Logo des Hebbel am Ufer

Meg Stuart

Die Stücke von Meg Stuart gehen unter die Haut. Die amerikanische Choreografin und Tänzerin, die in Berlin und Brüssel lebt und arbeitet, zeigt immer wieder physische und psychische  Ausnahmezustände. Dabei gelingt es ihr mit geradezu seismographischem Gespür, gesellschaftliche Befindlichkeiten zu erfassen.

Gleich mit ihrem ersten abendfüllenden Stück schafft sie 1991 den Durchbruch: "Disfigure Study" zeichnet sich durch eine radikal neue Ästhetik aus, der Körper wird hier deplatziert, deformiert und dekonstruiert, er erzählt von Entfremdung, Isolation und Verlust. Mit Fragmentierung und mit harten Schnitten arbeitet Stuart auch in "No Longer Readymade" von 1993. In dem Stück schüttelt Benoît Lachambre so heftig den Kopf, dass die Konturen seines Gesichts verwischen – was an die Gemälde von Francis Bacon erinnert. 1994 gründet Stuart in Brüssel die Kompanie Damaged Goods, die eine flexible, offene Struktur hat. Mehr als 30 Produktionen haben Meg Stuart und Damaged Goods bis heute erarbeitet, von Soli bis zu Gruppenstücken, ortsspezifischen Performances und Installationen. Zudem initiiert sie immer wieder Improvisationsprojekte. In Zusammenarbeit mit Künstler*innen aus unterschiedlichen Disziplinen versucht Meg Stuart, für jedes Stück eine eigene Sprache zu entwickeln. Aus Residenzen am Schauspielhaus Zürich (2000–2004) und an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Berlin (2005–2010) entstehen Projekte mit den Theaterregisseuren Stefan Pucher, Christoph Marthaler und Frank Castorf. 2010 initiieren Meg Stuart/Damaged Goods eine neue Kollaboration mit den Münchner Kammerspielen.

"Violet" (2011) ist ein Wendepunkt nach den eher theatralen Arbeiten: In diesem abstrakten Tanzstück kehrt Meg Stuart zu ihren Anfängen zurück. Hände und Arme führen hier ein beunruhigendes Eigenleben. Zudem werden die Tänzer*innen-Körper von Spasmen und nervösen Ticks heimgesucht – bis zum Kollaps. Die energetischen Muster steigern sich zu einer fiebrigen Intensität, die kaum auszuhalten ist. Und auch der dröhnende Live-Soundtrack des Komponisten  Brendan Dougherty wird zur physischen Strapaze für die Zuschauer*innen. In "Build to Last" (2012) erforscht sie das Musikalisch-Monumentale. Die fünf Tänzer*innen werden mit überwältigender klassischer und zeitgenössischer Musik konfrontiert, darunter Kompositionen von Sergej Rachmaninoff, Ludwig van Beethoven, Iannis Xennakis, Meredith Monk und Arnold Schönberg.
Für ihr Solo "Hunter” (2014) wählt sie ihre persönliche und künstlerische Biografie als Ausgangspunkt. Für sie ist ihr Körper ein Archiv, in dem private und kulturelle Erinnerungen gespeichert sind. Das Stück basiert auf dem Prinzip der Collage: Sie zerschneidet das biografische Material und klebt es neu zusammen, sodass mögliche Verbindungen zutage treten. Um Illusion und den Wunsch nach Intimität kreist "Until Our Hearts Stop", (2015) in dem die sechs Performer*innen von einem Jazz-Trio begleitet werden.

Meg Stuart ist unseren verborgenen Sehnsüchten auf der Spur – und nimmt furchtlos unser Scheitern in den Blick. Sie ist eine der eigenwilligsten Choreograf*innen des zeitgenössischen Tanzes – und hat stilbildend gewirkt, vor allem in Deutschland.

von Sandra Luzina
Foto: Iris Janke