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Fearless Speech

Die interdisziplinäre Veranstaltungsreihe “Fearless Speech” beschäftigt sich seit 2016 mit Fragen des Kritischen in Kunst und Politik. Nicht nur politische und ethische Praktiken von gegenwärtigen Künstler*innen, die einen Raum der Möglichkeiten erschließen wollen, standen im Zentrum der Reihe, sondern auch Fragen nach anderen Formen der Künste und der Politiken. In der Spielzeit 2017/18 verabschieden wir uns von der Signatur Foucault im Untertitel, nicht aber von seinen Fragestellungen.

Das HAU Hebbel am Ufer wird den Spuren Foucaults – der sich  entschieden gegen Gefängnisse, gegen den justiziellen Apparat, die psychiatrischen Gutachten, die administrative Konstruktion von Identitäten, die Erzeugung von Gehorsam in Schulen oder Fabriken, die militärische Produktivität des Tötens oder die Sexualisierung der Individuen engagiert hat – weiter nachgehen und sie für die Gegenwart befragen. Die parrhesia, die eine Form einer ästhetischen und intellektuellen Lebenspraxis darstellt und die der französische Intellektuelle dem individualisierten Wissen, dem "common sense" mit seinem Evidenz-Fetischismus entgegenstellte, war für ihn ein  "Wahr-Sprechen" in einer ganz konkreten Situation ohne vorab feststehende Absicherungen. Welchen Weisen des Geformtwerdens man sich wie widersetzen kann, aber auch das "Wissen der Leute" sollen nun im Zentrum unserer Reihe stehen.

"Fearless Speech“ wird fortgesetzt mit einem Gespräch zwischen dem Autor Édouard Louis und dem Soziologen Geoffroy de Lagasnerie, deren neue Werke vor kurzem zeitgleich auf Deutsch erschienen sind. Angesichts sich stetig intensivierender Logiken der Repression und des Strafvollzugs entwerfen die beiden französischen Intellektuellen, im Kontext von Louis’ Roman "Im Herzen der Gewalt" und Geoffroy de Lagasneries Untersuchung "Verurteilen: Der strafende Staat und die Soziologie", eine andere Ethik der Gerechtigkeit, des Rechts und des Verständnisses des andern. Mit „Im Herzen der Gewalt“, Louis' autobiografischem Bericht einer überlebten Vergewaltigung, der von Foucaults "Wahnsinn und Gesellschaft" inspiriert ist, verfolgt der Shooting Star der französischen Literaturszene und Schüler Didier Eribons eine auto-sozioanalytische Herangehensweise. Daran anschließend wird er gemeinsam mit de Lagasnerie eine Kritik des Strafsystems und des Repressionsapparats des Staates formulieren.

In einer der kommenden Ausgaben von "Fearless Speech" wird die Philosophin Judith Butler nicht nur eine kritische Haltung einnehmen, sondern sich auch für eine Form des "Wahr-Sprechens", für ein offenes und öffentliches Auftreten gegenüber der Politik der Trump-Regierung stark machen. McKenzie Wark, der Media and Cultural Studies an der New School in New York lehrt, wird Foucaults Konzeption des "spezifischen Intellektuellen" mit Marx' Begriff des "general intellect" vergleichen und Diedrich Diederichsen über "(Anti-)Correctness und (Anti-)Normativität" sprechen. Angela McRobbie wird als Vertreterin der britischen Cultural Studies in ihrer Lecture "Against the Dismantling of Welfare" auf die neoliberale Gouvernementalität in Zeiten gnadenloser Austeritätspolitiken eingehen; der Poptheoretiker Dan Hancox wird sich mit dem Musikstil Grime auseinander setzen, in dessen Zentrum das lokale und  spezielle "Wissen der Leute" afrodiasporischer Musiker*innen steht, die als organische oder quasi-spezifische Intellektuelle  den Subalternen Großbritanniens eine wortgewaltige Stimme verleihen und Owen Hatherley wird über "Landscapes of communism" sprechen. Helen Hester von der University of West London wird ihr Buch zum Xenofeminismus präsentieren, der als neue, an den Cyberfeminismus angelehnte feministische Strömung einerseits für ein Produktivmachen der Entfremdung und des Nichtnatürlichen steht,  andererseits die Abschaffung von Kategorien wie Geschlecht, Rassifizierung oder Klasse vorschlägt. Die italienische Soziologin Sara R. Farris hat das Schlagwort Femonationalismus geprägt und analysiert in ihrer Forschung die ebenso aktuelle wie hochbrisante Instrumentalisierung feministischen Vokabulars für rassistische und nationalistische Zwecke.

In früheren Ausgaben der Reihe waren unter anderem Didier Eribon, Loïc Wacquant, Rahel Jaeggi, Daniel Zamora, Ruth Sonderegger, Jace Clayton, Ekaterina Degot, Nick Srnicek, Serhat Karakayali, Kathrin Busch, Helmut Draxler, Ute Tellmann, Roberto Nigro und Alex Demirović zu Gast.
Eine interdisziplinäre Veranstaltungsreihe des HAU Hebbel am Ufer. Kuratiert von Pascal Jurt.

17.10.2017

Fearless Speech #11
Von der Gewalt zur Gerechtigkeit

Mit Édouard Louis und Geoffroy de Lagasnerie
Französisch mit deutscher und englischer Simultanübersetzung

25.04.2017

Fearless Speech #10
Platform Capitalism

Mit Nick Srnicek / Moderation: Christian Werthschulte
Englisch

21.03.2017

Fearless Speech #9
Die Waffen der Kritik. Dialektische Aufklärung heute

Mit Helmut Draxler, Rahel Jaeggi und Ruth Sonderegger
Deutsch

25.01.2017

Fearless Speech #8
Uproot: Travels in 21st-Century Music and Digital Culture

Mit Jace Clayton aka DJ /rupture (NY) / Moderation: Lisa Blanning
Englisch

1.12.2016

Fearless Speech #7
Das Lokale und das Globale: Formen der Herrschaft und Formen des Widerstands

Mit Didier Eribon / Moderation: René Aguigah
Französisch mit deutscher und englischer Simultanübersetzung

2.11.2016

4.10.2016

Fearless Speech #5
Linke Ästhetik heute?

Mit Ekaterina Degot, Anja Lemke und Serhat Karakayali
Deutsch

22.6.2016

18.5.2016

Fearless Speech #3
Das Untolerierbare und die Literatur

Mit Édouard Louis u.a.
Französisch mit deutscher Simultanübersetzung

17.4.2016

Fearless Speech #2
Die Ordnung der Kunst

Mit Ruth Sonderegger, Juliane Rebentisch, Roberto Nigro, Rosella Biscotti, Ulf Wuggenig und Pascal Jurt

16.03.2016

Fearless Speech #1
Foucault und der Neoliberalismus

Mit Daniel Zamora und Ute Tellmann
Englisch

27.1.2016

Fearless Speech #0
"Aktive Intoleranz" Ein Plädoyer für neue Verhaltensrevolten

Mit Alex Demirović, Kathrin Busch und Pascal Jurt
Deutsch