Zelltheorien verraten viel über biologisches Denken – und über dessen politische Dimension
Von Staffan Müller-Wille
Schlägt man ein Lehrbuch der Biologie auf, so lernt man für gewöhnlich, dass Zellen die fundamentalen Einheiten sind, aus denen der lebende Körper aufgebaut ist. Ein recht statisches Bild, das sich schnell verflüchtigt, wenn man zu den Quellen der Zelltheorie im 19. Jahrhundert zurückkehrt. Karl Marx, wie immer ein scharfer Beobachter des Zeitgeists, bemerkte das damals schon. Im Vorwort zum ersten Band des Kapitals griff er ausgerechnet zur „Körperzelle“ der zeitgenössischen „mikroskopischen Anatomie“, um zu veranschaulichen, was ihm mit der Analyse der Ware als „ökonomischer Zellenform“ der bürgerlichen Gesellschaft vorschwebte. Die Zelle nicht als Baustein, als fester, seinerseits aus Membranen, Kern und anderen Zellorganellen bestehender Körper, sondern als Austauschprozesse vermittelndes Element des Lebens – das ist eine Vorstellung, die selbst Fachleuten zuweilen noch Kopfzerbrechen bereiten kann. Weiter


