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::vtol::

Electrification

Objekte und Soundinstallationen

Im Rahmen des Festivals "Utopische Realitäten – 100 Jahre Gegenwart mit Alexandra Kollontai"

Jedes der hier vorgestellten sieben Objekte ist ein Produkt der Fantasie und der Reflektion und greift auf sofort erkennbare Bilder, Gegenstände und Artefakte zurück. Teils fordern die Objekte den Betrachter zur Mitwirkung auf, teils funktionieren sie autonom. Allen gemein ist, dass sie die Illusion einer imaginären utopischen Realität entstehen lassen, in der sie als autonome kybernetische Schöpfungen agieren.

Die folgenden Beschreibungen der Objekte stammen vom Medienkünstler Dmitry Morozov alias ::vtot::.

Turbulence, 2016
In Turbulence vereinigen sich acht Vogel-Roboter zu einem kleinen Schwarm. Die Arbeit entstand ursprünglich für eine Ausstellung in den Hallen einer Fabrik. Die Vögel waren als rätselhafte Repräsentanten einer mechanischen Lebensform fern der Erde konzipiert, die aufgrund ihrer Naivität in Produktionshallen endeten, die ihrem Zuhause ähnelten. Gefangen in Fabrik-Routine und Dienstprogrammen, versuchten sie hilflos zitternd davonzufliegen. Schließlich entkamen sie, und nunmehr frei und ungebunden, tauchen sie als Schwarm oder einzeln in meinen Ausstellungen auf. Der mechanische Aufbau und die Kommunikationsweise ist bei jedem der Vögel gleich, dennoch verfügt jeder von ihnen über eine einzigartige Stimme und ein unverwechselbares Flugbild. Die Stimmen basieren auf einem Feedback-Mechanismus, wobei sich Tonhöhe und Klangfarbe abhängig von der Position des Schnabels mit dem daran angebrachten Mikrofon verändern. Die Vögel befinden sich im kontinuierlichen Austausch und warnen einander vor Gefahren oder benachrichtigen einander, sobald sie einen metallischen Gegenstand – ihre Nahrungsquelle – orten.
Collector, 2016
Collector zeichnet die Klänge aus seiner Umgebung auf, wobei es nur diejenigen auswählt, die eine bestimmte Lautstärke überschreiten. In einem nächsten Schritt verarbeitet die Maschine die Klänge in der Reihenfolge ihrer Aufnahme zu einer Komposition. Das Objekt lässt die Phasen der Stille verschwinden und verdichtet mithin die Zeit. Aus Stimmen, Musik, städtischen Geräuschen und weiteren zufälligen Klängen werden komplexe algorithmische Kompositionen, wobei zunächst eine gewisse Anzahl an Aufnahmen gesammelt werden müssen, ehe sich die Kompositionen abspielen lassen. Die Maschine remixed gewissermaßen die Wirklichkeit, und indem sie einfach die Stille und die Pausen zwischen den lauten Klängen und Worten aussondert, gestaltet sie ein hochrhythmisches und klar gegliedertes, man könnte auch sagen: ein äußerst musikalisches, Hörerlebnis.
Der Ablauf gliedert sich in zwei Phasen: Aufzeichnung und Wiedergabe. In einer ersten Phase werden zunächst Klänge der Umgebung aufgezeichnet; Ziel sind 100 Samples. In der zweiten Phase dann spielt die Maschine eine Minute lang die entstandene Komposition für die Anwesenden als Loop ab. Währenddessen findet keine weitere Aufzeichnung statt. Im Anschluss werden alle Klänge gelöscht, und die Maschine beginnt ihre Suche nach Klängen von vorne.
Collector ist ein Roboter mit frei drehbarem Stereomikrofon, das mittels eines Motors auf die lautesten Klänge der jeweiligen Umgebung ausgerichtet wird. Daneben verfügt die Maschine über zwei Lautsprecher, um die entstandenen Kompositionen hörbar zu machen, und eine Taschenlampe, die die gefundenen Klangquellen anleuchtet oder, im Wiedergabemodus, auf die jeweiligen Quelle verweist.
