Logo des Hebbel am Ufer

Text zur Pressekonferenz am 13.9.2012

von Annemie Vanackere

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,

In exakt sieben Wochen beginnt die neue Spielzeit hier im HAU Hebbel am Ufer, die erste unter meiner Leitung, die erste in einer neuen Konstellation von Menschen, alten und neuen Mitarbeitern, alten und neuen Künstlern, in einer unterschiedlichen Auffassung von Praxis, mit alten und neuen Gedanken, in einer anderen Sprache.

Zuallererst möchte ich mich bei meinen Vorgängern bedanken: Nele Hertling hat dieses Haus, das damalige Hebbel Theater, in den 80er Jahren geöffnet für das Zeitgenössische und das Internationale in den Performing Arts –  und nicht zuletzt das Festival Tanz im August gegründet. Matthias Lilienthal hat die Zusammenlegung dieses Theaters mit den beiden anderen Häusern um die Ecke zu einer Erfolgsgeschichte gemacht, das HAU als eine starke Marke etabliert und in der Stadt verankert. Ich freue mich sehr, dass das, was Matthias und seine Mannschaft in den vergangenen neun Jahren und ganz besonders in der letzten Spielzeit erreicht haben, zum zweiten Mal mit der Auszeichnung "Theater des Jahres" gewürdigt worden ist. Wir gratulieren – insbesondere auch den ‚alten’ Kollegen, die jetzt zum ‚neuen’ Team gehören, die wieder voller Energie dabei sind und die nun mit uns gemeinsam starten.

Ein wenig von dem Schwung, den ein Haus durch eine solche Würdigung bekommt, werden wir, und dazu gehören ja auch die Künstler, mit denen wir hier zusammenarbeiten, in unsere erste Spielzeit mitnehmen. Zu diesem Rückenwind, den wir spüren, zählt auch die Entscheidung der Senatskanzlei für Kulturelle Angelegenheiten, die Zukunft von "Tanz im August" zu sichern und die Trägerschaft für dieses traditionsreiche und in dieser Stadt so beliebte Festival vollständig ans HAU zu übertragen. Die Details sind bereits auf der Pressekonferenz am Montag veröffentlicht worden. Ich sehe diese Entscheidung als ein Zeichen für das Vertrauen, das in unsere Arbeit gesetzt wird. Wir freuen uns, dass Bettina Masuch für das Jahr 2013 die Jubiläumsedition künstlerisch gestalten wird. Sie wissen ja, das Festival feiert sein 25jähriges Bestehen.

Das alles sind also gute Nachrichten –  aber klar, es ist auch eine Herausforderung, die wir hier zu akzeptieren haben. „Aber einer muss es tun“, habe ich hier vor einem Jahr gesagt, als ich
durch André Schmitz als neue künstlerische Leiterin des Hebbel am Ufer vorgestellt wurde. Das war nicht nur Understatement, sondern meine Art zu sagen: Wir wollen dieses großartige internationale Haus in Berlin mit seinen unterschiedlichen Spielstätten und seinen vielen künstlerischen Möglichkeiten weiter mit Leben füllen und neue Impulse in diese Stadt hineintragen. Genau das wollen wir machen, ein Theater, das der Zeit, in der wir leben, angemessen ist, ihr gleichzeitig widersteht und ihr etwas entgegensetzt. Das Rad neu erfinden wollen wir nicht  –  niemand der noch ganz bei Trost ist, wird das von uns erwarten. Wir werden an das Bestehende anknüpfen, das ist das eine –  und wir werden natürlich neue Akzente setzen.

Für eine künstlerische Leiterin, die den Großteil ihres Lebens in Belgien und danach in den Niederlanden verbracht hat, also durch das dortige Theatersystem geprägt wurde, bringt der Umzug nach Berlin eine ungewohnte Rolle mit sich. Als leidenschaftliche Zuschauerin und als Programmmacherin komme ich aus einer Generation, die vor 25 bis 30 Jahren begonnen hat, ihre ästhetischen Vorstellungen zu formulieren. Das war die Zeit, als nicht nur das Hebbel Theater, sondern auch, in der Gegend, aus der ich komme, Häuser wie das Kaaitheater, deSingel und das Shaffytheater gegründet wurden. Da hat es in der Vergangenheit viele Überschneidungen gegeben, in dem, was wir gesehen aber auch gemacht haben, zum Beispiel mit der Volksbühne, die ein langjähriger Kooperationspartner für das von mir geleitete Festival an der Rotterdamse Schouwburg gewesen ist.

