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Gesturing Refugees von Farah Saleh
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Farah Saleh & Didem Pekün

Zwei Vorträge und ein Dialog

Moderation: Sandra Noeth

Im Rahmen von "Violence of Inscriptions #3"

Farah Saleh
Gesturing Refugees (Lecture Presentation)
Der Vortrag widmet sich verschiedenen Fragen, die die Tänzerin und Choreografin Farah Saleh in der interaktiven Performance-Lecture „Gesturing Refugees“ (Work in Progress) aufwirft. Ziel des Projekts ist die Archivierung von verborgenen Geschichten , die im Zusammenhang mit Flucht und Migration stehen. Dabei greift sie im Wesentlichen auf die Körper geflüchteter Künstler und die Körpern des Publikums zurück; doch auch sonstige Archivmaterialien und Zeugnisse sowie die Imagination werden zu Quellen der Performance. Die Archive umfassen gegenwärtige, vergangene und sogar zukünftige Geschichten und Erfahrungen von Flucht, um Fragen nach kollektiver Verantwortung zu stellen und Anschlüsse in der Vergangenheit und Gegenwart des Westens zu suchen. Die Rekonstruktion, Bearbeitung und Auflösung alternativer und persönlicher Erinnerungen erfolgt durch Künstler, die selbst Flucht-Erfahrungen haben. Dadurch wird eine Wiederaneignung des Flucht-Narratives und die Entwicklung einer kollektiven Identität versucht, die sich in Gesten ausdrückt, und die den Topos der passiven Opferrolle infrage stellt, in die Flüchtende oftmals gedrängt werden. Im Arbeitsprozess sind verschieden Herausforderungen aufgetaucht, die aus die Performance Einfluss nehmen, von abgelehnten Visa-Anträgen der die Künstler und der daraus resultierenden Unmöglichkeit, sich physisch zu begegnen. 


Didem Peküm
A Soliloquy; 5 Thoughts on Inhabiting Purgatory
Die Präsentation von Didem Pekün beruht auf einem noch unfertigen Werk mit dem Arbeitstitel Purgatorium, einem essayistischen Roadmovie und Tagebuch einer semifiktionalen Figur namens Nayia. Das Werk handelt von Erfahrungen radikaler Instabilität, denen wir alle in der einen oder anderen Form unterworfen sind.

Nayia lebt seit dem Krieg im Exil und kehrt nach 22 Jahren zurück. Der Film entwickelt sich entlang ihrer Tagebuchnotizen, die mit dem Mythos von Dädalus und Ikarus (zugleich der Name eines Sprungwettbewerbs von einer Brücke in ihrem Heimatland) verwoben ist. Ikarus wird für Nayia immer wieder zum Sinnbild für die Politik des Bürgerkriegs: ein Mensch, der seine oder ihre Fähigkeiten immer vollkommener macht  aber aufgrund von übersteigertem Ehrgeiz und verschiedener Gesten von Maßlosigkeit unausweichlich Fehlschläge und Katastrophen erleidet. Daneben schwingt auch die Frage der Körperpolitik mit, die alle Glieder einer Nation betrifft. Das naheliegendste Bild für den Bürgerkrieg dürfte das eines zerfallenden Körpers sein, der wie die Flügel – wenn nicht der ganze Körper – von Ikarus aufgrund der zu großen Nähe zur Sonne schmilzt.

Der Film benennt keinen spezifischen Ort und weist dadurch auf die Parallelität geschichtlicher Geschehnisse hin; der Ort könnte sich hier oder irgendwo anders befinden, im Heute oder im Gestern. Naiyas Geschichte ist zugleich ihre eigene und unsere: Das Persönliche und das Kollektive werden zu ein und demselben.

Naiya grübelt auf ihrer Reise über eine mögliche Aussöhnung mit der Vergangenheit; wie kann man sich eine Zukunft vorstellen, wenn einen die Vergangenheit noch heimsucht? Was heißt eigentlich „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ (deren einige der Täter in ihrer Heimat angeklagt werden)? Wenn wir Ikarus als eine Metapher für übersteigerten Fortschritt und technischen Entwicklungen sehen: Auf was für eine Landung müssen wir uns dann beim nächsten Mal gefasst machen?

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