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Akira Takayama: Der Prozess bis zur Realisierung des “Referendum Project”

im Rahmen von "Japan Syndrome – Kunst und Politik nach Fukushima"

Als das Erdbeben am 11. März 2011 einsetzte, war ich Zuhause und schlief. Die Erschütterungen waren von einem Ausmaß, wie ich es noch nie zuvor erlebt hatte. Ich wurde abrupt aus meiner Bettruhe gerissen, und damit begann eine Serie von Tagen, in denen ich fast nichts anderes tat, als Nachrichten im Fernsehen und im Internet zu verfolgen. Die Bilder vom Tsunami, der ganze Dörfer mit sich riss, haben mich zutiefst schockiert. Am meisten in Panik versetzte mich jedoch der Nuklearunfall im Kraftwerk Fukushima Daiichi. Ich konnte es kaum ertragen, die Aufnahmen der Explosionen am Reaktor und der zu Knochengerüsten skelettierten Gebäude zu sehen. Unzählige Male habe ich versucht, mich zu vergewissern, ob es sich nicht um einen Alptraum handelt. Aber es war Wirklichkeit. Der Punkt, an dem ich überzeugt war, dass nun alles zu Ende ist, waren die Live-Aufnahmen vom Militär, das versuchte, mit Hilfe von Hubschraubern kühlendes Wasser auf das Kraftwerk abzuwerfen. Die Flüssigkeit wurde im nächsten Moment vom Wind weggeweht und war verschwunden. Die Wirkung ging gegen Null. Eine monströse Kraft hatte sich in Bewegung gesetzt. Wir bekamen nun mit aller Macht zu spüren, dass sie mit menschlichen Mitteln längst nicht mehr zu kontrollieren war. Wenn ich die ständigen Pressekonferenzen der Regierung sah, die sich in einem sinnlosen Hin- und Her erging, ohne etwas zu entscheiden, packte mich Wut. Es gab nichts, was ich selbst hätte tun können. Dieses Gefühl der Machtlosigkeit trieb mich zur Verzweiflung.

In dieser Situation keimte in mir der Wunsch auf, es möge jemand auftauchen, der Entscheidungen treffen kann und alle Probleme löst. In meinem Panikzustand habe ich zwischendurch wirklich das Verlangen nach einer diktatorischen Macht entwickelt. Wenn ich ehrlich bin, habe ich einen Monat lang, bis mir ‘die Augen aufgingen’, eine Intervention der US-Armee herbeigesehnt. In einer solchen Lage kommt ganz unverhohlen die Frage auf, wer eigentlich die Macht hat. Auf welche Weise wird unser Willen in Entscheidungen überführt? Wie kann ich überhaupt meine Stimme, können wir unsere Stimmen hörbar machen? Kurz nach dem Erdbeben fand in Tokio die Oberbürgermeisterwahl statt. Der bereits amtierende Kandidat, ein Befürworter der Atomenergie, machte erneut das Rennen. Im Grunde war dies kein unerwartetes Ergebnis. Aber es hat bei mir einen tiefen Schock ausgelöst. Mir wurde immer wenige klar, was ‘unser Wille’ eigentlich ist.

Während ich mich mit dieser Situation quälte, hatte ich zwei Erlebnisse, die mit dem “Referendum Project” verknüpft sind. Das erste ereignete sich genau einen Monat nach dem Erdbeben. Ich war nach langer Zeit wieder einmal ausgegangen. Auf dem Heimweg machte ich einen Abstecher zu einem nahe gelegenen Park. Dort standen gerade die Kirschbäume in voller Blüte. Während ich bei Nacht durch die menschenleere Grünanlage ging, erschien mir ein Satz aus einer Kurzgeschichte auf geradezu irritierende Weise als real. “Unter den Kirschbäumen sind Leichen begraben.” Ich hatte die Empfindung, dass ‘unser Wille’ nicht allein die Menschen repräsentieren darf, die jetzt leben, sondern auch die Toten in sich einschließen muss. Wenn es mir gelänge, eine theatrale Architektur herzustellen, die ihre Stimmen hörbar werden lässt, könnte ich womöglich mit den Mitteln der darstellenden Kunst auf die gegenwärtige Realität reagieren. Aus diesem Anlass habe ich begonnen, über eine Kunstform nachzudenken, die darauf abzielt, ‘unsere Stimmen’ hörbar zu machen. 