Meine Aufgabe besteht nun darin, die langjährige internationale Erfahrung für Berlin und das HAU produktiv zu machen. Auch wenn es zwischen den Theaterwelten in Belgien, in den Niederlanden und in Deutschland viele Parallelen gegeben hat, bedeutet das eine neue Herausforderung. Vieles hier muss ich erst noch lernen und verstehen. Nicht nur die Sprache, sondern auch die Art und Weise, in der hier gedacht und agiert wird.

Wer in einem solchen Prozess steht, läuft immer Gefahr, manches erst einmal falsch einzusortieren, etwas durcheinanderzubringen. Je länger ich aber hier tätig bin, und ich wohne seit Februar 2012 in Berlin, komme ich zu dem Schluss, dass genau das seine Vorteile hat. Dieses Noch-Nicht-Ganz-Verstehen, das Endlich-Langsam-Verstehen ermöglicht eine andere Perspektive auf die Stadt und die Möglichkeit, sich neue Kooperationen und Zusammenhänge zu erschließen.


Während ich mich auf meinem Fahrrad bewege – zu Terminen, Veranstaltungen, oder auch beim Einkaufen –  und so auch die unterschiedlichen sozialen und kulturellen Räume dieser Stadt wahrnehme, gewinne ich von Berlin immer mehr den Eindruck, dass man hier paradoxerweise mehr Zeit zu haben scheint als in Rotterdam, aber dennoch alle wahnsinnig unter Druck stehen. Von letzterem will ich mich – as we speak – selber gar nicht ausnehmen.

Viele Kultureinrichtungen, die sich Sorgen um ihre öffentlichen Zuwendungen machen, scheinen ständig damit beschäftigt zu sein, ihre Agenda zu formulieren, sich gegen die Konkurrenz zu verteidigen, den Nachweis erbringen zu wollen, dass sie nicht nur wirtschaftlich, sondern auch in dem, was sie inhaltlich tun, gesellschaftlich relevant und daher förderungswürdig sind.

Diese Abhängigkeit von der öffentlichen Hand ist natürlich Teil eines Systems der Kulturförderung, das in der ganzen Welt berühmt ist und als vorbildlich gilt. Zum Glück sind wir hier in Deutschland noch nicht so weit wie in den Niederlanden, wo rechtspopulistische Kräfte einen massiven Abbau des subventionierten Kultursektors betreiben und damit leider auch sehr erfolgreich sind. Aber man spürt eben auch hier, in Zeiten von Finanzkrise und Sparzwängen: Es wird enger, die Luft wird dünner. Was lange Zeit als selbstverständlich galt, muss immer mehr verteidigt werden.

Für Kultureinrichtungen bringt das den nicht immer schönen Effekt mit sich, dass ihre Leiter und Teams permanent den Eindruck erwecken müssen, sie wüssten ganz genau, was sie tun, warum sie es tun, und was zu tun ist. Wir alle glauben zu wissen, was politische Kunst ist, was konzeptueller Tanz ist, was interkulturelles Theater ist.

Ich finde aber, dass sich Kunst, gerade in diesen Zeiten, auch den Luxus erlauben können muss, keine Funktion zu haben, nicht nützlich, vielleicht sogar eine höhere Form der Zeitverschwendung zu sein. Vielleicht ist das ähnlich wie in der Liebe, von der ich sagen würde, dass sie in den neoliberalen Zeiten, in denen wir leben, ein gefährdetes Gut, aber auch ein Ort des Widerständigen ist. Um Frank Raddatz zu zitieren, lässt „die leidenschaftliche Hingabe an das Unwägbare sich keineswegs als eine "win win"-Situation beschreiben. Ganz im Gegenteil haben wir es bei der Liebe,“ wie auch beim Theater, „mit einer exklusiven Form und Verschwendung von Energie und mitunter auch Leben zu tun. Liebe ist ein Risikofaktor, den es nach der Maßgabe des Zeitgeistes zu minimieren gilt, und den man glücklicherweise nicht in Bad Banks auslagern kann. Die Bereitschaft, den Preis für die Liebe zu zahlen, erschließt und legitimiert Hingabe in Form des Opfers –  für das Andere oder den Anderen. Ohne Liebe, ohne Bezug zum Anderen, keine Dialektik.“

