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Rabih Mroué & Lina Majdalanie

"Was sollen wir erinnern, was sollen wir vergessen?"

Im Sommer 2012 zeigte Rabih Mroué in Berlin eine Arbeit, die einige zentrale Motive seines Werkes bündelt: "Double Shooting". Es handelt sich nicht um eine Inszenierung, jedenfalls nicht um eine mit Schauspielern. Die Grenzen zur bildenden Kunst sind fließend, 2013 wird die Installation auch auf der Documenta gezeigt. Auf einer Reihe dicht nebeneinander stehender Stelen sieht man eine in Einzelbildaufnahmen aufgelöste, 18sekündige Filmsequenz. Geht man schnell genug an den Stelen vorbei, verschmelzen die einzelnen Bilder zu einem Bewegungsablauf. Geht man langsam, wird das Einzelbild isoliert. Ein Thema der Arbeit ist die Wahrnehmung selbst. Der Film zeigt einen uniformierten Scharfschützen, der während der Proteste des arabischen Frühlings in Syrien von einem Hausdach aus auf Demonstranten schießt. Wir sehen den Schützen etwa in Höhe des Daches aus der Perspektive des Demonstranten, der ihn mit seinem Handy filmt. Der Blick des Besuchers der Installation auf den Schützen ist analog des Blicks des filmenden Demonstranten. Der Schütze richtet sein Gewehr auf diesen Demonstranten, ihre Blicke kreuzen sich. Die nächsten Bilder sind blutverschmiert und verschwommen von ziellos ruckhaften Bewegungen, der Schütze hat abgedrückt. Das Kreuzen der Blicke war tödlich, ein Blick löscht den anderen Blick aus. Das auf die Kamera gerichtete Gewehr, die auf das Gewehr gerichtete Kamera treffen aufeinander: "Double shooting". Einer schießt und einer wird erschossen, zwei entgegen gesetzte Konzepte von Politik treffen aufeinander. Wer schießt, verfügt über militärisch-politische Macht. Das Gegenteil dieses Politikverständnisses ist das der Demonstranten. Sie verfügen in dieser Situation über nichts als die Bereitschaft, ihren politischen Willen unter Einsatz ihrer schutzlosen Körper kollektiv in einer Demonstration zu artikulieren. Es ist der Versuch, politische Konflikte im Medium bürgerlicher Öffentlichkeit auszutragen und in selbst hergestellten Medien zu dokumentieren und verbreiten.

Was der Erschossene gesehen hat, ist in seinem Handy gespeichert. Mroué hat den Film des unbekannten Demonstranten wie viele andere Handyfilm-Dokumente des arabischen Frühlings im Internet gefunden und bearbeitet. Auf Erklärung, Wertung durch den Künstler, mitgelieferte Interpretationsangebote, Einbettung in eine Narration verzichtet die stumme Arbeit. Mit einer Formulierung Jan Philipp Reemtsmas lässt sich sagen, dass hier "die Gewalt spricht", sonst niemand, auch nicht der Künstler. Seine Arbeit besteht darin, dieses Dokument selbstverständlicher, mit professioneller Routine ausgeübter Gewalt festzuhalten. Die Installation fixiert einen kurzen Moment fest. Je genauer man diesen Moment betrachtet, desto komplexer und sprechender wird er.

Die Konzentration auf einen konkreten Vorgang, die einzelne Biografie, das einzelne Bild, die pars pro toto auf größere politische Zusammenhänge und ihre Folgen für den Einzelnen verweisen, ist bezeichnend für Mroués Arbeit. Mikro- und Makroperspektive durchdringen einander. Das hat neben künstlerischen auch biografische Gründe. In vielen seiner Theaterinszenierungen arbeitet Mroué eng mit der Schauspielerin und Regisseurin Lina Majdalanie zusammen. Beide Künstler sind in Beirut geboren, Lina Majdalanie 1966, Rabih Mroué 1967. Die Bürgerkriege im Libanon und die Kriege Israels gegen das Land sind prägender Teil ihrer Biografien, ihre künstlerische Arbeit ist davon nicht zu trennen. Mroués Mutter starb 1978 als Milizsoldatin, sein Großvater wurde ermordet.