Den zweiten Hinweis gab mir ein Zeitungsartikel. Darin erfuhr ich von der Existenz des Atomkraftwerks Zwentendorf, das nach einer Volksabstimmung nie in Betrieb genommen wurde. In Japan hat es noch nie ein landesweites Referendum gegeben. Leider wird momentan im Parlament in einem ganz anderen Zusammenhang über ein solches Verfahren diskutiert. Der neunte Artikel der japanischen Verfassung, der den ‘Verzicht auf Krieg’ festschreibt, soll geändert werden. Ich halte diese Bestrebungen für extrem gefährlich, gehe aber hier nicht näher darauf ein. Jedenfalls kam ich durch die Volksabstimmung in Österreich auf den Gedanken, im Rahmen des Theaters ein Referendum zu verwirklichen, und dieses Vorhaben an die Frage geknüpft, wie wir “unsere Stimmen” hörbar machen können. Einige Zeit später war ich zu den Wiener Festwochen eingeladen. Während meines Aufenthaltes in Wien habe ich das nie in Betrieb genommene Atomkraftwerk Zwentendorf besichtigt und den Plan für mein Projekt weiter konkretisiert. Ich empfinde den Abstand zwischen Theater und Politik in Europa als wesentlich geringer, als ich es aus Japan gewohnt bin. Mein aktivistischer Ansatz, durch Theater die Wirklichkeit zu beeinflussen und zu verändern, wurde hier stärker.


Die politische Dimension des Theaters?

In Wien habe ich ausschließlich über die Frage nachgedacht, wie sich mit den Mitteln des Theaters eine politische Bewegung entwickeln lässt. Als ich nach Japan zurückkam, habe ich das “Referendum Project” auf der Pressekonferenz des “Festival/Tokyo” vorgestellt. Die Presse zeigte nicht die geringste Reaktion. In der Theaterwelt wurde das Projekt – zum Teil bewusst – genauso ignoriert. Plötzlich sagten Organisatoren meine Teilnahme an einem Symposium ab. Ich war über diese Behandlung verärgert und verletzt. Aber ich muss mich solchen Situationen stellen, wenn ich weiter das Ziel verfolgen will, mich mit der japanischen Wirklichkeit auseinanderzusetzen. Vielleicht sind gerade dieses Desinteresse und die Ignoranz spezifisch japanische ‘Mittel der Politik’. Sie zusammen ergeben ein System unsichtbarer Eliminierung und sanfter Kastration.

Ich begann einzusehen, dass der Plan eines ‘Pseudo-Referendums’, wie ich es mir in Wien überlegt hatte, in Japan nicht umsetzbar war. Wäre Atomenergie ein Thema, das totgeschwiegen wird, dann könnten Aktionen sinnvoll sein, die genau das überwinden. Aber Kernkraft ist nicht wirklich ein Tabu. Ich musste über die politische Dimension des Theaters neu nachdenken. Man kann es aber auch umgekehrt sehen – womöglich war es für mich sogar ein Glück, dass es keine einfache Antwort oder Lösung auf die Fragen gab, die ich mir stellte.

