NEUE FORMEN AUS DER WELT DER KOTYLEDONEN

WIE IN REYKJAVIK DAS ERSTE PRIVATE GOETHE-INSTITUT DER WELT ENTSTAND

Von Wolfgang Müller

Alle Gestalten sind ähnlich, und keine gleichet der anderen (Johann Wolfgang von Goethe)

Im März 1998 schloss das Goethe-Institut seine isländische Niederlassung in Reykjavík. Als Grund der Schließung wurden von den offiziellen Vertretern der Institution „finanzielle Engpässe“ genannt. Nach dem wirtschaftlich bankrotten Albanien war nun Island das einzige europäische Land ohne staatliche deutsche Kulturvertretung. In Island und Deutschland kam es aufgrund der Schließung zu unerwartet heftigen Protesten. In Afrika traf die Schließung des Goethe-Institutes im gleichen Jahr eines der ärmsten afrikanischen Länder, nämlich den Tschad.

Einen Tag nach den Schließungen in Island und dem Tschad eröffnete die Münchner Goethe-Instituts-Zentrale erstmals je ein Goethe-Institut in Estland, in Lettland und in Litauen. Die ehemaligen Staaten und Teilrepubliken des Ostblocks entwickelten sich seit dem Fall der Mauer 1989 und der Auflösung der Blöcke zu wichtigen neuen Investitionsstandorten und Absatzmärkten für die deutsche Wirtschaft. Angesichts der Schließungen und Neueröffnungen stellte sich die Frage, ob und wie weit die von der Zentrale des Goethe-Instituts betriebene Kulturpolitik ihrem Auftrag nach regierungsunabhängig, eigenständig gestaltet war oder ob sie sich bereits eng an die Bedürfnisse von Wirtschaft und Politik angepasst hatte.

Die Isländer fühlten sich durch die Entscheidung natürlich herabgesetzt. Um so mehr, als nach der Schließung aus München der Vorschlag kam, die Bibliothek des Reykjavíker Goethe-Institutes nach Kopenhagen zu verlagern. Für die Isländer, die jahrzehntelang für die Herausgabe ihrer alten Sagaschriften aus der Königlichen Bibliothek in Kopenhagen und deren Rückkehr nach Island gekämpft hatten, war dieser Gedanke ein deutlicher Hinweis auf fehlendes Interesse und mangelnde Sensibilität gegenüber ihrer Kultur seitens der deutschen Kulturvertreter.

Ein Jahr vor der Schließung des Reykjavíker Institutes waren Vorbereitungen für eine Kunstausstellung im Nýlistasafnið (Living Art Museum) in Reykjavík angelaufen, zu der unter anderem auch ich als beteiligter Künstler eingeladen war. Die Kuratoren Michael Glasmeier und Hjálmar Sveinsson planten je einen Künstler aus Deutschland mit einem Künstler aus Island zusammenzuführen, die zusammen in einem Raum ein künstlerisches Projekt entwickeln sollten.

Gemeinsam mit der Künstlerin Ásta Ólafsdóttir diskutierte ich die neue Lage, die durch die Schließung der deutschen Kulturvertretung entstanden war. Wir verabredeten für die Ausstellung im August 1998 eine Arbeit mit dem Titel „privates Goethe Institut Reykjavík“ im Museum zu installieren und die Etablierung eines solchen Institutes zu betreiben. Durch Spenden aus Deutschland und Island sollte das Institut im Laufe der Ausstellung allmählich wachsen und erblühen. Per Annonce suchten wir entsprechende Materialien zur Ausgestaltung. Zahlreiche Isländer und Deutsche beteiligten sich daran, dem Institut Form und Gestalt zu geben. Schon bald füllten Bücher, Topfblumen, Videos, Stühle, Diaprojektor und Tische den Raum. Mit dem Sprachprogramm des geschlossenen Goethe Instituts wollten wir natürlich nicht konkurrieren. Statt dessen wurde Elfen-, Zwergen- und Sexualkunde in den Unterrichtsplan aufgenommen. Das Institut sollte ganz neue, eigene und bislang unbekannte Bereiche erschließen.