Ich kann Ihnen sagen, auch das will gelernt sein, eine Kunst zu produzieren, die nicht allein auf Verwertbarkeit hin ausgerichtet, sondern auf dieser Dialektik des Opfers gegründet und stark genug ist, sich das leisten zu können, vor allem dann, wenn damit nicht gemeint ist, was sie auf keinen Fall sein sollte: pure Unterhaltung, gehobenes Entertainment, das davon geleitet ist, Quote und Auslastung auf Trab zu halten.

Wenn es also ganz hilfreich sein kann, nicht alles immer auf seine Brauchbarkeit hin abzuklopfen, nicht alles immer sofort zu verstehen, was andere ganz genau zu wissen glauben, eine Ordnung durcheinanderzubringen, die sich als Selbstverständlichkeit etabliert hat, dann auch deshalb, weil uns das Gelegenheit geben kann, die Routine zu verlernen, und sich gewohnte Abläufe auf unterschiedliche Weise beizubringen, und zwar im weitesten Sinne des Wortes. Vielleicht entsteht ja etwas Neues daraus.

Diesen produktiven Prozess, der sich durch mein kulturell bedingtes Anders-Verstehen und mein Nicht-Sofort-Einverstanden-Sein mit dem ergibt, was man mir als Wahrheit und Dogma verkaufen will –  das möchte ich hier im Hebbel am Ufer stark machen und als Angebot einer Diskussion und einer Auseinandersetzung in die Stadt zurückspiegeln. Genau in diesem Sinn stelle ich mir das Hebbel am Ufer als einen Freiraum vor, in dem Denkzwänge, das Festgefügte, das Verpanzerte ein Stückweit suspendiert und in die Schwebe gebracht werden. Nur wer ästhetischen Prozessen zuhören, sie als etwas Ergebnisoffenes wertschätzen kann, wird erst ihre wirkliche politische Brisanz entfalten können.

Ich sage das auch deshalb, weil der Kunst manchmal zu viel, oft genug aber auch zu wenig zugetraut wird. Zu viel, weil sie, als explizit politische oder als aktivistische Kunst, auf einmal die Probleme lösen oder für sie geradestehen soll, bei denen die Politik im starken Sinne, als Sphäre der politischen Willensbildung, versagt hat. Der Kunst wird wiederum zu wenig zugetraut, wenn man glaubt, sie nur dann vermarkten und öffentlich wirksam machen zu können, wenn man sie mit machtvollen Slogans, Headlines oder Issues überschreibt.

In diesem Sinne wünsche ich mir im HAU eine Arbeitsweise, die mehr induktiv als deduktiv vorgeht. Nicht zuerst das allumfassende, wirkungsvolle Thema, aus dem die Kunst abgeleitet werden soll und das die Kunst dann im schlimmsten Fall nur noch bebildern darf. Wir wollen hinsehen und hinhören, wenn im Arbeitsprozeß etwas entsteht, erst Schritt für Schritt eine Gestalt annimmt und sich im Anschluss weiter ausformuliert. Das ist der Ausgangspunkt, von dem aus sichtbar werden kann, wo eigentlich das Thema, das gesellschaftlich Unabgegoltene liegen könnte, das sich stark machen lässt und das von dem jeweiligen konkreten Werk tatsächlich getragen und nicht nur behauptet wird. Auch dafür braucht es einen Freiraum, einen Extraraum, in dem sich eine solche Kultur der Aufmerksamkeit entwickeln kann.