In dieser Situation stieß ich auf einen Text von Hans-Thies Lehmann: “Erschütterte Ordnung – Das Modell Antigone”. Darin heißt es, dass die Grenze des Politischen die Zeit sei. “Politik kann die Zeit der Lebenden regeln, nicht die der Toten und der Ungeborenen.” Beim Lesen begriff ich, dass ich zu nahe an eine direkte Bedeutung von Politik herangerückt war, dass ich die Existenz der Toten unter den Kirschbäumen vergessen hatte, und dass Theater auf diese Weise keine wirkliche gesellschaftsverändernde Kraft entfalten kann. Was das “Referendum Project” leisten sollte, war weder eine Politisierung noch eine Kritik des politischen Systems. Vielmehr sollte es sich mit der Aufgabe des Theaters befassen, eine Verbindung zu Bereichen herzustellen, in welche die Kraft der Politik nicht hineinreicht. Das bedeutete die Rückkehr zur Frage, wie wir die Stimmen der Toten vernehmen können, die unter den Kirschbäumen begraben sind.
Das “Referendum Project”

Im Folgenden werde ich die konkrete Form dieser Arbeit näher erläutern. Das “Referendum Project” umfasste verschiedene Aspekte. Zuallererst handelte es sich um eine mobile Videoinstallation. Im Innern eines umgebauten Lastwagens haben wir acht Sitzplätze eingerichtet, an denen man DVDs anschauen konnte. Das Fahrzeug bewegte sich während des “Festival/Tokyo”, einen Monat lang, durch elf Orte in Tokio und vier Städte in der Präfektur Fukushima. Die DVDs, die an jedem Sitzplatz bereitlagen, enthielten Interviews mit Mittelschülerinnen und Mittelschülern. Die Schüler antworteten jeweils auf 26 Fragen. Jedes Interview wurde auf immer eine DVD gebrannt. Bis zum Ende des Projekts hatten wir mit insgesamt 440 Mittelschüler aus Tokio und Fukushima gesprochen. Die Zuschauer konnten aus der so entstandenen Mediathek ihre eigene Auswahl treffen und so viele Interviews anschauen, wie sie wollten. Jede DVD war mit dem Namen des betreffenden Kindes und Informationen zum Ursprung seines Namens beschriftet. Der wird in Japan meistens mit Kanji geschrieben, ursprünglich chinesischen Schriftzeichen. Da sie auf Bilddarstellungen beruhen, kann man in jedem einzelnen Zeichen seine Bedeutung lesen. In manchen Fällen kann man den Kanjis die Wünsche und Hoffnungen der Eltern entnehmen. Anderen wiederum übernehmen die Namen von Großeltern oder anderen Verwandten. Manche Familien verwenden sie über Generationen hinweg. Der Name ist also etwas sehr Persönliches, das zum jeweiligen Kind gehört. Zugleich kommen ihm die Gedanken der Eltern, der Familie oder der Vorfahren zum Vorschein. Nach der Katastrophe vom 11. März 2011 haben wir erlebt, dass viele familiäre und regionale Gemeinschaften zerbrochen sind. Manche Verbindungen wurden wiederum auch verstärkt. Aus diesem Grunde dachte ich, dass etwas sichtbar werden könnte, wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf die Namen, der von uns interviewten Kinder und Jugendlichen richten.

Das Projekt läuft auch im Moment weiter. Letztes Jahr haben wir mehrere vom Tsunami zerstörte Städte und Dörfer im Nordosten Japans besucht. Vor ein paar Monaten haben wir eine Tour nach Hiroshima und Nagasaki gemacht. Für die nähere Zukunft wollen wir nach Okinawa gehen, wo sich die meisten amerikanischen Militärbasen befinden. Ich möchte weiter in verschiedenen Städten so viele Stimmen von japanischen Mittelschülern wie möglich zusammentragen. Und ich will noch einmal nach Tokyo, nach Fukushima und in die Region des Tohoku-Bebens fahren, um zu dokumentieren, wie sich in diesen Regionen mit der Zeit die ‘Stimmung’ verändert hat.