Über die isländische Post hatten wir die stillgelegte Telefon- und Faxnummern des geschlossenen Goethe-Institutes besorgt und in unserem Raum ein Telefon- und Faxgerät mit eben diesen Nummern angeschlossen. Über die Nummer 00354- 5516061 begin_of_the_skype_highlighting              00354- 5516061      end_of_the_skype_highlighting erreichten das private Goethe Institut nun zahlreiche solidarische Grüsse aus Deutschland. Der damalige Minsterpräsident von Niedersachsen und spätere Bundeskanzler Gerhard Schröder lies über Fax die besten Grüsse übermitteln:

„Sie und ihre engagierten Freunde sollen wissen, daß nach dem Wahlsieg eine sozialdemokratisch geführte Bundesregierung die Entscheidungen der jetzigen Bundesregierung zur Schließung von Goethe-Instituten überprüfen wird, da wir der deutschen Kulturvertretung im Ausland hohe Bedeutung beimessen und daher – wo immer möglich – die finanziellen Engpässe überwinden wollen.“

Am 31. Juli 1998 wurde nun das Institut offiziell eröffnet. Der SPIEGEL griff das Ereignis auf und berichtete von der erfolgten Gründung eines „privaten Goethe-Institutes“ in einem Kunstmuseum in Reykjavík. Der damalige Pressesprecher der Goethe-Institutszentrale in München Dr. Wackwitz äußerte sich auf Nachfrage ausgesprochen positiv: „Wir finden das Projekt originell. Schön, dass jemand mit den Mitteln der Kunst auf ein politisches Problem aufmerksam macht.“

Nach der kurz darauf erfolgten Wahl von Gerhard Schröder zum neuen Bundeskanzler und der Wahl der rot-grünen Bundesregierung wurde die Entscheidung der Schließung tatsächlich rückgängig gemacht. Ein „Goethe-Zentrum Reykjavík“ wurde – ausgestattet mit einem Bruchteil des vorherigen Etats und zwei Halbtagskräften – zum Nachfolger des staatlichen Institutes erklärt. Es eröffnete am 16. Oktober 1998 in einem tristen Hinterhof in der Lindagata.

Während das Goethe-Institutes in München vom Modellcharakter des neuen Goethe-Zentrum Reykjavík sprach, und der Präsident Prof. Hilmar Hofmann zur Einweihung mit salbungsvollen Worten im Gepäck anreiste, wurde es in einem Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als „potemkinsches Institut“ bezeichnet. Ein wesentliches Element des Modellcharakters bestand darin, dass das Goethe-Zentrum selbständig nach finanzieller Förderung und Unterstützung im Land suchen sollte. Die Isländer also sollten deutsche Kulturarbeit zukünftig selbst bezahlen und die Halbtagskräfte könnten in einem der teuersten Länder Europas nebenbei noch ein bißchen jobben.

Unter welchen Umständen das neue Goethe-Zentrum arbeitete, wurde an seiner unkonventionellen Suche nach Förderern deutlich. Im folgenden dokumentiert durch eine Mail, die das Goethe-Zentrum an den in Deutschland lebenden Isländer Snorri Sigurðsson sandte. Snorri bot dem websitelosen Goethe-Zentrum Reykjavík eine mediale Präsenz an durch kostenlose Veröffentlichungen auf seiner Site http://www.geysir.de, einem deutsch-isländischen Informationsdienst. Als Antwort erhielt er folgende Mail:

„Hallo Snorri, wir werden Sie gern als Mitglied im Förderverein Goethe-Zentrum aufnehmen, doch brauchen wir neben dem Jahresbeitrag von 50 DM auch noch einige Angaben zu Ihrer Person, wie Anschrift, Kennziffer und Telefonnummer. Den Geldschein versenden Sie bitte in einem leicht gefütterten Umschlag an Goethe-Zentrum, P.O. Box 902, IS-121 Reykjavík.“

Nach dem deutschen Postbeförderungsgesetz ist das Versenden von Bargeld strafbar. Somit sei diese Mail eine Anstiftung zu einer Straftat, bemerkte der angeschriebene Snorri P. Sigurðsson in seiner Antwort an das Goethe-Zentrum. Um sich nicht strafbar zu machen, kündigte Snorri Sigurðsson an, dass er seine Verwandten in Island bitten werde, den DM 50.- Schein persönlich im Goethe-Zentrum vorbei zu bringen.

