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Statement von Martin Dannecker

zu "Wanna Play? – Eine Reflexion" / 15.10.2014

Man kann, was am Sonntag vor einer Woche bei der Veranstaltung im HAU2 geschah , Tumult und Aufruhr nennen. Tumult und Aufruhr darüber, dass Dries Verhoeven etwas scheinbar Privates, nämlich einen auf Grindr geführten Chat, ungefragt in die Öffentlichkeit zerrte. Manche Kommentatoren dieser in der Tat merkwürdigen Veranstaltung, gingen sogar soweit von einem Aufstand schwuler Spießer und „Subfaschisten“ gegen eine Kunstaktion zu sprechen.

Bemerkenswert an diesem Abend war, dass die Mehrheit der sich artikulierenden schwulen Männer  sich mit Parker Tilghman als Opfer identifizierte. Durch diese gruppendynamisch vorherrschende Identifikation wurde Dries zum Täter gemacht und zwar zu einem besonders Abgefeimten, weil er „einer von uns“ ist.  In dieser aufgeheizten, und von Spaltungen durchzogenen Veranstaltung, war es nicht möglich, die Fragen zu diskutieren, die Dries zu seiner Aktion veranlassten:  Wie sieht es mit der Liebe und der Sexualität in Zeiten von Grindr und anderen Chat- und Datingsportalen für schwule Männer aus? Und es war auch nicht möglich über die Erosion des Privaten und  die Herstellung des Intimen  beim Chatten sowie die Paradoxien, von denen diese virtuellen Räume durchzogen sind und die Ungleichzeitigkeiten der Gefühle in den virtuellen und den nicht virtuellen Räumen zu sprechen.

 Obgleich bei Grindr und allen vergleichbaren Chat- und Datingportalen alles, was jemand sexuell oder sonst wie von sich zeigt und darstellt, im Grunde öffentlich ist, weil sich auf diesen Portalen jeder anmelden kann, und sei es mit einem fiktiven Profil, werden diese Netzwerke von schwulen Männern offenbar als geschützte Räume begriffen, so wie das auch für andere subkulturelle  Orte gilt. Jedenfalls scheinen alle, die solche Portale nutzen, von der stillschweigenden Annahme auszugehen, dass alles, was dort von sich gezeigt und gesagt wird, den durch das schwule Begehren konstituierten Raum nicht verlässt. Diese Erwartung ist deshalb so hoch, weil die Gesetze solcher Portale verlangen, sich sexuell und emotional zu entblößen. Offensichtlich verlassen wir uns aber  naiv darauf, dass wir von anderen nicht bloß gestellt werden. Aber die Angst, dass das doch passieren sein könnte, ist  weit verbreitet. Und die nicht stillzustellende Angst, dass das, was in dem intimen Raum von Chat- und Datingsportalen sexuell und emotional offenbart wird, in einen nicht geschützten öffentlichen Raum gezerrt werden könnte,  drückte sich auch in den wütenden Reaktionen auf die nicht durchdachte Kunstaktion von Dries aus.

Sexuelle Netzwerke sind Räume in denen sexuelle Fantasien und Handlungen, auch Fantasien und Handlungen, die in der sogenannten realen Welt mit Scham und Schuldgefühlen verbunden sind, sehr viel leichter geäußert werden können, als das bei „realen sexuellen Begegnungen“ der Fall ist. In den sozio-sexuellen Netzwerken gilt das, was Freud in seinem Vortrag „Der Dichter und das Phantasieren“ aus dem Jahr 1908 über die Fantasien von Erwachsenen gesagt hat, offenbar nicht.  Freud zufolge schämt sich der Erwachsene seiner Fantasien „und versteckt sie vor anderen, er hegt sie als seine eigensten Intimitäten, er würde in der Regel lieber seine Vergehungen eingestehen als seine Phantasien mitteilen“ (Freud 1908, S. 215). 

Im und durch das Internet lässt sich aber nur dann ein Blumentopf gewinnen, wenn man möglichst viel von seinen sexuellen Fantasien und Wünschen zeigt und über diese „spricht“. Aber durch die in den sozio-sexuellen Netzwerken vorherrschende Schamlosigkeit wird man noch nicht zu einer schamlosen Person und zwar deshalb nicht, weil die je individuelle  Scham und die je individuellen Überich-Konflikte während des Chattens und der Kontaktaufnahme im Internet nur vorübergehend suspendiert werden.

