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Referendum Projectvon Akira Takayama
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Parcours 3.11

Der “Parcours 3.11” verwandelt den Theatersaal, das Foyer und die Umgänge des HAU1 in einen Kosmos unterschiedlicher filmischer und installativer Annäherungen an den 11. März 2011 und seine sichtbaren wie unsichtbaren Folgen auf das Leben der Menschen in Japan. Akira Takayama interviewt in seinem Langzeit-Archiv “Referendum Project” Jugendliche aus verschiedenen Regionen Japans, Hikaru Fujii dokumentiert als filmischer Ethnologe Reaktionen von Künstlern und Kulturinitiativen auf die Katastrophe. Nina Fischer und Maroan el Sani porträtieren Menschen, die aufgrund der radioaktiven Verseuchung ihre Heimat verlassen mussten. Hikaru Suzuki bringt die beliebte Anime-Figur Doraemon filmisch zum Verschwinden.

Akira Takayama

Referendum Project (2011/2014)

Japanisch mit englischen Untertiteln

Inspiriert von einem Besuch des Kernkraftwerks Zwentendorf  bei Wien, dessen Inbetriebnahme durch eine Volksabstimmung im Jahr 1978 gestoppt  wurde, hat Akira Takayama die Idee des “Referendum” zur Grundlage eines Langzeitprojektes gemacht. In Japan, wo bisher noch nie eine Volksabstimmung durchgeführt wurde, ist ein Referendum bisher nur im Modus der Fiktion – als künstlerische Handlung – möglich.
Das Projekt dokumentiert und sammelt “Stimmen”, die selbst bei einer tatsächlichen Volksbefragung niemals gehört würden. Im Rahmen mehrerer Reisen in verschiedene Regionen Japans hat Takayama seit 2011 mehr als 1000 Schülerinnen und Schüler auf der Basis eines Fragenkatalogs interviewt, der um die Alltagsgewohnheiten und die Zukunftswünsche  der Jugendlichen kreist. Die Antworten der 12 bis 14 Jahre alten Jugendlichen zeugen einerseits von verwegenem Einfallsreichtum, spiegeln aber – zum Teil auf durchaus bedrückende Weise – abgeklärte Phrasen aus der Erwachsenenwelt. Für die Berliner Version der Installation wurde das Archiv um Gespräche erweitert, die der Regisseur und Dokumentarist im März 2014 mit Kindern und Jugendlichen aus Hiroshima und Nagasaki geführt hat. Mit dieser Entscheidung spannt Akira Takayama einen Bogen von den Atombombenangriffen am Ende des 2. Weltkriegs und den durch die ausgelösten Traumata zu nuklearen Katastrophe von Fukushima.

Produktion: Festival/Tokyo, Port B. Koproduktion: Wiener Festwochen. Mit Unterstützung von The Japan Foundation, The Saison Foundation, Association for Corporate Support of the Arts (KMK), GBF und The Northeast Japan Earthquake Restoration Fund.

Hikaru Fujii

3.11. Art Documentation

Videodokumentation, 2011–ongoing
Japanisch mit englischen Untertiteln

Der Filmemacher Hikaru Fujii begann bereits drei Wochen nach der Katastrophe vom 11. März 2011 mit der Arbeit an seiner “3.11 Art Documentation”. Über den Zeitraum von etwa einem Jahr reiste er wiederholt mehrere Wochen in das Katastrophengebiet, um an verschiedenen Orten – in verwüsteten Kulturzentren, Schulen oder Notunterkünften – mit der Kamera zu verfolgen, mit welchen Konzepten und Strategien verschiedene Akteure aus Kunst und Kultur auf das Desaster reagierten. Dokumentiert sind sehr heterogene Aktivitäten: Gedenkveranstaltungen, Aufräumarbeiten einer Gruppe von Freiwilligen in einem vom Tsunami getroffenen Wohnhaus, die erste Probe einer Brass Band nach der Katastrophe. Angesiedelt zwischen Gedenken, Analyse und der Aufforderung zu konkretem Handeln stellt Fujiis Videoarchiv eindringliche Fragen nach der Funktion von Kunst und deren filmischer Dokumentation.             

Kamera, Schnitt: Hikaru Fujii; Partner: Sendai Mediatheque; Gefördert durch: ARTS NPO AID

Hikaru Suzuki

Mr. S & Doraemon

Video, 2012, 15 Min.
Japanisch mit deutschen Untertiteln

Die zweiteilige Videoarbeit verknüpft eine Selbstdokumentation des Künstlers und Regisseurs, am Tag nach der Katastrophe vom 11. März 2011, mit Szenen des beliebten japanischen Anime-Klassikers “Doraemon”. Den Bildschirm seines Computers, auf dem Hikaru Suzuki die Ereignisse in der Katastrophenregion mitverfolgte, filmte der Künstler mit der Kamera ab. Fortan hielt er täglich Szenen aus seinem Alltagsleben fest. Die so entstehende Chronologie seines “Fensters zur Welt” sind in umgekehrter Reihenfolge montiert. Das Ergebnis ist eine verstörende Betrachtung über den “Lauf der Geschichte”. Im zweiten Teil beraubt er 106 Folgen des Anime-Films mit penibler Sorgfalt ihrer Hauptfigur. Übrig bleibt nur die Behausung des Titelhelden – Doraemon selber ist permanent abwesend. Suzuki unterlegt Szenerien des verlassenen Hauses mit Tonmaterial aus Nachrichtensendungen vom 12. März 2011.