Das Projekt „privates Goethe-Institut“ agierte nach Ausstellungsende in Nýlistasafnið an ständig wechselnden Orten und eröffnete zahlreiche Zweigstellen. Jeder und jede konnte und kann überdies ein solches Institut eröffnen, indem er/sie eine entsprechende Messingtafel mit der Prägung „Goethe Institut Reykjavik“, dem spiegelverkehrten Instituts-Logo und dem Namen seiner Zweigstelle ordert. Dazu erhält der Käufer folgendes Zertifikat:

„Sie sind im Besitz eines Kunstwerkes mit dem Titel ZWEIGSTELLE. Damit es auch von Mitarbeitern und Besuchern des Goethe-Instituts als solches wahrgenommen wird, müssen Sie dieses Werk entsprechend anbringen. Dazu stehen mehrere Möglichkeiten zur Auswahl: Rahmen Sie es oder montieren Sie es auf ein größeres Holzbrett, schrauben Sie es auf ein Metallteil oder befestigen Sie es auf einem anderen geeigneten Material. Sie können es auch mit einer Plexiglashaube abdecken. Bringen Sie es nur innerhalb Ihrer privaten Räume an. Am besten, dort, wo ihre Gemälde hängen und ihre Skulpturen stehen. In Arztpraxen, Rechtsanwaltbüros, Galerien und Kunsthallen muss das Schild so angebracht werden, dass Besucher es eindeutig als Kunstwerk identifizieren. Bei etwaigen Unsicherheiten kontaktieren Sie Ihren Rechtsanwalt oder die Rechtsabteilung der Goethe Instituts Zentrale München. Der Künstler haftet nicht für den unsachgemäßen Gebrauch des Kunstwerks durch missverständliche Montage.“

Zweigstellen des privaten „Goethe Institut Reykjavík“ sind seitdem in folgenden Institutionen, Praxen, Hochschulen und Wohnungen eingerichtet worden oder erhielten ein Messingschild, um dieses ggf. tun zu können (Option):

1. Frisör BEIGE Berlin
2. Hybriden – Verlag Berlin
3. Dörrie * Priess Hamburg
4. Martin Schmitz Verlag Berlin
5. Gerhard Dörries Berlin
6. Ingimundur Sigfússon (Option)
7. Museum Ferner Gegenden e.V. Hamburg
8. Büro Neapel
9. Hochschule der Bildenden Künste Braunschweig
10. Útibú Lag Reykjavík
11. Sommerkino Berlin
12. Galerie Katze 5
13. M. Mergl Berlin
14. Jón B. Atlasson, Wien
15. Marc Schulz, Eichzell

Das Kunstprojekt „privates Goethe Institut von Reykjavík“ realisierte 1999 die „Islandshow“ im Berliner Veranstaltungshaus Podewil, zu der zahlreiche isländische Künstler eingeladen waren. Der isländische Botschafter in Berlin Ingimundur Sigfússon eröffnete die Veranstaltung mit einer Rede. Zu den Spielorten des privaten Goethe Instituts von Reykjavík gehörte auch die Hamburger Galerie Dörrie * Priess, in der eine Ausstellung mit dem Titel „Metamorphosen des Goethe-Institut Reykjavík“ gezeigt wurde. In Reykjavík organisierte das Projekt im August 2000 die Ausstellung „Goethes isländische Reise“, die im Gulahúsið, dem ersten besetzten Haus Islands gezeigt wurde. Das gegenüber liegende Goethe-Zentrum zog einige Monate später von der Lindagata in ein Büro am Laugavegur. Siebzehn Künstler aus Deutschland, Holland und Österreich beteiligten sich an „Goethes isländische Reise“. In Erscheinung trat das Projekt weiterhin an der Berliner Volksbühne: Regisseur Christoph Schlingensief lud mich in der Rolle des Direktors des privaten Goethe-Institutes Reykjavík zur Liebeskummerberatung in sein Stück Loveprangs ein. Lektionen in Elfen-, Zwergen- und Sexualkunde konnten bei dieser Gelegenheit liebeskummerkranken Theaterbesuchern vermittelt werden.

