerhaften  Aufbewahrung und Wartung von Tötungsmaschinen, die sowohl aus dem kolonialen Erbe stammten als auch aus dem beendeten ideologischen Krieg. Die Militärstützpunkte und Kasernen wurden zu Lagern von Kriegsgerät. Das war eine Bedrohung der zivilen Sicherheit und führte zu einer weiteren Gefahr für das menschliche Leben. Zweimal erlebte Maputo den Horror, der durch Explosionen in einem Waffenlager entsteht. Bis heute ist man damit beschäftigt, Antipersonenminen zu entschärfen. Die Waffenarsenale bleiben weiterhin unsichere Orte.

Seit dem 20. Jahrhundert steckt Afrika in einem weiteren Krieg, einem Wirtschaftskrieg, einem Krieg zwischen dem westlichen Kapitalismus und China. Ein rohstoffreicher Kontinent wird von Tag zu Tag ärmer und immer abhängiger von Hilfen aus Fernost und dem Okzident, wohin seine natürlichen Ressourcen exportiert werden. So haben die Fragen der postkolonialen Ära zu einer unheilvollen Serie von Ereignissen und zu mehreren Kriegen geführt, die nach wie vor die Unabhängigkeit des afrikanischen Kontinents gefährden.

In diesem Sinne verfolgt das Projekt „(Un)Abhängigkeit“ die Frage: Wie kann man Menschen anstiften, innerhalb einer Beschränkung schöpferisch zu werden? Das Vorhaben zielt darauf ab, den marginalisierten Körper, Opfer von Kriegstrauma, in einen Tanz zu integrieren. Es wurde  im Jahr 2006  von mir, Panaibra Canda, initiiert und brachte alles auf den Prüfstand, was unser Verständnis  vom Körper ausmacht. Es geht um die Erschaffung  von etwas Neuem, um die Metapher, mit jemandem zusammen zu arbeiten, der zur Fortbewegung von einen Rollstuhl abhängig ist, und um die Unabhängigkeit, die sich aus der Anstrengung ergibt, sich mit einem Körper auszudrücken, der beschränkt zu sein scheint.

Weitere Projekte, die durch dieses Programm angeregt wurden, sind die Verwandlung von Waffen in Hacken und in Kunstobjekte. Genauso wie „(Un)Abhängigkeit“, das mittlerweile von Maputo in die städtische Peripherie gezogen ist, wird hier versucht, Schönheit dort zu finden, wo etwas befremdlich ist, oder eine Form genau da hervorzuheben, wo eine Abwesenheit der Form zu bestehen schien. In der Galerie begegnen wir einem Gegenstand. der zuvor im Krieg zum Einsatz gekommen ist. Nun wird er in einer Form ausgestellt, die uns nicht mehr abstößt, sondern uns selbst unserem Menschsein näher bringt und uns motiviert, über das Leben neu nachzudenken.

Panaibra Gabriel Canda


Übersetzung von Lea Hübner