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Die Möglichkeit einer anderen Vergangenheit

von Boris Buden

Die Spannung zwischen Fantasie und Realität war, ungeachtet dessen wie die Philosophie sie nannte, schon immer ein produktiver politischer Mechanismus. Wenn wir das, was wir Realität nennen, als einen konstruierten Diskurs erkennen, so erscheint gleichzeitig unsere Realität von unserer Vorstellungskraft gestaltet zu sein. Man könnte folglich sagen, dass unsere Fantasien gar nicht so grundsätzlich unwirklich sind. Im Kontext politischer Konflikte scheint die Fantasie, ganz gleich in welchem Gewand sie auftritt, jedoch immer wieder unvereinbar mit unserer Realität.

Freud machte die Spannung zwischen Realität und Fantasie für seine Theorie der Psychoanalyse  nutzbar. Er tat dies auf denkbar originelle Weise indem er nicht nur zwischen einer materiellen und einer psychischen Realität unterschied sondern, es auch schaffte, beide in der Vergangenheit wieder miteinander zu verbinden.

Genauer gesagt, ging es Freud um die Beobachtung, dass sich Erinnerungen an Momente von Versuchung oder Verführung nicht immer auf ein tatsächliches Ereignis (etwa des sexuellen Missbrauchs, ein für seine Theorie und Praxis zentrales Thema) zurückführen lassen, sondern oft der Fantasie entspringen. Unsere Erinnerung beruht also nicht grundsätzlich auf den Spuren oder Tatsachen der Vergangenheit, sondern ist auch ganz wesentlich von unserer Vorstellungskraft geprägt.

Freud fand in diesem Zusammenhang heraus, dass Fantasien, obgleich sie unseren imaginären Sehnsüchten in Form von Wunschfantasien Ausdruck verleihen und deshalb oft die Zukunft als Ort ihrer Erfüllung verstehen, im Grunde Wiederholungen und Verarbeitungen frühkindlicher Szenarien sind. Auch wenn sie scheinbar in die Zukunft schauen, sind sie doch nachträglich aus der Vergangenheit heraus konstruiert. Im Gewand so genannter Urfantasien – der Verführung, der Kastration oder des väterlichen Sexualverkehrs – werden die Erinnerungen des Einzelnen mit einer kollektiven, allgemeinen Bedeutung aufgeladen. Diese ursprünglichen Fantasien lassen unsere Erinnerungen real werden, auch wenn sie gar nicht unbedingt auf realen Erlebnissen beruhen. Dass ich womöglich nie persönlich von meiner Mutter verführt wurde oder von meinem Vater die Androhung der Kastration erfahren habe, das macht diese Fantasien nicht weniger „wirklich“ für mich. Diese essentiellen Fantasien, tief in uns eingepflanzt, schließen die klaffende Lücke zwischen einer indivuellen Fantasie und der Realität. Wenn einer Fantasie eine direkte Vorlage in der Realität fehlt, so speist sie sich oft aus der Vergangenheit, und zwar aus einer sehr entlegenen, kollektiven Vergangenheit. Es ist folglich eine Erinnerung, genaur: eine kollektive Erinnerung, die unsere Fantasien zu Realität werden lässt.

Kürzlich verkündete Lyse Ducet, internationale Korrespondentin des Senders BBC World, über Twitter, dass sie sich als Journalistin berufen fühle, Zeugnis abzulegen und dem Kampf des Volkes gegen die politische Macht eine Stimme zu geben: „our job is to bear witness & give voice—,..struggle of people against power is struggle of memory against forgetting’, Graham Usher RIP.“ Der Kampf des Volkes wäre demzufolge ein Kampf der Erinnerung gegen das Vergessen. Ducet schrieb diese Worte in memoriam für Graham Usher, ein zu seiner Zeit herausragender Auslandskorrespondent des Magazins „The Nation“, der hauptsächlich über den Nahost-Konflikt schrieb. Ducet zitiert in ihrem Tweet aus Ushers Buch „Dispatches From Palestine“, in dem er argumentiert, dass Geschichte grundsätzlich aus der Perspektive der Gewinner geschrieben wird, so dass Journalisten und Journalistinnen die Aufgabe zufällt, Zeugnis darüber abzulegen, was wirklich passiert ist und so auch den Verlierern eine Stimme zu geben. Usher selbst entnahm das von Ducet aufgenommene Zitat übrigens Milan Kunderas Buch „The Book of Laughter and Forgetting“, in dem es wörtlich heißt: „The struggle of people against power is the struggle of memory against forgetting.”