Nur kurze Zeit nachdem die Deutsche Presseagentur (dpa) vermeldete, dass in der Volksbühne in Schlingensiefs neuem Stück eine Liebeskummerberatung für die Theaterbesucher durch einen echten Oberstaatsanwald (Dietrich Kuhlbrodt) und den Direktor des „privaten Goethe Institut Reykjavík“ möglich sei und Planungen zur Einrichtung einer Zweigstelle im Berliner Frisör Beige vorgenommen waren, erreichte mich ein Einschreiben mit Rückschein von der Rechtsabteilung der Goethe-Institutszentrale in München. Meine Kunstaktion wurde als ein schwerer Eingriff in einen „ausgeübten und eingerichteten Gewerbebetrieb“ bezeichnet, der zum „Schadenersatz nach § 823 I BGB“ berechtige. Mein Spiel mit dem gespiegelten Goethe-Institutslogo8 wurde als eklatante Verletzung geltender Rechtsvorschriften bezeichnet, „Verwechslungsgefahr“ bestünde und das Markenschutzrecht „gemäß § 4 Nr.1 MarkG“ wurde zitiert. Dr. Falk, Bereichsleiter 81 von der Rechtsabteilung des Goethe-Institutes forderte mich im beigefügten Schreiben auf, umgehend eine Erklärung zu unterzeichnen, die mich dazu verpflichten sollte, weder ein dem Markenzeichen des Goethe-Institutes ähnliches Zeichen zu benutzen, noch mich als Betreiber eines privaten oder öffentlichen Goethe-Institutes zu bezeichnen. Für jeden Fall der Zuwiderhandlung müsste ich DM 10.001.- bezahlen.

Eine absurde Situation, die mich dazu veranlasste, dem damaligen Generaldirektor des Goethe-Instituts Prof. Hilmar Hoffmann zu schreiben. Ich legte in diesem Schreiben dar, dass das Projekt „privates Goethe Institut Reykjavík“ eine rein künstlerische Arbeit sei und bot ihm an, das Missverständnis auf künstlerische und kreative Weise zu klären. Da ich freischaffender Künstler ohne regelmäßiges Einkommen und Rechtsschutzversicherung sei, hätte ich kein Interesse an einer gerichtlichen Auseinandersetzung. Ich bat um seinen Rat und Hilfe. Zu meiner großen Enttäuschung reagierte Prof. Hilmar Hoffmann auf das Schreiben nicht. Statt dessen eskalierte die Situation. Dr. Hermann Falk drohte in einem weiteren Brief, dass er nur noch „absolut minimalen Raum“ für eine außergerichtliche Einigung sehe.

Schließlich sandte ich der Münchner Rechtsabteilung eine von meinem Rechtsanwalt Dr. Wiese und mir umgestaltete Fassung der Unterlassungsverpflichtungserklärung, in der das Angebot gemacht wurde , „dass Herr Müller sein Projekt privates Goethe-Institut in Walther von Goethe Foundation Reykjavík umbenennt.“ Gleichzeitig verpflichte ich mich dazu zu unterlassen, Dritten gegenüber zukünftig zu behaupten, ich sei Leiter eines privaten oder öffentlichen Goethe Institutes.

Es war so, als hätte das dänische Königshaus eigenhändig die Monarchie abgeschafft, um anschließend im Theater eine Hamlet-Aufführung von Shakespeare verbieten zu lassen. Dies ist nicht der Prinz von Dänemark.