Warum habe ich für ein Projekt mit dem großspurigen Titel “Referendum Project” ausgerechnet Schüler ausgewählt, die noch nicht einmal das Wahlrecht besitzen? Nach der Katastrophe war nicht nur der Boden, sondern auch die Gesellschaft insgesamt ins Wanken geraten. In gewisser Weise fühlten sich alle wie ‘verirrte Kinder’. Ich hatte angenommen, dass Zukunftsvisionen sichtbar würden, wenn wir den Träumen und Wünschen von Mittelschülern lauschen. Als es an die Umsetzung ging, habe ich festgestellt, dass das keine einfache Angelegenheit war. Was haben wir da eigentlich aufgezeichnet? Für die Ausstellung in Berlin habe ich Gespräche mit 54 Mittelschülern aus Tokio und Fukushima, aus Hiroshima und Nagaski ausgewählt. Bitte sehen Sie selbst!

Ich komme nun zum zweiten wesentlichen Element des “Referendum Project”. Die Besucher sollten abstimmen, nachdem sie die DVDs gesehen hatten. Am hinteren Ende des Lastwagens waren zwei Schreibpulte und ein Stimmzettelkasten plaziert. Es gab einen Fragebogen mit 5 der 26 Fragen, die auch die Mittelschüler beantwortet hatten. Die Zuschauer wurden aufgefordert, ihn auszufüllen, das Dokument mit dem eigenen Namen zu versehen und den Zettel dann in eine aufgestellte Box zu werfen. Die Auswahl der Fragen habe ich je nach den Standorten des Lastwagens variiert. An jedem Schreibpult gab es ein kleines Fenster in derselben Größe wie die DVD-Monitore. Sie boten einen Ausblick nach draußen.
Ich habe vorhin gesagt, dass ich es als meine Aufgabe betrachte, den Stimmen der Toten zu lauschen. Aber niemand kann in Vertretung für sie sprechen. Ich denke sogar, das darf man nicht. Deshalb wollte ich einen Ort und eine Zeit für die Erinnerung an die Toten schaffen. Als Standorte des Lastwagens habe ich viele Gegenden mit solchen Implikationen ausgewählt. Zum Beispiel die künstliche Insel “Yume no Shima” (Insel der Träume), die aus Müll auf dem Meer aufgeschüttet wurde. An diesem Ort ist das Schiff “Daigo Fukuryumaru” ausgestellt, das bei Wasserstoffbombentests durch die USA im Bikini-Atoll verstrahlt wurde. Aus den Fenstern des dort eingeparkten Lastwagens konnte man den Yachthafen und das umgebende Industriegelände sehen. Bei Nacht blinkten die Lichter eines Riesenrads im nahegelegenen Vergnügungspark verheißungsvoll.

Eine weitere Station war die Gedenkstätte für die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs in Tokio. Vom Lastwagen aus konnte man die Gedenksteine und den dahinter gigantisch aufragenden Tokyo Dome sehen. Diese Station beherbergt die Yomiuri Giants. Der ehemalige Besitzer dieses Vereins war Matsutaro Shoriki. Er ist so etwas wie der ‘Vater’ der Massenmedien, des professionellen Baseballs und der Atomenergie in Japan.

Ich habe 15 Standorte dieser Art festgelegt. Während die Zuschauer auf visueller Ebene die Umgebung betrachteten, hörten sie an ihren Abspielstationen die Stimmen der Schüler. Auf dem Stimmzettel formulierten sie schließlich ihre eigene ‘Stimme’. Alle Stationen riefen nicht nur die Erinnerung an die Toten wach, sondern zeigten auch die Widersprüche in der japanischen Nachkriegszeit, als die Atomenergie eingeführt wurde.

