Tag Archives: Jahrhundert

ZELL-ASSOZIATIONEN

Zelltheorien verraten viel über biologisches Denken – und über dessen politische Dimension

Von Staffan Müller-Wille

Schlägt man ein Lehrbuch der Biologie auf, so lernt man für gewöhnlich, dass Zellen die fundamentalen Einheiten sind, aus denen der lebende Körper aufgebaut ist. Ein recht statisches Bild, das sich schnell verflüchtigt, wenn man zu den Quellen der Zelltheorie im 19. Jahrhundert zurückkehrt. Karl Marx, wie immer ein scharfer Beobachter des Zeitgeists, bemerkte das damals schon. Im Vorwort zum ersten Band des Kapitals griff er ausgerechnet zur „Körperzelle“ der zeitgenössischen „mikroskopischen Anatomie“, um zu veranschaulichen, was ihm mit der Analyse der Ware als „ökonomischer Zellenform“ der bürgerlichen Gesellschaft vorschwebte. Die Zelle nicht als Baustein, als fester, seinerseits aus Membranen, Kern und anderen Zellorganellen bestehender Körper, sondern als Austauschprozesse vermittelndes Element des Lebens – das ist eine Vorstellung, die selbst Fachleuten zuweilen noch Kopfzerbrechen bereiten kann. Weiter »

DIE ÖKONOMISCHE ZELLE IM REICH DER PFLANZEN UND TIERE

Von Bettina Bock von Wülfingen

Kennen Sie den Strasburger? Nicht? Dann gehören Sie eher zu den hobbygärtnerisch motivierten Lesern? Der Strasburger ist der Kurztitel für eins der, wenn nicht für das noch heute international meistgelesene botanische Lehrbuch in den Universitäten. Darin verfasste in der ersten Auflage 1894 Eduard Strasburger eine, wie es heute heißt, erste akkurate Beschreibung von Gymnospermen und Angiospermen, also letztlich aller ‚höheren‘ Pflanzen und ihrer Befruchtungsorgane. Er führte die Termini Nucleoplasma und Cytoplasma zur Bezeichnung der Grundstruktur der Zelle ein und gehörte zu den Ersten kurz vor der Jahrhundertwende, auf deren Untersuchung die Idee basierte, die Bewahrung der Eigenschaften von Pflanzen und deren Vererbung ginge über Strukturen im Zellkern vonstatten. Weiter »