Da ich sowieso nie der Leiter eines privaten oder staatlichen Goethe Institutes gewesen war, konnte ich meine Unterschrift unbesorgt unter das Dokument setzen. Dies ist keine Pfeife. Und dies ist auch nicht der Leiter eines Goethe-Institutes. Kunst und Wirklichkeit flossen auf eigenartige Weise zusammen. Wirklichkeit wurde zur Kunst und Kunst wurde Bestandteil der Wirklichkeit. Eine eigenartige Metamorphose vollzog sich. Dadurch, dass die Zentrale des Goethe-Instituts unnachgiebig auf die Unterzeichnung der absurden Erklärung bestand, brach das Kunstprojekt nun auf überraschende, ungeplante Weise in die Wirklichkeit ein und wurde zum Bestandteil dieser. Es war offensichtlich zu realistisch geworden, um selbst von einer Kulturinstitution als künstlerische Arbeit wahrgenommen werden zu können.

Schließlich berichteten SPIEGEL, Frankfurter Allgemeine Zeitung und andere Medien über die Zuspitzung der Situation. Um das unter finanziellen Schwierigkeiten leidende Goethe-Institut nicht mit einem Prozess gegen mich zu belasten, den überdies ich selbst mitfinanziert hätte – nämlich als deutscher Steuerzahler – wandte ich mich an den Bundesaußenminister Joschka Fischer mit der Bitte um Unterstützung.

Tatsächlich erhielt ich eine Antwort auf mein Schreiben. Christiane Gnodtke vom Referat Goethe Institut beim Auswärtigen Amt schrieb: „Das Auswärtige Amt hat Ihre Bedenken mit Goethe-Institut Inter Nationes aufgenommen und die Möglichkeiten einer Entschärfung des Konfliktes besprochen.“  In diesem Brief vom 10. Mai 2001 fand sich auch die Bemerkung, dass mir am 9. Mai das Goethe Institut ein Schreiben übermittelt haben müsste, in dem es mir ein Angebot zu gemeinsamer Projektarbeit mache. Tatsächlich war ein solches Schreiben mit Datum 9. Mai 2001, also tags zuvor bei mir eingetroffen.

So konnte nur zwei Tage darauf der isländische Botschafter Ingimundur Sigfusson bei der Eröffnung einer „Zweigstelle“, – jetzt zur Walther von Goethe Foundation gehörig – im Frisör BEIGE dem Publikum die Botschaft verkünden, dass das Goethe Institut den Konflikt für erledigt betrachte und „dem Künstler und Islandfreund Wolfgang Müller nun sogar mögliche Zusammenarbeit und Kooperation in Aussicht stellt“.

Doch wer war Walther von Goethe? Walther von Goethe (1818 – 1885) war Kammerherr, Komponist und der letzte direkte Spross von Goethe.  Er verwaltete das Erbe seines Großvaters und damit auch Materialien zur „Der Versuch die Metamorphose der Pflanzen zu erklären“. Es erschien 1790 als schmales Bändchen bei Ettlinger in Gotha und ist Goethes erste Veröffentlichung im Bereich der Naturwissenschaften – die einzige, die er wiederholt in unveränderten Drucken herausgebracht hat.

Im Frühjahr 2002 ersteigerte der isländische Germanist Jón Atlason ein Exemplar der seltenen Erstausgabe im Berliner Auktionshaus Gerda Bassenge. Das Büchlein mit dem Ex libris „Ex Bibliotheca Giesiana“ sollte der Grundstock für die erste Veröffentlichung in der Reihe „Schriften der Walther von Goethe Foundation“ werden. Es befindet sich im Bestand der Präsenzbibliothek der Walther von Goethe Foundation. Deren Logo bildet ein stilisierter Meisenknödel. Jón Bjarni Atlason erarbeitete über mehrere Monate eine Übersetzung des Textes ins Isländische.