Das dritte Element des “Referendum Project” waren die sogenannten ‘Forumsgespräche’. An jeder Station habe ich Gäste eingeladen, insgesamt 18, zumeist Intellektuelle und Kulturschaffende. Mit ihnen habe ich über Atomkraft, die japanisch-amerikanischen Beziehungen, die Nachkriegsgeschichte, Demokratie, Sprache, Baseball, Tokio, Fukushima, den Wiederaufbau nach der Katastrophe, Journalismus  und vieles mehr gesprochen. So konnte ich mit Hans-Thies Lehmann eine grundlegende Debatte über das Politische im Theater führen. Das hat mir entscheidende Anregungen für meine künftigen Aktivitäten gegeben. Der Architekt Arata Isozaki erzählte, dass die Ruinen in Hiroshima für ihn der Ausgangspunkt seiner Laufbahn als Architekt waren. Er sprach über Bestrebungen, in dieser Stadt, im Friedenspark, ein neues Monument zu errichten, und erläuterte seine Idee, die japanische Hauptstadt nach Fukushima zu verlegen und eine riesige mobile Konzerthalle zu errichten. Beide Vorhaben waren eine Reaktion auf das Erdbeben. Als ich nachhakte, ob nach der Katastrophe vom 11. März 2011 nicht auch eine neue Auseinandersetzung mit Isozakis Lehrer, Kenzo Tange, dem größten Architekten und Stadtplaner der Nachkriegszeit, gefordert sei, verstand er das sehr präzise als eine individuelle, an ihn gerichtete Frage, in der aber auch ein Bezug zum Thema der Demokratie an sich enthalten ist. Wir sprachen über das Thema des ‘allgemeinen Willens’ und über das Problem, wie dieser ‘Wille’ bei der Stadtplanung zum Ausdruck kommen kann – oder auch nicht.

Mit dem Dichter Shuntaro Tanikawa habe ich über “Atom” gesprochen. Gemeint ist die Hauptfigur des japanischen Kultanimes “Astroboy” von Mangakönig Osamu Tezuka. Im Zentrum der Handlung steht ein Roboter von der Gestalt eines Jungen, der durch Atomkraft angetrieben wird. Tanikawa schrieb den Text des Titelliedes, das in Japan jeder kennt. Heute, wo die Träume der Nachkriegszeit zerbrochen sind, fehle es an einer Zukunftsvision. Vielleicht, so meinte Tanikawa, wäre es an der Zeit, einen “Astroboy II” zu erfinden. Möglicherweise müsse man die Figur aber auch einfach umbringen. Diese Diskussion haben wir am Fuß des Tokyo Tower geführt, einem weiteren Symbol, das die Träume dieser Ära symbolisiert. Die Dialoge sind in einem Band mit dem Titel “Dialoge eines Anfangs” dokumentiert. Er ist letztes Jahr erschienen.


Zukunftswünsche, Zukunftsvisionen

Ich hatte mir gewünscht, dass im Rahmen dieses Projektes auch Zukunftsvisionen sichtbar würden – und zwar in anderer Form, als es bei einem wirklichen Referendum möglich wäre. Bei einem der Forumgsgespräche erläuterte der Politikwissenschaftler Takeshi Hara, dass nach der Katastrophe der Wiederaufbau der ‘großen’ Transportsysteme wie Shinkansen, Autobahnen und Flughäfen unglaublich schnell voranging. Für die ‘kleinen’ lokalen Verkehrsnetze hingegen, die rote Zahlen schrieben, gebe es noch nicht einmal Zielvorgaben für die Wiederinbetriebnahme.

Weiterhin legte Hara dar, dass ein Magnetschwebebahnprojekt, das eigentlich bereits gestoppt war, wiederaufgelegt wurde. Nach der Katastrophe hat sich am Denken der Menschen in Japan nicht viel verändert. Man kann sogar sagen, dass der Glaube an den Mythos von Geschwindigkeit und Wachstum an Dynamik sogar noch zugenommen hat. Derzeit sind viele Stadtplaner und Architekten in den vom Tsunami verwüsteten Gebieten damit beschäftigt, Wiederaufbauprojekte im großen Stil in Gang zu bringen. Auf dem Land, wo kurz zuvor alles ausgelöscht worden war, werden wohl neue Städte gebaut. Man kann sich vorstellen, dass nur die ‘großen’ Linien zurückbleiben. Die ‘kleinen’ Linien verschwinden, ohne überhaupt Spuren zu hinterlassen.