2016 zeigte das HAU Hebbel am Ufer die umfangreiche Werkschau "Outside the Image Inside Us" von Rabih Mroué und Lina Majdalanie. Zu sehen war unter anderem "Riding on a cloud" von 2003. Darin berichtet Mroués Bruder Yasser von der gemeinsamen Kindheit. Wir sehen alte Familienfotos, einen zarten, Gitarre spielenden Jugendlichen: Das Leben ist schön. Auf der Bühne versucht sich Yasser Mroué an sein früheres Leben zu erinnern. Nach einer Verletzung im libanesischen Bürgerkrieg, einem Kopfschuss, den er nur knapp überlebt hat,  kann er nur noch mühsam sprechen. Sein Erinnerungsvermögen ist beschädigt. Er zeigt seine Videofilme wie die Reste seines Lebens, die er festhalten möchte. Die Inszenierung ist lakonisch (und in ihrer Lakonie liebevoll). Es genügt der sachliche Bericht: das also geschieht mit Menschen in einem Bürgerkriegsland. So wenig reicht aus, um ein Leben zu beschädigen. So schnell und zufällig und selbstverständlich kann das geschehen.

Politische Gewalt, ihre Wahrnehmung und nüchterne Dokumentation, die immer mitlaufende Frage, ob und wie man Gewalterfahrung im Medium der Kunst und des Theaters bearbeiten kann, die Gewalt des Wahrnehmungsvorgangs selbst und die Frage nach der Zuverlässigkeit der Erinnerung, der Berichte und Dokumente sind Themen, an denen das Werk von Lina Majdalanie und Rabih Mroué arbeitet. Oft sind ihre Stoffe wie in "Riding on a cloud" aus Erfahrungen der eigenen Biografie gespeist. Mroué spricht davon, sie wie einen "Pretext" zu benutzen, um in seiner Arbeit politische, gesellschaftliche und ökonomische Themen zu verhandeln. Das ist ein sehr klarer, bewusster, auch kalkulierter Vorgang, kein narzisstischen Baden in Gefühlen. Eine der in seinem Werk wiederkehrenden Fragen benennt Mroué in einem Interview so: "Was sollen wir erinnern, was sollen wir vergessen?" Und weil die Auseinandersetzung mit der Erinnerung immer auch eine Beschäftigung mit Bildern und anderen Dokumenten ist, wird die Arbeit selbst zur ausgestellten, sichtbar gemachten Spurensuche und Rekonstruktion. Sehr deutlich wird das in einer der gemeinsamen Inszenierungen von Lina Majdalanie und Rabih Mroué, "33 RPM and a Few Seconds" (2012). Was bleibt übrig von einem Leben, wenn sich ein junger, linker Aktivist im Libanon umbringt und in seinem Abschiedsbrief betont, seine Gründe seien rein persönlich – und was ist in so einem Land überhaupt "rein persönlich" und nicht politisch? Die halbdokumentarische Rekonstruktion der letzten Monate seines Lebens konzentriert sich auf die Lebens- und Sterbens-Geschichte eines verzweifelten Menschen und weitet sich dabei zum Blick auf ein von vielen Konfliktlinien zerrissenes Land.

Die in vielen ihrer Arbeiten mitlaufende Reflexion der Interdependenzen zwischen Kunstproduktion und Biografie wird in Lina Majdalanie Monolog "Biokhraphia" (2002) explizit zum Thema. Majdalanie spielt eine Schauspielerin, die sich mit Hilfe eines Kassettenrekorders selbst interviewt. Die Interviewsituation entgleitet, die (Selbst-)Befragung und wird zu einer (Selbst-)Anklage, die von der Ehe mit  Mroué, ihrem Mann und Regisseur, von Sex bis zur Theaterarbeit mit ihren Fragwürdigkeiten, Abhängigkeiten, den schlechten Gagen und der Verwertung der eigenen Biografie reicht. Wobei das Setting, ein Glaskasten mit Wasser und Nebel, in seiner Künstlichkeit betont, dass diese sprechende, sich selbst befragende Bühnenfigur natürlich trotz aller autobiografischen Bezüge im Text genau das ist: eine Bühnenfigur. Jede vermeintliche Identität ist zwangsläufig immer auch eine Konstruktion.

Ins Extrem geführt wird die Frage nach der Bildproduktion in "Who's Afraid of Representation" (2005), eine Collage aus zitierten Performance-Klassikern vor allem der 1970er-Jahren und Protokollen der Selbstaussagen eines in den Nahost-Kriegen traumatisierten Mörders. Die Montage von Zitaten Marina Abramovićs, die in ihrer Arbeit ihren Körper Extremerfahrungen aussetzt, um sie als authentisch beglaubigte Kunst zu verwerten, mit den ganz anderen, gänzlich kunstfernen Extremkörpererfahrungen des Krieges und eines Amoklaufes, fragt verstörend danach, was das ist, eine reale Erfahrung, und wie und ob und um welchen Preis sie im Medium der Kunst bearbeitet oder ausgebeutet werden kann.

Peter Laudenbach