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Foto: Ronen Guter
Archive von Arkadi Zaides
Foto: Ronen Guter
Foto: Zina Zarour
Cells of Illegal Education von Farah Saleh
Foto: Zina Zarour
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16:00–23:00

Farah Saleh: Cells of Illegal Education

Eine Video-Tanz-Installation (2016)

Die Video-Tanz-Installation Cells of Illegal Education (C.I.E) greift Gesten des zivilen Ungehorsams im besetzten Palästina während der Ersten Intifada auf. Konkret werden Gesten zitiert, bearbeitet und verformt, die ursprünglich von Studierenden der Birzeit-Universität ausgeführt wurden. Zwischen 1988 und 1992 kämpften sie dafür, ihre Ausbildung fortsetzen zu können während Schulen und Universitäten durch die israelische Militärherrschaft geschlossen worden waren. Studierende, Professor*innen und Dozent*innen, die sich dagegen auflehnten, wurden als „Cells of Illegal Education“ (Zellen illegaler Bildung) bezeichnet. Die illegalen Kurse wurden an Ausweichorten organisiert, etwa in Häusern, im Eingangsbereich der Universität oder im Universitätsgebäude selbst. Ausgangspunkt des Videos sind zwei Gruppenbilder und ein Gemälde, die diese drei Situationen dokumentieren. Dabei wird versucht, das Verhalten der Studierenden zu rekonstruieren – vor, während und nach dem Moment, der in den Bildern festgehalten wurde. In einer Mischung aus Archivmaterialien, mündlichen Zeugnissen und Imagination ist die Installation eine gestische Reflexion über den zivilen Ungehorsam und populären Widerstand während der Ersten Intifada und deren Echo in der Gegenwart, von romantischen Lesarten  bis hin zu Wiederaufführungen derselben.

17:00

Sandra Noeth und Frédéric Pouillaude: Zwei Vorträge und ein Dialog

Was bedeutet es, sich selbst als Teil eines größer gefassten, kollektiven Körpers zu verstehen? Welchen Formen der – nach außen wie nach innen gerichteten – Gewalt begegnen wir, wenn wir an unseren Gemeinschaften festhalten und sie zu bewahren suchen?
In zwei kurzen Vorträgen und einem anschließenden Dialoge beschäftigen sich der Philosoph Frédéric Pouillaude und die Dramaturgin und Kulturwissenschaftlerin Sandra Noeth mit den unauflösbaren und beklemmenden Dimensionen kollektiver Einschreibungen. Die Geschichte und Praxis der Choreografie liefert dabei verschiedene Beispiele, in denen der  Körper als atomistische und individuelle Einheit beschrieben wurde. Darin drückt sich gleichermaßen die Notwendigkeit aus,  sich mit einem vagen Gefühl oder einem konkrete Konzept eines ‚Kollektiv-Körpers’ zu identifizieren bzw. es zurückzuweisen. In diesem Prozess der Herstellung beziehungsweise Dekonstruktion von Kollektivität stellt der Körper einer der entscheidenden Orte dar, an dem sich die Konsequenzen und letztlich auch die Gewaltsamkeit unserer choreografischen und politischen Einschreibungen zeigen.

18:00

deufert&plischke: Einwurf aus der künstlerischen Praxis

Dance and Write!

Die Frage von Kollektivität steht im Zentrum der Arbeit des Berliner Künstlerzwillings deufert & plischke dessen choreografische Arbeit seit mehr als zehn Jahren dem Ansatz eines kollektiven Schreibens folgt. Mit Just in Time wird dabei erstmals auch das Publikum aktiv in den Prozess einbezogen; aus Schreiben wird Tanz, aus Tanz Text. Das aktuelle Projekt entwickelt sich über drei Städte hinweg, deren Gemeinsamkeit in ihrer jeweils spezifischen Geschichte kultureller Migration liegt. Die Künstler*innen sammeln Briefe dort lebender Menschen, die dann zur Grundlage eines kollektiven Akts gemeinschaftlicher Bewegung werden. Der Tanz wird hier in all seinen denkbaren Ausprägungen sichtbar: liebevoll, charmant, sexy, gemein, harmlos, als letzter Ausweg, als ein Abschied, eine Krankheit oder als Bewegung, die den eigenen Tod vorwegnimmt. Anhand des Beispiels von Just in Time werden deufert & plischke sich Fragen der des kollektiven Imaginären widmen, und diese mit der Vorstellung einer tanzenden Gesellschaft verbinden.