Nina Fischer & Maroan el Sani

Contaminated Home

Installation, 2014

Die Fotos aus der Serie “Contaminated Home” zeigen private Aufnahmen einer Familie aus der Präfektur Fukushima, die ihr nur 23 km vom havarierten Atomkraftwerk entfernt liegendes Haus in den ersten Tagen nach dem Erdbeben verließ und nach Kyoto zog. Seit der Flucht im März 2011 fahren die Protagonisten einmal im Monat für einige Tage zurück, messen die Strahlung und vergleichen sie mit den offiziellen Werten. Die Fotoserie und das begleitende Interviewmaterial dokumentieren die Visiten des im Wald gelegenen “trauten Heims”. Diese Scheinidylle lässt die Bedrohung durch die Kontamination um so irrealer erscheinen.         

Mit freundlicher Genehmigung der Künstler und der Galerie Eigen+Art, Leipzig/Berlin.

Nina Fischer & Maroan el Sani

Spirits Closing Their Eyes

3-Kanal Video Installation, HD, Länge variabel, schlagwort-generiert, 2012
Japanisch mit englischen Untertiteln

Ein Film über das Leben in Japan nach dem 11. März 2011. Es geht nicht um die sichtbaren Schäden des Erdbebens und des Tsunamis, auch nicht um Aktivitäten wie Wiederaufbau oder Aufmunterung, sondern um die unscheinbaren und oft unsichtbaren Veränderungen. Die Dokumentation richtet den Blick auf einen physischen und psychischen Ausnahmezustand, der von aktueller Bedrohung bis zum subtilen Wandel der Alltagsgewohnheiten reicht.
Die Berliner Künstler Nina Fischer und  Maroan el Sani haben längere Gespräche mit Menschen aus unterschiedlichen Regionen Japans geführt. Wir sehen Flüchtlinge, die nach der Reaktorkatastrophe ihre Heimat verlassen haben; Familien in Tokyo, die sich an den täglichen Umgang mit dem Geigerzähler gewöhnt haben; SchülerInnen, die ein Referendum gegen Atomkraft organisieren; ForscherInnen, die billige Strahlenmessgeräte aus recycelten Plastikflaschen entwickeln; oder KünstlerInnen, die ein Festival im verstrahlten Fukushima veranstalten.
“Spirits Closing Their Eyes” verbindet diese Gespräche mit Aufnahmen von Orten, die Situationen und Stimmungen eines Landes abbilden. Die Arbeit enthält darüber hinaus eine Reihe kurzer Filmporträts. Alle Interviewpartner blicken für eine Minute in die Kamera und denken an die Zukunft, die für die meisten ungewiss ist.         

Mit freundlicher Genehmigung der Künstler und der Galerie Eigen+Art, Leipzig/Berlin.          

Nina Fischer & Maroan el Sani

PET Bottle Shield

Installation, 2014
3 Regale mit wassergefüllten Pet-Flaschen, 3 Schultafeln
 
Die Installation entstand als Reaktion auf ein Interview, das wir während der Recherchen für unseren Film "Spirits Closing Their Eyes", im October 2011 mit dem Lehrer einer Grundschule in der Präfektur Fukushima geführt haben. Die Grundschule sah sich mit der Situation konfrontiert, dass die Strahlungswerte auf dem Schulhof etwa 10 bis 30 Mal höher waren als in den Klassenzimmern. Die Tatsache, dass verbrauchte Brennstäbe aus Atomkraftwerken in Wasserbecken gelagert werden, brachte den Lehrer auf den Gedanken, dass Wasser die Fähigkeit hat, Strahlungsaktivität zu vermindern. Ein in der Schule durchgeführtes Experiment mit einem Wassertank bestätigte die erwartete Wirkung. Daraufhin startete der Lehrer einen Aufruf unter den Eltern. Es wurden 1600 Pet-Flaschen gesammelt, mit Wasser befüllt und damit eine Schutzwand im Schulhof vor den Klassenzimmern errichtet. Ein Beispiel gemeinschaftlicher, improvisierter Selbsthilfe, während die Behörden aufgrund mangelnder Vorgaben seitens der Regierung und unübersichtlicher Informationslage weitgehend untätig bleiben. 

Mit freundlicher Genehmigung der Künstler und der Galerie Eigen+Art, Leipzig/Berlin.
Vergangene Termine
Mai 2014
Ausstattung
Valerie von Stillfried
Ausstattungs-assistenz
Dominik von Stillfried
21.–29.5., täglich ab 17:00