/
Violence of Inscription #4 (Day 1)
/
/
Logo des Hebbel am Ufer

Michaelina Jakala, Agri Ismaïl, Adham Hafez

Violence of Inscriptions #4

On the Integrity of the Body (Tag 1)

Im Rahmen von "Violence of Inscriptions. Ein Projekt von Sandra Noeth, Arkadi Zaides und HAU Hebbel am Ufer"

Die Frage – und die Forderung – nach der Unversehrtheit des Körpers steht im Zentrum der letzten Ausgabe von “Violence of In­scriptions”. Was bedeutet es, unverwundet, ohne Schaden und intakt zu sein, wenn Körper struktureller Gewalt ausgesetzt sind? Und was können wir den oft langsamen und indirekten Attacken gegen unsere eigenen und andere Körper entgegensetzen –  sowohl ästhetisch, symbolisch und mit Worten? Ausgangspunkt des dreitägigen, dialogisch angelegten Präsentations- und Workshop-Programms ist die Praxis der internationalen Gäste aus Kunst, Theorie und Menschenrechts-Aktivismus: Tattoos, die Spuren von Gewalt überschreiben; das Filmen und Tanzen von Gesten und Körpern, die sich im Vergessen und Verschwinden befinden; das Schreiben, um die politische Stigmatisierung von Körpern sprechbar zu machen; oder der Versuch, Scham und Zurückweisung als Ausgangspunkte für künstlerisches Handeln zu bestimmen.

Lecture von Michaelina Jakala

Viele Wissenschaftler, die zu Friedensförderung in Nachkriegssituationen und zu Übergangsjustiz arbeiten, betrachten körperliche Integrität und die Ethik des Körpers vorwiegend im Zusammenhang mit der Frage nach physischer Unversehrtheit und der Vermeidung von (Re-)Traumatisierung. Zugleich ist der Forschungsprozess an sich oft zeitlich eng beschränkt und möglicherweise entmenschlichend für diejenigen, die ‚beforscht’ werden. In ihrem Beitrag setzt sich Michaelina Jakala kritisch damit auseinander, wie diese Beobachtungen mit der Idee der Unversehrtheit des Körpers und der ethischen Fragen in Verbindung stehen. Auf der Basis von 13 Jahren Forschungserfahrung mit marginalisierten Gruppen und Überlebenden von Massengewalt in Bosnien-Herzegowina, fragt sie: Wie wirkt sich der Forschungsprozess auf den Körper aus und was sind die daraus resultierenden langfristigen Auswirkungen? Wie lässt es sich vermeiden, durch die eigene Forschungsarbeit selbst Teil strukturellen Gewalt zu werden? Und wie kann – ausgehend von der Anerkennung des Körpers als eigenständiges Element – Forschungsarbeit (wieder) menschlicher werden?

Dr. Michaelina Jakala arbeitet als Wissenschaftlerin am Centre for Trust, Peace and Social Relations der Coventry University, Großbritannien. In ihrer Forschung untersucht sie Alltagserfahrungen, die mit friedensfördernde Maßnahmen und Übergangsjustiz zusammenhängen, in Nachkriegsgesellschaften wie Bosnien-Herzegowina. Ihr besonderes Interesse gilt der Frage, wie vergangene Systeme in Nachkriegsgesellschaften weiter wirksam sind. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit stehen marginalisierte Gruppen wie etwa die Opfer von sexueller und genderbasierter Gewalt während des Krieges. Dabei bedient sie sich ethnografischer und partizipatorischer Methoden. Darüber hinaus befasst sie sich mit dem Zusammenhang von Ethik und Forschung in Nachkriegsgesellschaften. Aktuell ist Michaelina Jakala Dozentin im MA-Programm Peace and Conflict Studies nachdem sie zuvor in Bosnien-Herzegowina mit Jugendlichen gearbeitet und in zivilgesellschaftlichen Projekten zur Friedensförderung mitgewirkt hat.

Lecture von Agri Ismaïl

The Body Instrumental: Rechtliche Beschränkungen der Unversehrtheit des Körpers

Wenn man davon ausgeht, dass jeder Mensch die volle Entscheidungshoheit über seinen Körper hat und für sich körperliche Autonomie und Integrität beanspruchen kann: Wie lassen sich dann juristisch die unzähligen Beschränkungen rechtfertigen, denen wir ausgesetzt sind? Wieso ist es etwa in Dänemark verboten, sich sein Gesicht tätowieren zu lassen, oder in Zypern, Selbstmord zu begehen? Und welches Maß an Einschränkung verträgt das körperliche Selbstbestimmungsrecht- das Recht auf körperliche Autonomie-, ehe es faktisch nicht länger vorhanden ist? Was wäre, wenn wir uns stattdessen den menschlichen Körper als freilaufendes Tier vorstellt: ein Tier, das sich innerhalb bestimmter Grenzen ungehindert bewegen kann, das zu, gesellschaftlichen Leben beiträgt, und Begrenzungen und Einschränkungen erst dann zur Kenntnis nimmt, wenn es ihnen begegnet?