Hotspot Poet, 2016
Hotspot Poet ist eine autonom arbeitende, kleine Vorrichtung, die sich als drahtloses Netzwerk ausgibt und als solches auf Geräten wie Smartphones oder Laptops sichtbar wird. Das Gerät benennt sein Netzwerk alle zehn Sekunden um, wobei der Name jeweils einen Vers eines berühmten Dichters zitiert. Das Gerät nutzt einen Kommunikationskanal, zu dem jeder über ein mobiles Endgerät Zugang hat und bringt so als Sender auf ungewöhnliche Weise den Menschen Gedichte nahe. Eine Verbindung mit dem Netzwerk ist nicht möglich (dieses ist selbst nicht mit dem Internet verbunden), vielmehr ist allein der Name des Netzwerks die Botschaft. Wenn man am eigenen Mobilgerät das Menü der WLAN-Verbindungen öffnet, erscheinen nach und nach, Vers für Vers, sämtliche in den jeweiligen Hotspot Poet einprogrammierte Gedichte.
Die Arbeit umfasst vier Geräte, von denen jedes jeweils Verse eines Dichters sendet: von Bashō, Goethe, Pasternak und Petrarca. Mit ihrem ironischen Ansatz entspricht die Arbeit dem Geist des Hacktivismus und sucht wie dieser nach alternativen Formen der Informationsverbreitung im öffentlichen Raum. Theoretisch können die Geräte Nachrichten jedweden Inhalts übertragen, die dann in einem bestimmten Umkreis zu empfangen wären und selbst dann noch aktualisiert würden, sollte das ganze Land vom Internet abgeschnitten sein. Die Geräte verursachen gewissermaßen ein informationelles Rauschen, insofern sie statt eines realen Netzwerks ein unechtes anzeigen; dahinter steht gleichwohl eine künstlerische Absicht.
Der von dem Modul abgedeckte Radius beträgt wenige Dutzend Meter. Die Namen der Netzwerke werden auf den unterschiedlichen Gerätemodellen leicht abweichend dargestellt: Beispielsweise erscheint auf manchen aktuellen Android-Geräten jeweils nur ein Netzwerk (und damit nur ein Vers), das allerdings in schneller Folge durch ein anderes abgelöst wird. Dagegen sind auf iOS-Geräten stets mehrere Netzwerke (und damit auch mehrere Verse) parallel sichtbar und werden nur nach und nach ersetzt. Auf Mac-Computern wiederum erscheinen die Netzwerke (und damit die Verse) in einer kontinuierlichen Folge und bleiben sichtbar, bis der Nutzer den Cursor von der Anzeige der WLAN-Verbindungen bewegt.
Prankophone, 2015
Prankophone ist ein Soundobjekt in der Form eines Hybrids aus Synthesizer, Telefon und Logikmodul. Abhängig vom jeweils ausgewählten Betriebsmodus ruft das Gerät zufällig erzeugte oder zuvor festgelegte Nummern an und spielt den Angerufenen Melodien vor, die auf Grundlage der jeweiligen Nummer über einen Algorithmus erzeugt werden. Die Lautsprecher des Geräts geben sowohl die durch Klangsynthese erzeugten Sounds als auch die Stimme des Angerufenen wieder, sodass normalerweise an diesem Ende der Leitung auch die ahnungslose Person am anderen Ende zu hören ist, die selbst wiederum nur die synthetischen Sounds hört.
Vernehmen wir heute am Telefon etwas anderes als eine menschliche Stimme, reagieren wir mit Widerstand: Musik ertönt nur, wenn wir in einer Warteschleife festhängen, indessen ein merkwürdiges elektrisches Knistern auf einen Fehler im Dekodierungsvorgang verweisen. Die vom Prankophone erzeugten Klänge werden mithin als eine Art Fehler wahrgenommen, auch wenn sie eigentlich eine individuelle und anonyme Klangnachricht darstellen, ein Mikro-Hörstück, das für jede angerufene Nummer einzigartig ist.
Das Gerät verfügt über vier Betriebsmodi:
- Einen autonomen Modus, in dem die jeweilige Nummer automatisch generiert und angerufen wird, um dem Angerufenen die persönliche Melodie vorzuspielen.