Die Frage nach dem Ursprung und der Bestimmung künstlerischer Kreativität grundlegend zu stellen, ist meines Erachtens wichtig in einer Gesellschaft, in der genau der Imperativ des Sich-Selbstverwirklichens zu einem Dogma geworden ist, insbesondere in Berlin, das sich dem neoliberale Modell einer armen, aber kreativen  Stadt verschrieben hat. Wie verhält sich das Theater zu dieser Ideologie und zu den "Creative Industries", den Startups, auf die Berlin so stolz ist? Macht die Kreativität unter diesen Umständen überhaupt noch Spaß? Ich hoffe schon.

Über dieses Thema und über mein damaliges Rotterdamer Motto „A Sense Of Belonging“ führe ich seit einige Zeit einen intensiven Dialog mit Tim Etchells von dem britischen Performance-Kollektiv Forced Entertainment. Er hat für mich und für uns die folgende Videobotschaft geschickt.

Ich denke, es dürfte bereits klar geworden sein, dass aus meiner Sicht Überforderung nicht die allein seligmachende Arbeitsweise für ein Theater wie das Hebbel am Ufer ist. Aber wenn Sie jetzt glauben, der Spielplan bleibt leer, dann muss ich Sie enttäuschen. Auch wir konnten der Versuchung nicht ganz widerstehen, im Eröffnungsmonat gleich 21 Projekte zu zeigen, also insgesamt 49 Aufführungen, an denen über 100 Künstler beteiligt sind. Die Programmdichte wird allerdings nach dieser Neueröffnungphase nicht dramatisch, aber doch ein wenig abnehmen –  schon allein, weil unsere finanziellen Mittel begrenzt sind und wir Unterbezahlung von Künstlern und den Kollegen, die an den Produktionen beteiligt sind, nicht zum Prinzip machen wollen.

Kommen wir also nun ein wenig mehr zum Tagesgeschäft und dem, was wir konkret in den kommenden Monaten vorhaben. Eines gleich vorweg: Der Charakter des HAU Hebbel am Ufer als interdisziplinäres Haus bleibt erhalten. Wir fühlen uns weiterhin für Theater, Tanz, Performance, Musik, Bildende Kunst und Diskurs zuständig, setzen zum einen auf Kontinuität, knüpfen aber gleichzeitig neue Allianzen und stellen für unsere Künstler, von denen Sie manche kennen werden und andere wiederum nicht, andere Kontexte her. Auf Kategorisierungen wie Hausregisseur oder Associated Artist möchten wir verzichten. Wir zeigen internationale Gastspiele und Koproduktionen, Wiederaufnahmen und Eigenproduktionen, schaffen Residenzen und knüpfen langfristige Partnerschaften mit Institutionen und Künstlern aus Berlin und dem gesamten Bundesgebiet, aus Holland und Belgien, Ungarn und Bulgarien, aus Brasilien und den Vereinigten Staaten, aus Österreich, aus Mosambik und aus Skandinavien.

Im Folgenden möchte ich hier einige Künstler vorstellen, die uns wichtig sind und neu in die Stadt kommen, so wie der ungarische Regisseur Kornél Mundruczó, dessen Arbeit ich schon in Rotterdam koproduziert habe. Sein Nachdenken in Zeiten der Eurokrise über die Frage, wo Europa steht, eröffnet eine andere Perspektive darauf, wie wir uns sehen und wahrnehmen. Können wir uns eigentlich den neokolonialen Feldherrenblick noch leisten, mit dem wir auf das Restgeschehen in der Welt schauen? Wo ist das Zentrum, wo die Peripherie? Diese drängenden Fragen formuliert er mit seiner Adaption von J.M. Coetzees berühmtem Roman "Schande", seiner ersten Koproduktion mit dem HAU.
 
Seine in den Niederlanden lebende Landsmännin, Edit Kaldor, lässt in ihren Performances konkrete Fragen mit abstrakten Wertvorstellungen kollidieren. Von ihr zeigen wir zwei Arbeiten. In "One Hour" verbindet sie eine außergewöhnliche theatralische Form mit einem existenziellen Thema: unsere Beziehung zur Zeit und unserer Sterblichkeit. In "C’est du Chinois" geht es um Möglichkeiten der Übersetzung und des Verstehens. In einem Crashkurs bringen Mandarin sprechende Schauspieler dem Publikum einige Grundbegriffe dieser Weltsprache bei, damit sie einer Spielhandlung über die Schwierigkeiten einer migrantischen Familie aus China folgen können. 
 