Auf der Ebene von Politik und Wirtschaft sind solche Entscheidungen vermutlich unerlässlich. Aber wie ist es im Fall von Kunst und Kultur? Im Theater müssen wir keine auf die Realität bezogenen Entscheidungen treffen oder den Dingen auf der Basis von Werturteilen eine Rangfolge geben. Man kann es als einen Raum benutzen, in dem Entscheidungen offen bleiben. Das Theater lässt zu, dass wir Umwege machen, wenn wir etwas bewerten, dass Prozesse wichtiger sind als feststehende Resultate. Eigentlich sollten wir es genau darauf absehen. Deutlicher gesagt: Nach der Katastrophe halte ich es für eine Aufgabe des Theaters, kleine und schwache Stimmen zu bewahren und für die Zukunft zu archivieren, und den Riss, der seit der Katastrophe durch die Gesellschaft geht, wahrnehmbar zu machen.

Die Schildkrötenschrift hat die Panzer dieser Tiere oder die Risse auf ihren Knochen als Himmelsbotschaften interpretiert. Sie las darin auch eine Vision der Zukunft. Die Geschichte der Kanjis begann damit, dass man in die ‘Linienführung’ von Frakturen eine Bedeutung hineinlas.

Ich verbinde damit den Wunsch, dass sich durch das Archivieren dieser Risse auch das, was wir jetzt noch nicht lesen können, später zu Zeichen formt. Vielleicht können wir daraus Visionen für die Zukunft herauslesen. Ist das wirkungslos?


Nachtrag: Atombomben und Atomkraftwerke

In Japan gibt es 54 Kernkraftwerke. Finden Sie das sonderbar? Warum ist ein Land, das die Bombenabwürfe von Hiroshima und Nagasaki erlebt hat, nach den USA und Frankreich die weltweit drittgrößte Atommacht?

Der wichtigste Faktor, dass überall auf der japanischen Inselkette Atomkraftwerke wie Fukushima Daiichi gebaut wurden, sind die Vereinigten Staaten von Amerika. Die Besatzung durch die USA wurde im Zuge der Nachkriegsgeschichte intensiviert und hat das Innere unserer Gesellschaft tief durchdrungen. Das Land wurde in den Kalten Krieg einbezogen. Es entstand das ’wohlhabende Nachkriegsjapan’, das in den folgenden Jahren ein rasantes Wirtschaftswachstum erlebte und in Ostasien eine Vorrangstellung übernahm. Die Kehrseite war, dass dem Land im Kalten Krieg eine ‘atomare’ Verantwortung aufgebürdet wurde. Der Wohlstand wurde im Gegenzug für die Umwandlung Japans in eine amerikanische Militärbasis erreicht. Diese Entwicklung wurde bereits mit den Atombombenabwürfen von Hiroshima und Nagasaki eingeleitet und setzte sich über den Koreakrieg, den Vietnamkrieg und den Kalten Krieg fort.

Die Entwicklung der Nukleartechnik nach dem Zweiten Weltkrieg ist nicht von der Neudefinition der Identität Japans als Wirtschaftsgroßmacht und als Militärbasis zu trennen. Für die Expo in Osaka 1970, die das rapide Wirtschaftswachstum als Glanzleistung feierte, wurde Strom vom Reaktor 1 des Kernkraftwerks Tsuruga geliefert. Die Anlage wurde zeitgleich mit der Eröffnung in Betrieb genommen. Der Reaktor 1 wurde übrigens von General Electric gebaut. Unzählige Lichter erleuchteteten das Gelände der Weltausstellung und schmückten ihr Leitthema – “Fortschritt und Harmonie für die Menschheit” – auf prächtige Weise. Auch das 1971 erbaute Atomkraftwerk Fukushima Daiichi lieferte die Energie für das von rapidem Wirtschaftswachstum erleuchtete Tokio.

