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Ian Kaler

Ian Kaler (vormals An Kaler) kommt ursprünglich von der bildenden Kunst – das prägt auch seinen Blick auf Körper und Raum. Er studiert zunächst Transmediale Kunst in Wien und absolviert danach den Pilotstudiengang Zeitgenössischer Tanz, Kontext, Choreographie am Hochschulübergreifenden Zentrum Tanz in Berlin. In seinen Performances entwickelt er eine Ästhetik der Differenz: Er will einen Körper zeigen, der sich außerhalb von Normen bewegt, der sich allen Zuschreibungen und Eindeutigkeiten entzieht. "Potenzial statt Message", so bringt Ian Kaler seine reduziert und karg anmutenden Arbeiten auf den Punkt.

Seine Performances ordnet er in choreografischen Reihen oder Serien an, um das Prozesshafte zu betonen. Der Durchbruch gelingt ihm 2011 mit dem Trio "Insignificant Others (learning to look sideways)", das ein Dreieck des Begehrens entwirft, in dem die Relationen innerhalb der Gruppe auf subtile Weise verschoben werden. In der performativen Reihe "On Orientations" entwickelt er im Austausch mit anderen Performer*innen eine gemeinsame physische und kreative Praxis, die sich mit Räumen und Positionierungen, Gender und Wahrnehmung beschäftigt. In der Reihe "Contingencies" sucht Ian Kaler nach unvorhergesehenen Abweichungen, nach formalen Alternativen – innerhalb gewohnter Bewegungsabläufe oder im Zusammenspiel der Performer*innen.

"o.T." ist die erste Reihe, die Kaler speziell für die Black Box des Theaters entwickelt;
davor zeigt er seine Stücke in Studios oder Galerien. Ian Kaler erforscht hier die Energieprinzipien des Körpers, die für ihn eine bestimmte Emotionalität haben. Im ersten Teil der Tetralogie "o.T. (the emotionality of the jaw)”, der im Mai 2015 Premiere im HAU feiert, geht es vor allem um den Zustand des Driftens, des Loslassens von Kontrolle. Die pulsierenden Bewegungsfolgen haben etwas Repetitives, zugleich spielt Kaler mit kleinen Variationen. Er taucht in Dämmerzustände ab, die Körperkonturen verwischen gelegentlich, und doch legt er eine gesteigerte Wachheit an den Tag. Angetrieben werden die Bewegungen von den Elektropop-Percussionsklängen von Aquarian Jugs (das neue Alias der englischen Musikerin und Produzentin Jam Rostron). Die pulsierenden Sounds versetzen die Zuschauer*innen fast in eine Art Trance. Das Solo hat Ian Kaler im Februar 2016 für die Bühne des HAU2 adaptiert. In dem zweiten Teil der Tetratogie "o.T. (gateways to movement)" bittet Kaler den österreichischen Choreografen Philipp Gehmacher zum Duett. Auch in "gateways to movement" erinnert die Atmosphäre an einen Club. In einer minimalistisch-schwarzen Bühneninstallation suchen die beiden Künstler*innen nach Verbindungen und Gemeinsamkeiten – und lassen sich zugleich ihren Freiraum. Zwei Performer*innen in ihrer unterschiedlichen Körperlichkeit und Sensibilität werden gegenübergestellt – darin besteht der Reiz dieses Duos. Ian Kaler sucht nicht den Gleichklang der Körper, sondern betont die Differenz und suggeriert: Zusammensein ist ein fortwährender Prozess des Aushandelns.
Sich für andere Möglichkeiten zu öffnen – darum geht es in allen Performances von Ian Kaler.

von Sandra Luzina
Foto: Dieter Hartwig