Der junge Autor und Regisseur Leonardo Moreira aus Sao Paulo und sein großartiges Schauspielerensemble Hiato, erstmals in Europa zu sehen, widmen sich dem Verhältnis von kollektivem Gedächtnis und fragmentierten Biografien. Es geht um Geschichten und Schicksale, die sich von Generation zu Generation weiterschreiben, überlagern und verändern.
 
Die Tänzerin und Choreographin Meg Stuart – seit den 90er Jahren eine der renommiertesten und stilbildenden Protagonisten der internationalen Tanz- und Performanceszene –  hat seit 2010 keine direkte Anbindung mehr an den Produktions- und Veranstaltungsort Berlin. Das HAU Hebbel am Ufer möchte Stuart und ihrer Kompagnie Damaged Goods eine neue künstlerische Heimat in der Stadt bieten. Im Januar wird sie im Rahmen einer mehrwöchigen Residenz ihr Quartier im HAU3 beziehen. Ergänzend zeigen wir Gastspiele ihrer Produktion "the fault lines" und ihrer neuen Arbeit "Built To Last", die in Zusammenarbeit mit den Münchner Kammerspielen entstanden ist.

Gerne würde ich noch ausführlich über Laurent Chétouane sprechen, mit dem wir auch eine künstlerische Partnerschaft ausbauen, oder über Philipp Gehmacher, Ivo Dimchev, Scritti Politti, Peter Brötzmann Tentet oder Kris Verdonck, aber hier zwinge ich mich, Sie auf die weiteren Informationen zum Programm im Pressematerial zu verweisen.

Nur noch einige Wörter über das Programm während unseres Neueröffnungswochenendes, vom 1. bis 4. November, mit Produktionen von Jérôme Bel, Schwalbe und Wunderbaum sowie Performances, Filmen und Konzerten von Miet Warlop, Nature Theater of Oklahoma, Gob Squad, Ja,Panik und vielen mehr.

Es ist kein Zufall, dass Jérôme Bels "Disabled Theater", eine Koproduktion mit dem HAU, eine der zentralen Eröffnungsproduktionen sein wird. Der französische Choreograph hat diesen Abend gemeinsam mit geistig behinderten Schauspielern des Theater HORA aus Zürich entwickelt und stellt dabei gewohnte Sehweisen radikal infrage –  eine, wie Jérôme Bel sagt, „lebende Unterwanderung des Theaters und des Tanzes.“ Am Ende stellt sich die Frage, wer hier die eigentlich Gehandicapten sind –  die Darsteller, oder nicht doch eher wir, die schönen, cleveren, alles verstehenden Zuschauer.

Ebenso wenig ist es ein Zufall, dass das Schauspielkollektiv Wunderbaum aus Rotterdam und die belgische Performance-Künstlerin Miet Warlop bei unserem Eröffnungsprogramm vertreten sein werden. Beide sind zur Zeit hier in Berlin, um ihre Produktionen mit dem Hebbel am Ufer vorzubereiten, und es freut mich, Ihnen diese wunderbaren Künstler nun persönlich vorstellen zu können.

Wir treffen uns heute in den noch unrenovierten Räumen dieses Theaters. Hinter den Kulissen werden nicht nur im HAU2 die seit Jahren notwendigen technischen Verbesserungen durchgeführt. Das ist übrigens der Hauptgrund, warum wir erst im November anfangen. In allen Räumlichkeiten unseres Hauses wird auch intensiv an einer optischen Veränderung gearbeitet. Das gestalterische Konzept für die kommenden Jahre hat das Team um die Berliner Bühnenbildnerin Janina Audick entwickelt, bekannt durch ihre Zusammenarbeit mit Christoph Schlingensief, René Pollesch und Herbert Fritsch. Es umfasst die Umgestaltung der Fassaden und der Foyers im HAU1, 2 und 3, sowie ein neues Outfit für das WAU –  die Kantine, den Treffpunkt, das Restaurant. Das sind öffentliche Räume, in denen man kurz Atem holen kann, bevor man als Zuschauer wieder aktiv wird. Übergangsräume, in einer Welt, die eigentlich nur noch aus Schauspielern besteht, aber auch Räume des Nichtstuns. Wir hoffen, damit eine Umgebung für Prozesse zu schaffen, deren Charakter, wie das bei künstlerischen Tätigkeiten nun einmal der Fall ist, in ihrer Unplanbarkeit und in ihrer Nichtvorhersagbarkeit besteht.

