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Isabelle Schad

Isabelle Schad kann man als Pionierin bezeichnen: Sie hat gezeigt, wie sich somatische Praktiken in die choreografische Arbeit integrieren lassen. Schad hat sich nicht ein festes Arsenal an Figuren erarbeitet, sie macht vielmehr den Prozess des Formwerdens im Tanz selbst sichtbar. Der Körper wird nicht als geschlossene Entität betrachtet, sondern er durchläuft beständig neue Metamorphosen.

Schad studiert von 1981 bis 1990 klassischen Tanz in ihrer Heimatstadt Stuttgart. Sie ist Teil von  klassischen und zeitgenössischen Ensembles, seit 1999 initiiert sie ihre eigenen Projekte als freischaffende Choreografin. Damit beginnt eine Suchbewegung, denn Schad wird bewusst, dass ihr etwas fehlt. Das betrifft zum einen das philosophische Rüstzeug, ihr schwebt aber auch eine andere Form der Praxis vor. So beginnt Schad unbeirrt, ihre eigene Arbeitsweise zu entwickeln, die zu einer anderen Ästhetik führt. "Im Zentrum meiner Arbeit steht der Körper in seiner Materialität, seiner Prozesshaftigkeit und Erfahrbarkeit: Der Körper als Ort, Raum und Prozess", so fasst sie ihren Ansatz zusammen. Ihr ganzheitliches Verständnis des Körpers speist sich aus unterschiedlichen Einflüssen: Wichtige Impulse verdankt sie der Praxis des Body-Mind-Centering, aber auch asiatischen Techniken wie Aikido, Qi-Gong und Shiatsu.

Prägend ist für Isabelle Schad vor allem die Zusammenarbeit mit dem bildenden Künstler Laurent Goldring, die 2008 mit "Unturtled" beginnt. Ihre Sessions sind ein anregendes Wechselspiel, gemeinsam tüfteln sie am Bild und der Erscheinungsweise der Bewegung. Laurent Goldring hat einen wesentlichen Anteil daran, dass es Schad gelingt, die Lebendigkeit des Körpers mit einem strengen Formdenken zu vereinen.

Aus dem Zusammenspiel der beiden entsteht das Konzept des "Verstärkers" – dabei geht es darum, die inneren und äußeren Bewegungen des Körpers sichtbar zu machen. Ein Verstärker kann ein überdimensionales Kostüm sein wie in der Reihe "Unturtled", oder Stoffbahnen wie in "Der Bau" (2012). Eine Extra-Hülle, die nichts verbirgt, sondern etwas sichtbar macht. Falten und Entfalten, Ein- und Auswickeln – Körper, Stoff und Raum werden von der Tänzerin immer neu in Beziehung gesetzt. "Der Bau" ist ein permanentes Umbauen.

Ein Verstärker kann auch die Gruppe sein, wie in "Collective Jumps" (2014), wo sich die Gliedmaßen der 16 Tänzer*innen zu immer neuen Mustern verflechten – die oder der Einzelne wird absorbiert von einem kollektiven Körper, der sich in ständiger Wandlung befindet. Jede*r ist fest eingebunden, dennoch ragt eine individuelle Besonderheit heraus, so dass "Collective Jumps" nie an die Massenornamente in totalitären Bewegungen erinnert.

In der Abkehr von der Repräsentation hat Isabelle Schad dem Tanz neue Räume erobert. Für sie ist wichtig, Arbeitsmethoden zu entwickeln, die im Einklang mit ihrem politischen Bewusstsein stehen. Dazu gehört auch der Austausch von Wissen und Praktiken mit anderen Künstler*innen und Amateur*innen.

von Sandra Luzina
Foto: Dieter Hartwig