- Einen manuellen Modus, in dem über die herkömmliche Telefontastatur jede beliebige Nummer eingegeben werden kann. Im Anschluss wird die eingegebene Nummer automatisch in eine Melodie umgewandelt.
- Einen Keyboard-Modus, in dem eine Nummer auf einer eine Oktave umfassenden Keyboard-Tastatur eingegeben wird, deren zehn Tasten jeweils einer Ziffer entsprechen.
- Einen Live-Modus, bei dem die Nummer auf eine der drei beschriebenen Weisen eingegeben wird, die Töne jedoch nicht automatisch erzeugt, sondern am Keyboard eingegeben werden, sodass der Benutzer klanglich mit dem Angerufenen „kommunizieren“ kann.
Das System der automatischen Generierung der Nummern kann dem jeweiligen Ort angepasst werden, darüber hinaus gibt es eine internationale Ausführung, die Vorwahlen, Länge der Nummern und weitere Faktoren berücksichtigt.
Volnovod, 2016
Die Idee zu dieser Arbeit kam mir auf einem Langstreckenflug, als sich einmal mehr die Kabel meiner iPod-Ohrstecker (die weiße Standardausführung) in sich verdrehten. Die Kabel sind mit einer speziellen Gummibeschichtung versehen, die Knicke oder Risse verhindert; somit verlängert gerade das In-sich-Verdrehen der Kabel die Lebensdauer der Ohrstecker und beugt Kontaktschäden vor. Was ich beobachtete, war also keineswegs ungewöhnlich, doch bemerkte ich dieses Mal eine Ähnlichkeit der Schlingen des Kabels mit einer komplexen mehrdimensionalen Welle. Sofort kam mir die Idee zu einer Arbeit: Ich stellte mir eine Maschine vor, die Kabel mit vergleichbarer Beschichtung auf unterschiedliche Weise verdreht, wobei das Ergebnis mithilfe einer Kamera digitalisiert und durch einen speziellen Algorithmus in ein parametrisches Diagramm übersetzt wird, das verschiedene Parameter der Klangsynthese festlegt.
Das Ergebnis war Volnovod, eine hybride Maschine, die eine Verbindung aus einer kinetischen Soundskulptur und einer spezifischen Steuereinheit darstellt. Das Prinzip dahinter ist einfach: Ein unscheinbares Phänomen wird adaptiert, vergrößert und automatisiert. Es gelang mir, eine ganz einzigartige Kombination aus einer konkreten Wellenform und darauf basierenden Schallwellen zu schaffen.
Die Maschine lässt sich automatisch, halbautomatisch oder manuell betreiben. Zwei Schrittmotoren verdrehen das Kabel unablässig, sodass unterschiedliche Wellenformen entstehen. Die Motoren arbeiten auf Grundlage eines zahlenbasierten Zufallsprogramms und verändern beliebig ihre Richtung. Gleichwohl verbleibt die Drehung der Motoren innerhalb einer festgelegten Bandbreite, damit die Kabel nicht überdreht werden. Die Kamera nimmt das Kabel vor einem schwarzen Hintergrund auf, wodurch ein größtmöglicher Bildkontrast erreicht wird. Neun Aufnahmen der Welle werden gespeichert. Diese können später im automatischen Modus aktualisiert beziehungsweise im halbautomatischen oder manuellen Modus ersetzt werden. Die neun Aufnahmen werden anschließend in einer Auflösung von 270×240 Pixel in Diagramme umgewandelt, mit denen dann die Parameter der Klangsynthese festgelegt werden. Das Programm kann Steuerdaten für jedes geeignete Format erzeugen: MIDI, OSC, CV. Dadurch lässt es sich beliebig sowohl im vorhandenen System selbst als auch in Verbindung mit anderen Geräten verwenden. Die Diagramme können automatisch oder manuell festgehalten und mit unterschiedlicher Geschwindigkeit in verschiedener Richtung gelesen werden. Die Wellenform lässt sich auch als Oszillator-Welle für Harmonien nutzen (ähnlich wie bei der Wavetable-Synthese).