Vielleicht sind Ihnen auf dem Weg hierher die mit der Aufschrift NEUERÖFFNUNG überklebten Fenster- und Türflächen aufgefallen, die HAU-Sticker, die Leporellos im neuen Erscheinungsbild und mit der neuen "HAU-Farbe" und dem klar gestalteten Logo. Das alles wurde von unserem Grafikdesigner Jürgen Fehrmann entwickelt, der zuletzt für die Schaubühne am Lehniner Platz tätig war. Es ist, wie ich finde, ein vitales und hoffentlich auch widerstandsfähiges leuchtendes Blau, das sich im übrigen farblich gut mit der alten, schönen Leuchtschrift am HAU1 ergänzt.

Darüber hinaus haben wir uns für einen lebendigen Internet-Auftritt entschieden –  und damit für eine deutliche Stärkung des Online-Bereichs, für eine konsequente Zweisprachigkeit, die auch die Bewohner dieser mehr und mehr internationalen Stadt und unsere internationalen Gäste noch stärker einschließt als bisher. Ab dem 1. Oktober sind wir online.

Der Kartenverkauf wird –  wie angekündigt –  am 15. September beginnen. Die Zweisprachigkeit setzen wir ebenfalls in unserem Monatsleporello um, den sie heute druckfrisch in Händen halten. Zu verschiedenen Produktionen werden wir übrigens auch englischsprachige Übertitelungen anbieten –  im November z.B. bei der Wiederaufnahme von „Schubladen“, der bislang letzten Produktion von She She Pop, die am HAU gezeigt wurde.

Mir ist verboten worden, das ganze neue Team vor zu stellen, aber meine künstlerischen Mitarbeiter möchte ich hier sehr gerne nennen: Aenne Quiñones, der ich zum ersten Mal während ihres tollen Festivals „reich & berühmt“ im Podewil begegnet bin und dann später als Dramaturgin an der Volksbühne. Ricardo Carmona, den ich im Rahmen des internationalen Netzwerks "Next Step" kennengelernt habe und der Lissabon verlassen hat, um mit uns insbesondere seine Tanzkenntnis zu teilen. Dann ist da Christoph Gurk, der auch bislang am HAU das Musikprogramm verantwortet, aber auch viele andere künstlerische Akzente am Haus gesetzt hat, so zuletzt mit der dramaturgischen Betreuung der Weltausstellung auf dem Tempelhofer Feld.

Last but not least möchte ich Sie gern mit unseren neuen Mitstreitern bekannt machen, die uns alle in den kommenden Wochen von vielen verschiedenen Plätzen dieser Stadt mit kritischem oder auch verwundertem Blick ins Visier nehmen werden –  Tiere als eigenständige Wesen, nicht als bloße Objekte, als Ernährungsgrundlage oder als Helfer für Aufgaben, die wir Menschen nicht so gerne erledigen. Ähnlich wie im Falle von Kornél Mundruczós Blick auf Europa oder von Jérôme Bels Schauspielern stellen wir uns hier die Frage: Welche Perspektive wollen wir einnehmen - und was sind das eigentlich, um mit Donna Haraway zu sprechen, für „Logiken und Praktiken, die der Herrschaft über all jene, die als Andere konstituiert werden, zugrunde liegen?“

Auch wenn Sie müde sind, stellen Sie Fragen oder probieren Sie mit uns eine echt holländische Stroopwafel.

Kommen Sie bald wieder vorbei!


(Annemie Vanackere, Berlin, den 13. September 2012)