Den Ursprung der Geburt von Atomkraft in Japan bildet eine Rede mit dem Titel “Atoms for piece”, die Eisenhower 1953 bei einer UN-Vollversammlung hielt. Seine Betonung der friedlichen Nutzung der Atomenergie und sein Ansinnen, den Profit daraus anderen Ländern zukommen zu lassen, entschärfte das Bild von der Militärgroßmacht Amerika und half, diese Technologie für die Welt akzeptierbar zu machen. Die Rede weckte darüber hinaus Erwartungen an einen besonderen politischen Effekt – das Vergessen von Hiroshima und Nagasaki. Wenn es gelänge, Japan, das durch die beiden Atombomben stark negative Gefühle gegenüber der Kernkraft hegte, begreiflich zu machen, dass die Atomenergie keine Technologie des Krieges, sondern des Friedens sei, würde die Erinnerung an die nukleare  Katastrophe verblassen. Dadurch würde es einfacher, dem Land einen Teil des atomaren Schutzschirms zu überantworten.

In dieser Situation ging plötzlich der dritte nukleare Sprengsatz hoch. Im März 1954 zündete die amerikanische Armee im Bikini-Atoll eine Wasserstoffbombe, die 1000-mal stärker war als die von Hiroshima. Die Radioaktivität auf dem 150 Kilometer vom Explosionszentrum entfernten Schiff Daigo Fukuryumaru war enorm, auf dem Schiffskörper lagerte sich die so genannte ‘Todesasche’ ab. Ein Besatzungsmitglied starb. Alle anderen Besatzungsmitglieder litten für immer an den Folgen. Direkt danach gewann die so genannte “Bewegung für das Verbot von Wasserstoffbomben” enormen Zuspruch. Es wurden 32 Millionen Unterschriften gesammelt – das entsprach einem Drittel der Gesamtbevölkerung. Hier formierte sich die größte japanische Anti-Atombewegung aller Zeiten. Zu diesem Zeitpunkt glaubte man, dass ‘Atoms for piece’ gescheitert sei und, dass es nunmehr unmöglich sei, Japan in Amerikas atomaren Schutzschirm einzubinden.

Mit der Trumpfkarte der ‘friedlichen Nutzung der Atomenergie’ gelang es den Vereinigten Staaten eine umfassende Wende einzuleiten. Der amerikanische Nationale Sicherheitsrat empfahl, Atomreaktoren in Japan zu bauen und damit einen wirksamen Vorstoß zur nichtmilitärischen Nutzung der Kernkraft zu unternehmen. Weiterhin betonte die Kommission, der Bau nuklearer Anlagen in Japan werde die Menschen von der Erinnerung an die Tragödie in Hiroshima und Nagasaki befreien und wie eine theatrale, christliche Geste wirken. Die “Washington Post” pries diese Gedanken als eine Methode, die den Eindruck abschwächen könnte, dass “Amerika die Asiaten schlicht als Versuchskaninchen für die Erprobung seiner Kernwaffenautorität betrachte”.

Der Wasserstoffbombenversuch wurde am 1. März 1954 durchgeführt. Die Daigo Fukuryumaru kehrte am 14. März nach Japan zurück. Ab dem 16. März gab es hierzu Medienberichte und Reaktionen. Bereits am 22. März schlugen die USA den Bau von Atomreaktoren in Japan vor. Am 27. Januar des folgenden Jahres wurde im amerikanischen Unterhaus ein ensprechender Antrag vorgelegt. Als Ort war Hiroshima vorgesehen. Das Versuchsgebiet der Atombombe sollte diesmal als Experimentierfeld für Atomenergie dienen. Zu dieser Beschlussvorlage äußerte sich der damalige Bürgermeister von Hiroshima wie folgt:

“Dass in der Stadt, die als erste ein Opfer der Atomkraft geworden ist, nun auch als erstes eine Anlage zur friedlichen Nutzung der Kernenergie gebaut wird, ist auch eine Beruhigung der Seelen der verstorbenen Opfer. Ich glaube, dass die Bürger unserer Stadt es bejahen, dass die Kernenergie des ‘Todes’ nun für ‘das Leben’ eingesetzt wird.”