Ra, 2015
Ra ist ein Soundobjekt/Synthesizer, der mittels Laser die Unebenheiten der Oberfläche einer Pyrit-Scheibe scannt und ausgehend von den so gewonnenen Daten Klänge produziert. Die Scheibenform ist eine seltene Erscheinungsform des Pyrits, der hierbei kreisförmig kristallisiert (als seltener Sphärolit); diese Form wird auch als Pyrit-Sonne oder Pyrit-Dollar bezeichnet. Das einzige Vorkommen derartiger Pyrit-Scheiben befindet sich in Illinois (USA). Die Pyrit-Sonnen entstanden vor etwa 300 Millionen Jahren.
Das Projekt verdankt sich einer Fügung glücklicher Umstände: In Boulder City (USA) erzählte ich einer Mineralienhändlerin von meiner Arbeit, die mir daraufhin eine Pyrit-Scheibe schenkte. Ihre einzige Bedingung war, dass ich bei einem Werk das Mineral verwende. Zu jener Zeit beschäftigte ich mich intensiv mit den verschiedenen Methoden, mit denen Klänge früher aufgezeichnet und archiviert worden waren, bis hin zu den ersten Aufzeichnungstechniken von Schallwellen: den Wachswalzen und anderen ähnlich empfindlichen Tonträgern. Bei sämtlichen der Techniken kam ein Laser zum Einsatz. Inspiriert hiervon, entwarf ich mithilfe einfachster Materialien ein eigenes Laser-System, das von unterschiedlichen unebenen Oberflächen Töne abnehmen kann. Vor diesem Hintergrund kam mir schließlich die Idee, ein Gerät zu konstruieren, das die Pyrit-Scheibe mit einem selbstentworfenen Laser-Tonabnehmer verbindet.
Das Gerät stellt eine Art Meilenstein meiner Arbeit dar, insofern darin verschiedene Praktiken und technische Probleme zusammenkommen, mit denen ich mich in den letzten Jahren beschäftigt habe – aber auch neue Techniken, Ideen und Themen: die Konstruktion von Synthesizern und Klangobjekten, das Sammeln von Mineralien, das Thema der Rotation, Pure-Data-Programmierung, Arduino und Python, die Arbeit mit Servo- und Schrittmotoren, Raspberry Pi und Lasertechnik.
Darüber hinaus nimmt für mich bei dieser Arbeit auch die Beschäftigung mit dem Thema der okkulten Futurologie einen besonderen Stellenwert ein, ergänzt sich dieses doch hervorragend mit meiner eigenen künstlerischen Praxis. Am deutlichsten dürfte dies im Umgang mit der Wahrnehmung der Zeit in Ra werden: Ausgehend von einem prähistorischen „außerirdischen“ Mineral wird auch auf das Mittelalter mit seiner Kunst der Alchemie angespielt. Darüber hinaus nimmt die Arbeit Bachsche Orgelmotive auf und verrät Anklänge an die elektronischen Instrumente von Mitte des 20. Jahrhunderts – und das alles in einem autonom arbeitenden Gebilde auf Basis von Lasertechnik, Codes und Klängen, hergestellt aus einfachsten Mitteln.
Turbo-Gusli
„Gusli-Samogudy“ bedeutet so viel wie selbstständig spielendes Gusli. Das Gusli ist ein Instrument, das häufig in russischen Märchen auftaucht. Durch die Automatisierung nun lasse ich das Märchen Wirklichkeit werden.
Termine
Mi 18.01.2017, 17:00-20:00 / HAU2
Fr 20.01.2017, 17:00–22:00 / HAU2
Sa 21.01.2017, 17:00-22:00 / HAU2
So 22.01.2017, 16:00-21:00 / HAU2
Ein Projekt von ::vtol::

Präsentiert im Rahmen von „Utopische Realitäten“, eine Koproduktion von HAU Hebbel am Ufer und Haus der Kulturen der Welt im Rahmen von „100 Jahre Gegenwart“, kuratiert von HAU Hebbel am Ufer. Gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.