In Kunderas Buch markiert dieses Zitat einen der entscheidenden Momente des Romans, der gleichzeitig jedoch auch ein historischer Vorgang ist. Es wird hier ein 1948 aufgenommenes Foto beschrieben, das Vladimir Clementis neben Klement Gotwald stehend abbildet. Nachdem Clementis zum Tode verurteilt und 1952 gehängt wurde, wurde er auch nachträglich aus dem Foto herausretuschiert.

Die Moral, die sowohl Kunderas Roman als auch Ushers Buch innewohnt, wird durch Kunderas Zitat prägnant auf den Punkt gebracht. Es geht hier vor allem darum, dass es Machtstrukturen – und nicht die unbewussten Sehnsüchte in unseren Fantasien – sind, die unsere Erinnerungen von der Realität abtrennen und sie ihrem Willen zufolge umformen und festschreiben. Aus diesem Grund muss emanzipatorische Politik es sich zur Aufgabe machen, historische Tatsachen und Erinnerungen wieder zusammenzuführen und so eine objektivere Realität der Erinnerung wieder herzustellen. Es lässt sich also sagen, dass die Politik des Volks eine Politik der objektiven Wahrheit der Vergangenheit ist, während die Fantasie als Feind des Volkes zu verstehen ist.

Dieser Gedanke hat weit reichende Konsequenzen, denn er macht die Vergangenheit zum wahren Ort des emanzipatorischen politischen Kampfs. Dieser Kampf muss als Kampf der Erinnerung gegen das Vergessen und für die Wahrheit der Vergangenheit geführt werden. Erst wenn man es schafft, denjenigen, die über politische Macht verfügen, die Vergangenheit wieder abzuringen, wird einem auch selbst wieder eine größere Macht zufallen und eine bessere Zukunft gewiss sein.

Interessanterweise verfasste auch der berühmte Edward Said, der große palästinensische Literaturtheoretiker und Intellektuelle, häufig Beiträge für „The Nation“. Said, der Graham Ushers Reportagen über Palästina äußerst zutreffend fand, hatte jedoch eine divergierende Meinung in der Grage, wie sich bestehende Machtstrukturen aufbrechen lassen. In seiner berühmten Rede „Speaking truth to power“ aus dem Jahr 1993 argumentiert er, dass sich Intellektuelle heute nicht mehr auf einen allgemeingültigen Konsens oder eine Autorität verlassen können, der oder die eine objektive Version der Vergangenheit festlegt. Er beruft sich hierbei auf die Erkenntnisse des amerikanischen Historikers Peter Novick. Der kam schon 1988 zu dem Schluss, dass das Ideal der Objektivität, auf dem die Wissenschaft der Geschichtsschreibung fußt, nie umgesetzt werden konnte. Seiner Meinung nach ist es sogar so, dass sich die Historiographie schrittweise zu einer Masse konkurrierender Behauptungen und Gegenbehauptungen ohne objektive Aussagekraft entwickelt hat. Novick schlussfolgert, die Fachrichtung Geschichte habe ihre Existenzberechtigung gänzlich verloren.

Aber wer, wenn nicht die Geschichtsschreibung, kann heute noch die wahre Vergangenheit verifizieren, auf deren Grundlage allen bestehende Machtstrukturen angefochten werden können? Der französische Historiker Pierre Nora meint, hierfür sei die Erinnerung verantwortlich. Sie übernehme die Aufgabe der Geschichte, die Vergangenheit zu formen und zu fertigen. Für den französischen Historiker bestimmt die Erinnerung deshalb auch die Art und Weise, in der wir heute historische Zusammenhänge begreifen. Er geht sogar so weit, unsere Gegenwart als ein „Zeitalter des Gedenkens (age of commemoration)“ zu betiteln, als eine Ära, die sich leidenschaftlich, fast fetischistisch der Gedächtniskultur verschrieben hat.

An genau diesem Punkt kommt die Fantasie wieder ins Spiel. Sie kann kompensieren, was die Geschichtsschreibung in der Fertigung der Vergangenheit nicht mehr zu leisten vermag, und die Verbindung zur objektiven Realität wieder herstellen. Hier lässt sich ein Bogen zurück zu Freud schlagen: Wenn der Fantasie eine direkte Vorlage in der Realität fehlt, holt sie sich diese aus der Vergangenheit. Deshalb birgt die Erinnerung, vor allem in Form der sogenannten Erinnerungskultur, eine erhebliche Menge utopischer Energie. Das Zeitalter des Gedenkens ist nur in dem Sinne post-utopisch, als dass sich die Utopie nicht mehr auf die Zukunft richtet, sondern sich vielmehr der Vergangenheit zuwendet. Man könnte das als eine Form der Retro-Utopie bezeichnen.