Im Oktober 2002 konnte ich diese Übersetzung in einer Ausstellung im Nýlistasafnið präsentieren. Dazu erschien das Werk als zweisprachiges Taschenbuch mit dem unveränderten Originaltext von 1790 und der isländischen Erstübersetzung. Auf dem Buchtitel ist die Bronzeskulptur „Gnocco per cinciallegre“ (Meisenknödel) abgebildet, die in Neapel gegossen wurde, also der italienischen Stadt, in der Goethe seine Visionen zur Pflanzenmetamorphose hatte. Das Goethe-Institut unterstützte das Projekt durch eine Übernahme der Installationskosten, womit erstmals die angebotene Zusammenarbeit zwischen Goethe Institut und Walther von Goethe Foundation verwirklicht wurde.

Tilraun til ad skýra myndbreytingu plantna
Herausgeber: Wolfgang Müller, Tilraun til ad skýra myndbreytingu plantna/Der Versuch die Metamorphose der Pflanzen zu erklären; in isländischer Erstübersetzung, Deutsch-isländische Ausgabe, farb. Cover, 112 S., Schriften der Walther von Goethe Foundation, ISBN 3-927795-32-1, Berlin-Reykjavík 2002, 14,50 Euro.

Kotyledonen in Natur und Akademie

„Der Versuch die Metamorphose der Pflanzen zu erklären“ zählt zu Goethes naturwissenschaftlichen Hauptwerken. Es ging ihm in dieser Schrift um den Nachweis eines organischen Aufbaus der Naturphänomene und ihrer prozeßhaften Entwicklung. Mit der Arbeit kann man Goethe als einen der bedeutensten Vorläufer Darwins bezeichnen. Die Schrift gilt als wegbereitend für die Darwins’sche Evolutionslehre. Zu Goethes Zeit hat das Buch nur sehr reservierte Aufnahme gefunden. Im Vergleich zur rein experimentellen und rationalistischen modernen Naturwissenschaft enthalten Goethes Untersuchung durchaus spekulative Elemente. Aber Goethes ganzheitlicher Blick auf das Wirken naturwissenschaftlicher Phänomene hat angesichts des heutigen Zerfalls der Naturwissenschaft in immer spezialisiertere Disziplinen seine Bedeutung erhalten und gewinnt zunehmend an Bedeutung. Interessanterweise hat Goethe selbst mit Begriffen aus der „Metamorphose der Pflanzen“ die Neugründung einer Institution beschrieben. So hat er die Vorstellung des Keimhaften, Anfänglichen der Cotyledonen (Keimblätter) in einem Brief an den Großherzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach vom 24. März 1816 als Gleichnis angewandt, indem er von den cotyledonischen Anfängen einer Akademie der Naturwissenschaften sprach. Und gerade heute hat dieser, seiner Zeit vorauseilende botanische Klassiker neue Aktualität gewonnen. Der ganzheitliche Blick des Künstlers auf Strukturen und Erscheinungen auch komplizierter und komplexer Bereiche in Wissenschaft, Forschung und eben auch Kulturvermittlung und Institutionen, das intuitive Erahnen des Zukünftigen, hat wieder eine gewisse Bedeutung bekommen. Was Goethe in der späteren Gedichtfassung der „Metamorphose der Pflanzen“ mit „Vorbild“ und „Kraft“ meint, die im Samen schlafe, sind ja nichts anderes als die Gene, die erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts von Flemming entdeckt wurden. Diese Gene gilt es nun aus ihrem Schlaf zu wecken, ihnen den Nährboden zu geben, auf dem sie ihre ganze gestalterische Pracht entfalten können.

Für Forscher: Die Entstehungsgeschichte des privaten Goethe-Instituts als pdf mit Fußnoten

Der Künstler Wolfgang Müller präsentierte seine Bemühungen um das Goethe-Institut auf dem Festival ZELLEN im Rahmen der Vortrags-Performance PARASITÄRE SYMBIOSEN – J.W. GOETHE -– HARTZ IV VORTRAG, FILM U. GESPRÄCH.

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