Im Anschluss an die Lecture diskutieren Kattrin Deufert und Thomas Plischke mit Sandra Noeth.

19:30

Jens R. Giersdorf: Choreographic Agency

Lecture

Der unaufhaltbare Einfluss eine sich radikal verändernden Weltpolitik auf unsere individuelle und kollektive Körperlichkeit bedingt, dass wir Handlungsmacht („Agency“) als eine strategisch und zeitlich lokalisierte Einheit, und nicht als zentralisierter oder dezentralisierter Ort der Macht begreifen müssen. Politische und kulturelle Verschiebungen in Gegenwart und Vergangenheit fordern uns zudem dazu auf, das ontologische und epistemologische Potential des ‚Da-Zwischen-Seins‘ zu begreifen: zwischen unterschiedlichen politischen Systemen, diskursiven Traditionen (etwa dem kontinentaleuropäischen Universalismus und US-amerikanischer Identitäts-Politik), zwischen national definierten Konstruktionen von Tanz-Theorie und -praxis, zwischen einem sozial disziplinierten Körper und dessen Kollaps in Momenten instinktiver und vegetativer Reaktion auf gewaltsame Festlegungen.

Das Dazwischen-Sein eröffnet weniger einen Raum, an dem unterschiedliche Positionen gleichzeitig möglich sind. Vielmehr sperrt es sich dagegen,  vereinnahmet zu werden. Anders gesagt: Die zeitliche Begrenztheit einer stabilen Position – und damit eines potenziellen Dazwischen-Seins – destabilisiert die Handlungsmacht. Das wirft folgende Fragen auf: Angenommen, man arbeitet gegen oder innerhalb eines dominanten Systems und dieses System bricht gewaltsam zusammen: Eröffnet sich dadurch vorübergehend die Möglichkeit, die Handlungsmacht selbst neu zu fassen? Oder eröffnet der Zusammenbruch lediglich einen Raum für andere Akteure, diesen dann zu besetzen, sodass letztlich das Potenzial des zeitweiligen Dazwischen-Seins neutralisiert wird? Wie zeigt sich die Handlungsmacht, wenn der Zusammenbruch zu einem Wandel geführt hat? Welchen Preis muss man also für die Evakuierung eines Zentrums und Aufgabe des Mythos vom inhärenten demokratischen Wert kollektiver Dezentralisierung zahlen? Und welche Rolle kommt der Choreografie in Hinsicht auf diese Fragen zu?

21:00

Arkadi Zaides: Archive

B’Tselem ist der Name des Israelischen Informationszentrums für Menschenrechte in den besetzten palästinensischen Gebieten. 2007 begann die Organisation mit dem “Kameraprojekt“, in dessen Rahmen in einigen Bereichen des Westjordanlands mit hohem Konfliktpotenzial Videokameras an Palästinenser*innen verteilt werden. Das Projekt hat eine fortlaufende Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen zum Ziel und möchte sowohl der israelischen als auch der internationalen Öffentlichkeit die Lebensbedingungen unter der Besatzung deutlich machen.

Zaides sichtete für “Archive“ Film-Aufnahmen, die von den Teilnehmer*innen des B’Tselem-Kameraprojekts gemacht wurden. Ausgehend davon untersucht er auf der Bühne die Körper der Israelis und konzentriert sich zugleich auf die physischen Reaktionen auf die sein eigener Körper als Teil des Kollektivs in Konfliktsituationen zurückgreift. Auch wenn die Palästinenser*innen hinter der Kamera bleiben, sind ihre Bewegungen, Stimmen und Standpunkte höchst präsent und bestimmen die Perspektive des Betrachters. Zaides arbeitet Gesten und Stimmen der in den Aufnahmen zu sehenden Israelis heraus und eignet sie sich allmählich körperlich an. Seine mimetische choreografische Praxis wirft Fragen von Teilhabe und Verantwortung auf, während sein Körper zu einem lebendigen Archiv wird.