Das ändert freilich nichts daran, dass man sich auf den Internetplattformen, die zur Herstellung und  Pflege von sogenannten Intimbeziehungen dienen, wie ein Sexualunternehmer inseriert und sich von seiner marktkonform besten und attraktivsten Seite zeigt, ja zeigen muss, um in diesem Raum, in dem ja alle mit allen konkurrieren, den begehrenswerten und idealen Partner zu finden.  Dazu muss auch man nicht einmal alle nicht ganz so begehrenswerten Partner wegklicken, die sich melden. Diese Arbeit wird einem weitgehend von den technischen Möglichkeiten auf diesen Portalen abgenommen, die es erlauben, all diejenigen auszusortieren, die den eigenen Vorstellungen eines idealen Partners nicht entsprechen.

Das Inserieren der Teilnehmer entlang sexueller und persönlicher Kategorien auf den entsprechenden Netzwerken führt ohne Frage zu einer Fetischisierung, weil es bei den Kontaktaufnahmen nur auf das kategorial Benannte oder Gezeigte ankommt.  Nicht, dass das Begehren frei wäre von Fetischisierungen und der damit einhergehenden Macht. Aber die Strukturierung des Begehrens entlang suchbarer Kriterien auf den entsprechenden Portalen, rückt die Fetischisierung ganz in den Vordergrund  und schattet den Möglichkeitsraum, der sich bei  Begegnungen in der sogenannten realen Welt deshalb auftut, weil die miteinander Interagierenden sehr viel weniger von einander wissen, als das bei Begegnungen durch das Internet der Fall ist, weitgehend ab.

In seinem Blog hat Kevin Junk  deshalb auch die keineswegs rhetorisch gemeinte Frage gestellt, ob sich schwule Männer in Zeiten von weit verbreiteten geosozialen Apps  (noch) verlieben können (wolfrausendplateaus/de/2014). Ich möchte auf diese Frage mit einem empirischen Ergebnis aus unserer Internetstudie mit schwulen Männern antworten, auch wenn ihn das kaum zufriedenstellen wird. Dieses Ergebnis besagt, dass immerhin 55 Prozent der zum Befragungszeitraum mit einem Mann fest Befreundeten ihren Partner über das Internet kennengelernt haben. Da der Ausdruck „fest befreundet“ eine empirische Metapher für eine Liebesbeziehung ist, darf auch unterstellt werden, dass  sich schwule Männer nach wie vor verlieben.

Dass diese Liebesbeziehungen ihren Anfang bei Grindr, Scruff,  Gay-Romeo oder in einem anderen Netzwerk hatten, das in hohem Maße sexualisiert ist und scheinbar nur dazu dient, sexuelle Kontakte anzubahnen, zeigt einmal mehr, dass Sexualität und Liebe gegenwärtig enger miteinander verknüpft sind, als das ein desexualisiertes romantisches Liebesideal wahrhaben möchte. Der mit einer guten und befriedigenden Sexualität einhergehende Wunsch nach Wiederholung der sexuellen Begegnung ist offenbar der Liebe, sogar der romantisch getönten, nicht ungünstig gesonnen, weil uns auch die Lust an die Objekte, mit der wir sie erfahren, zu binden vermag. Die von der erlebten Lust in Gang gesetzte Bindung ereignet sich mitunter ganz unerwartet und nicht selten gegen die bewusste Intention. Auch wer sich aufmacht um nur Sex und nicht mehr zu haben, kann über diesen sozusagen in die „Fallen der Liebe“ geraten. Schwule Männer, unter denen die Abneigung gegen Sex um des Sex willen offenbar weniger verbreitet ist, als unter Heterosexuellen, erleben immer wieder, dass ein Partner, mit dem sie „nur“ Sex haben wollten, sich nach vollzogenem Akt in ein Liebesobjekt verwandelt hat, also in eine Person, die   nicht nur sexuell, sondern auch darüberhinaus emotional hoch besetzt ist. Es könnte sogar sein, dass das Verlieben schon auf Grindr oder einem vergleichbaren Portal begonnen hat, obwohl es in diesen scheinbar nur um die Anbahnung von sexuellen Kontakte geht.

(c) Martin Dannecker. Abdruck nur mit Genehmigung.