Das Konzept der Retro-Utopie wurde von Inke Arns entwickelt, um eine Tendenz in der slowenischen Kunstszene der 90er Jahre zu beschreiben. Hierbei ging es um die Frage, wie Künstler und Künstlerinnen ihr Interesse an technologischen und wissenschaftlichen Utopien im frühen zwanzigsten Jahrhundert verhandelt und umgesetzt haben. Ihre künstlerischen Retro-Utopien arbeiteten sich nicht länger an der negativen Utopie einer totalitären Vergangenheit ab, sondern konzentrierten sich vielmehr auf das emanzipatorische und visionäre Potential utopischen Denkens, beispielsweise auf den Mythos der Weltallreise. Der Blick der Retro-Utopisten ist also auf die Zukunft gerichtet. Allerdings erreichen sie diese Zukunft am Ende über einen Umweg durch die Vergangenheit. Die Vergangenheit ist nicht das letztendliche Ziel der Reise. Ihr Ziel ist und bleibt ein zukünftiges. Die hier zu beobachtende Bewegung führt aus, was Gilles Deleuze in „Differenz und Wiederholung“ als komplexe Wiederholung bezeichnet, als eine Wiederholung, die etwas Neues schafft.

An diesem Punkt sollten wir uns die vielleicht unangenehme Frage stellen, ob die Fantasie heute, eigentlich unterwegs in die Zukunft, auf ihrem Umweg durch die Vergangenheit stecken geblieben ist. Was würde es bedeuten, wenn wir in der Vergangenheit ein neues „gelobtes Land“ unser Vorstellungskraft finden würden, in dem alles anders hätte sein können als es wirklich war.

Der rhetorische Kern der Frage „was wäre wenn“ suggeriert ja nicht unbedingt, dass die Antwort auf diese Frage aus der Zukunft geborgen werden muss. Sie könnte genauso gut in der Vergangenheit zu finden sein.

Solche „Was wäre wenn“-Geschichten, die auch Alternativweltgeschichten oder „Alternative histories’ genannt werden, machen heute bereits ein stetig wachsendes literarisches Genre aus. Interessanterweise wird diese Art der Fiktion oft von studierten Historikern verfasst, deren Romane von der Frage geleitet sind, wie die Geschichte anders hätte verlaufen können, wenn beispielsweise eine entscheidende Schlacht nicht verloren, sondern gewonnen worden wäre – denkbar wäre ein Triumph von Antonius und Kleopatra in der Schlacht von Actium, 31 v.Chr.. Was wäre, um ein weiteres Beispiel zu nennen, anders verlaufen, wenn Pontius Pilatus nicht die Kreuzung von Jesus Christus angeordnet hätte. Wie hätte sich das Christentum dann weiterentwickelt? Oder was wäre gewesen, wenn Großbritannien 1940 Frieden mit Nazi-Deutschland geschlossen hätte?

Von dieser Perspektive aus betrachtet erscheint die Vergangenheit – und nicht die Zukunft! – voller Eventualitäten und Alternativen zu sein, angefüllt mit, wie es die Besprechung eines „Was wäre wenn“-Bestsellers vorschlägt, “counterfactual supposes, would-haves, might-haves, could-haves, possiblys, perhapses, probablys and maybes, in all their dizzying permutations.” In anderen Worten: Es tun sich hier unendlich viele Spielarten von wahrscheinlichen oder unwahrscheinlichen, möglichen oder unmöglichen Mutationen der Geschichte auf. Die Vergangenheit ist tatsächlich zu einem neuen gelobten Land unserer Vorstellungskraft geworden – ein Land, in dem alles anders hätte sein können als es wirklich war. Eine andere Welt liegt tatsächlich im Bereich des Möglichen. Es obliegt unserer Imagination, die Vergangenheit radikal zu verändern. Vielleicht muss es so sein, gerade weil wir der Zukunft so wenig entgegenzusetzen haben.

Aus dem Englischen von Mieke Woelky.

Veröffentlicht im Mai 2015 anlässlich der Veranstaltung "Phantasma und Politik #11 – Die Verantwortung der Kunst".