Einige Tage später bekundete die ”Hiroshima-Konferenz für das Verbot von Wasserstoffbomben” ihren Widerstand. Der Antrag wurde abgelehnt. Ab der zweiten Hälfte der 1950er Jahre wurden nach und nach aufwändige Kampagnen zur friedlichen Nutzung der Kernenergie entwickelt. Im Zentrum stand der bereits erwähnte Matsutaro Shoriki, der Vater des Fernsehens, Vater des professionellen Baseballs und Vater der Kernkraftwerke. Im Jahr 1955 veranstaltete Shoriki, damals Chef des Fernsehsenders Nippon Television sowie der Yomiuri-Zeitung gemeinsam mit der amerikanischen Botschaft im Hibiya-Park eine “Expo zur friedlichen Nutzung der Atomkraft”. Diese Ausstellung reiste durch ganz Japan und wurde von 26 Millionen Menschen besucht. Shoriki sagte zur Eröffnung, dass die Kernenergie den Weg zum ewigen Frieden und Wohlergehen der Menschheit ebne und sich zur größten tragenden Kraft dieses Jahrhunderts entwickelt habe. Weiterhin verkündete er lautstark, dass diese das Zeitalter der Atomenergie einläutende Ausstellung durch die überragende Führung und Unterstützung der Amerikaner veranstaltet werde. Von ‘Atoms for piece’ zu ‘Atoms for dreams’. Japan ließ sich von diesem Traum mitreißen und machte sich auf, ein Großreich der Atomkraft zu werden.

Aber warum wurde diese Wende vollzogen? Es gibt viele Bücher und diverse Interpretationen dazu. Es sei eine Intrige des CIA gewesen, Japan sei ein Vasallenstaat gewesen, Matsutaro Shoriki sei ein Spion gewesen, die Wiederholung der Bedrohung hätte der Traumabewältigung gedient. Jede der Interpretationen ist überzeugend und interessant, aber ehrlich gesagt: ich weiß es nicht. Zumindest glaube ich nicht, dass allein Amerika oder die Macht einzelner Politiker bzw. der Medien dazu geführt haben. Eher denke ich, dass im Ergebnis die normalen Leute die Atomkraft von einem Symbol der Angst zu einem Symbol des Friedens umgeformt und daraus einen Traum für die Zukunft abgeleitet haben. Sie haben die Kernenergie, auf der einen Seite eine Technik des Krieges, auf der anderen Seite  eine Technik des Wachstums, für sich geschickt geteilt: Die militärische Nutzung ist ‘böse’, die friedliche Nutzung ‘gut’. Während wir den Wohlstand genießen, den uns das rasante Wirtschaftswachstum und die Energie im Überfluss bringen, drängen wir die Erinnerung an Hiroshima, Nagasaki und die Daigo Fukuryumaru in die Vergangenheit ab. Aber, wenn die Atomkraft als Quelle dieses Wohlstands ihren Meltdown erlebt, bleibt kein Wohlstand mehr. Das Licht der Atome hat die Nachkriegszeit durch den Kalten Krieg hindurch hell erleuchtet. Aber dieses Licht hat sich in radioaktiven Regen verwandelt und regnet auf uns herab. Aber auch das wollen wir in einen Epilog verwandeln. Und vielleicht sehen wir schon den nächsten Traum vor uns. Beziehungsweise jemand versucht, uns diesen Traum zu offerieren.

Akira Takayama
Übersetzung: Ulrike Krautheim