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Miet Warlop

Das Unsichtbare sichtbar zu machen, ist eines der Prinzipien ihrer Arbeit. Die Künstlerin selbst hat es auch schon drastischer ausgedrückt: „Ich sauge wie ein Schwamm alles auf, was ich erlebe, und meine Arbeiten sind das, was nach dem Verdauen dabei rauskommt“, so Miet Warlop. „Quasi mein Mageninhalt“. Vor einem irgendwie gearteten Ekelfaktor muss sich im Theater der Belgierin indes niemand fürchten. Warlop, die ihr Studium an der Königlichen Akademie der Schönen Künste in Gent mit einem Master in 3D-Kunst abgeschlossen hat, schafft phantasmagorische Gegenwelten, die das Unvorhergesehene feiern und Zerstörung zur Schaffensgrundlage erheben. Aber sie setze dabei auf suggestiven Sog als Überwältigungsstrategie, nicht auf Schockwucht.

International bekannt wurde Warlop mit einer Reihe von Performances, die sie „Propositions“ nannte, Vorschläge, und die unter dem Titel „Grote Hoop/Berg“ (Großer Haufen/Berg) am Genter Kunstzentrum CAMPO entstanden. Für den Vorschlag „Reanimation“ (2006) dehnte Warlop zum Beispiel eine 60-sekündige Mordszene zur 40-minütigen Slowmotion aus – mit „Protagonisten“, die angekleidete Stühle waren. In „Reconstruction“ (2007) entwarf sie einen fragilen Pyramiden-Parcours aus Haushalts-Eimern, der ihren Performern viel Umsturzgeduld abverlangte. Diese frühen Arbeiten waren noch stark im Kontext der Bildenden Kunst verwurzelt, ließen aber bereits einige prägende Motive und Wirkmechanismen des Warlopschen Kosmos erkennen: Installation kommt vor Narration. Grenzen zwischen Genres sind unbedingt aufzuheben. Und: die Dinge führen ihr Eigenleben.

Noch während Warlop mit den „Propositions“ tourte, entstand ihre Arbeit „Springville“ (2009). Die ließ erstmals das Talent der Künstlerin für Tableaux vivants von bizarrem Witz voll zur Blüte kommen.
In „Springville“ spazieren Tische auf High Heels, ein Mann wird von seinem Hausrat angegriffen, Gartenstühle stehen auf dem Dach und Autos auf dem Kopf. Diese slapstickpralle, an Buster Keaton geschulte Szenerie folgt einer ganz eigenen Katastrophenlogik – und verschiebt Perspektiven mit Hurricane-Stärke.

Auf visuell noch angriffslustigere Weise torpediert Warlop mit „Mystery Magnet“ (2012) die durchaus strapazierfähige Konvention performativer Ästhetik. Im Zentrum dieser surrealen Materialschlacht steht ein dicker Kerl, der die Welt gegessen hat und in dessen Kopf das Chaos Gestalt annimmt: Perfomer unter grellbunten Riesenperücken kämpfen sich durch ein stoffliches Crescendo aus explodierenden Farbbomben, prasselnden Dartpfeilen und wild schießenden Schaumwürsten. Ein Kindergeburtstag auf Acid, an der Oberfläche. Eine hintersinnige Cartoon-Welt voller Falltüren und fataler Anziehungen, bei näherer Betrachtung.

Zumindest farblich ein Kontrastprogramm dazu bildet die Arbeit „Dragging the Bone“. Das von Warlop selbst performte Stück kreist in Schwarzweiß-Ästhetik um die Bronzeleber von Piacenza – das antike Modell einer Schafsleber, die etruskischen Priestern das Weissagen ermöglichen sollte. Dass dabei – nicht zum ersten Mal – auch fliegende Haie eine Rolle spielen, erstaunt im deutungsbefreiten Zeichengeflecht Warlopscher Prägung nicht wirklich.
Ebenso wenig, dass die Künstlerin sich unlängst auch noch als Queen of Pop neu erfunden hat. „Fruits of Labour“ heißt ihr wilder Konzertabend, im Untertiel: „A Deep Night Performance“. Warlop hat dabei alles im Gepäck, was die Metamorphose zur entfesselten Frontfrau braucht: Ein Meerjungfrauen-Kostüm. Eine melancholische Eröffnungsballade mit dem Titel „Fucking Flower“. Und ein Set aus Drums, auf die es gerne mal lautstark regnet. „Fruits of Labour“ ist ein Spiel mit Posen. Und eine Feier der Kunst als reinigendes Ritual. Eine weitere freudvolle Entleerung des Magens.

Patrick Wildermann

Foto: Reinout Hiel