Die Vorstellung eines übergeordneten, vorrangigen Zwecks, der über dem Prinzip der körperlichen Unversehrtheit steht, zeigt sich deutlich am Beispiel abtreibungsfeindlicher Positionen, die den weiblichen Körper als Feind des eigenen (Mutter-)Leibs ansehen. Von einer solchen Perspektive aus betrachtet, wird der Körper abermals zum Objekt (eine Annahme, die vermeintlich im 19. Jahrhundert durch das subjekthafte Selbst „überwunden“ wurde), dessen einzige Freiheit darin liegt, zwischen verschiedenen Bestattungsriten zu wählen. Oder, denken wir daran, wie überhaupt nur manchen Menschen das Recht auf körperliche Selbstbestimmung zugestanden wird, während die Unwillkommenen in Lagern untergebracht werden, wo ihr Körper kontrolliert werden kann – nicht etwa wegen eines begangenen Verbrechens, sondern weil ihr Aufenthalt im jeweiligen Land als Gefahr angesehen wird. Dieses Schicksal ereilt in vielen Ländern Asylsuchende, deren Gesuch abgelehnt wurde. Ist das Konzept eines autonomen Körpers überhaupt noch relevant, wenn es um die Stellung des Körpers in der menschlichen Gesellschaft geht? Oder müssen wir unser Verständnis der körperlichen Unversehrtheit einer Revision unterziehen?

Agri Ismaïl ist Autor und Wirtschaftsanwalt und lebt in Schweden. Seine Texte zu Tanz und Choreografie sind in den Magazinen „Nutida Musik“ und „Magazine of Moving Bodies“ erschienen, außerdem hat er für das Projekt Koreografikritikverkstad geschrieben.

Lecture Performance von Adam Hafez / HaRaKa Platform

To Catch A Terrorist

„To Catch a Terrorist“ beschäftigt sich damit, wie Körper diszipliniert, Grenzen hergestellt und Angst instrumentalisiert werden. Ausgangsmaterial sind Gerichtsprotokolle vom Beginn des 20. Jahrhunderts, die die ersten amerikanischen Einbürgerungsverfahren von Arabern und Muslimen dokumentieren, und nun erstmals auf die Bühne gebracht werden. Das historische Material wird mit kürzlich entstandenen Interviews mit Arabern und Muslimen in Verbindung gebracht, die vor einem Grenzübertritt stehen.
Während die Auswirkungen von Gewalt in Kriegssituationen vielleicht körperlich unmittelbar sichtbar sind, tritt uns die institutionalisierte Gewalt in ganz alltäglichen kleinen Aggressionen und Verletzungen der Menschlichkeit entgegen, sie sich selektiv gegen bestimmte Individuen und Gruppen richten. Die jüngste Arbeit von Adham Hafez fragt, wie Individuen durch die „Inszenierung“ des Rechts kategorisiert und dabei unterschiedliche Klassen von Menschen und Bürger konstruiert werden. „To Catch a Terrorist“ untersucht, wie Daten-gestützte Formen der Wissensverbreitung an der politisch motivierten Kontrolle des Körpers mitwirken, und wie nicht-westliche Individuen in unterschiedlicher Weise im öffentlichen Diskurs sichtbar werden. Dabei kommen, begleitet von de-konstruierter arabischer Musik, schwarzer Humor, Datenanalyse und Recherchen zum Einsatz – von Interviews mit Reisenden an der Grenze bis hin zu den Spuren exorzistischer Rituale.

Geisterhafte Performer: Lamia Gouda, Mona Gamil, Ghida Nouri und Gäste
Choreografie und Text: Adham Hafez
Datenanalyse: Adam Kucharski
Recherche: Sawsan Gad und Lamia Gouda
Kostümberatung und Kostümdesign: Mona Hamid/Monzlapur New York
Accessoires: Redaa Gharib
Zeichnungen: Manar Abdelmaaboud
Musik: Adham Hafez und Nader Hafez
Bühnenbild: Samir Kordy und Mohamed Hafez
Bildrecherche: Marco Mezzavilla, Mike McCormack und Waad Taai
Licht-Design: Marie Yokoyama

„To Catch a Terrrorist“ ist eine Auftragsarbeit des La Mama Moves Festival (New York), produziert von der Adham Hafez Company in Zusammenarbeit mit La Mama ETC (New York) und HaRaKa Platform (Kairo), mit Unterstützung von Kuchar&Co (Ägypten/USA).





Aktuelle Termine
Mi 13.06.2018, ab 19:00 / HAU1
Ein Projekt im Rahmen des Bündnisses internationaler Produktionshäuser, gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.