Spielplan

Das Ende als Zwischenspiel

Episode 1: Das stille Erdbeben

Von Jota Mombaça

“The End as Interlude” war ursprünglich geplant als eine Veranstaltung im Rahmen von “A Melancholic Melody / A Will To An End – Eine Werkschau von Ligia Lewis”. Statt auf der Bühne des HAU2 zu sprechen, hat die Künstlerin und Theoretikerin Jota Mombaça nun einen Text geschrieben, den wir in drei Episoden bis zum Ende der Spielzeit auf HAU3000 veröffentlichen. Ausgehend vom Weltgeschehen in Zeiten der Corona-Pandemie erdenkt Mombaça darin eine diffuse Zukunft, in der Grenzen, Flucht und die Freiheit der Gedanken eine zentrale Rolle spielen.

Nos campos de guerra
Lutei por meus irmãos
Por essa terra (Ogunhê)
Tombei na serra (Ogum)
Mas meu sonho não

Alcione

Ich entschied mich, eine Karte anzufertigen, nachdem ich den Überblick über das Verstreichen der Tage verloren hatte.

Die Nächte sind jetzt endlos. Es gibt keinen Grund, die Stunden zu zählen. Es gibt keine normalen Tage und Nächte, keine Jahreszeiten, keine historischen Ereignisse. Die menschliche Zeitleiste ist hier nutzlos, doch fühle ich mich ihr immer noch verbunden.

Ich vermisse es, nicht allein zu sein. Ich vermisse es, nicht getrennt zu sein.

***

Zuerst gab es offene Felder, Berge und einen Fluss. Es fühlte sich seltsam an. Ich hatte keine Erinnerung daran, wie ich dorthin gekommen bin; auch hatte ich keine Ahnung, was ich mit diesem grünen idyllischen Käfig anfangen sollte, in dem ich gefangen zu sein schien.

Sie gaben mir ein Paradies, von dem ich träumen konnte, dabei habe ich nie von Paradiesen geträumt.

Das helle Licht dieser künstlichen, unaufhaltsamen Sonne berührte meine Haut nicht, weil meine Haut nicht da war. Ich selbst war nicht wirklich da.

Vergeblich versuchte ich zu schlafen. Es gelang mir nicht. Selbst wenn ich meine Augen schloss, konnte ich die Dunkelheit nicht erreichen, da ich sofort wieder auf die helle Landschaft projiziert wurde. Alles was ich tun konnte, war durch diese leeren sterilen Felder zu gehen und das leblose Wasser dieses Flusses zu trinken. Alles hier fühlte sich wie eine Falle an und das war es auch.

Ich versuchte, meinen Körper zu berühren. Ich konnte ihn nicht erreichen. Er fühlte sich ätherisch an, als wäre mein Fleisch entkörperlicht worden. Es gab nichts zu fühlen und nichts, womit man es fühlen konnte. Ich war sediert. Ich hatte kein Empfindungsvermögen, kein Bewusstsein.

Es war nicht der Tod. Den Tod kannte ich. Der Tod ist ein anderer Zustand der Materie, ein Ausdruck des Lebens durch andere Mittel. Keine Eintrittskarte in ein christliches Traumland.

Sie versuchten, mich im Dunkeln zu halten und dennoch von der Dunkelheit getrennt. Das helle Licht dieser künstlichen, unaufhaltsamen Sonne berührte meine Haut nicht, weil meine Haut nicht da war. Ich selbst war nicht wirklich da. Ich war bei meinem Körper und mein Körper war irgendwo anders gefangen.

***

Ich fange wieder an, mich zu erinnern.

Sie fingen mich, als ich versuchte zu fliehen. The Community hatten meinen Transport per Boot von Cacela Velha nach Sancti Pitri organisiert. Dort würde ich mich eine Weile verstecken, und später versuchen, den Grenzübergang bei Gibraltar zu erreichen. Wir hatten Verbindungsleute in Marokko und ich wollte dringend aus Europa raus, da meine Arbeit dort erledigt war und die portugiesische Anti-Einwanderungspolizei mir und anderen Mitgliedern the Community langsam auf die Pelle rückte.

Frontex hatte Telepathieblocker entwickelt, ein Medikament, das den Einsatzkräften vor jeder Operation verabreicht wurde. Ich war umzingelt und unbewaffnet.

Ich wurde im Moment meiner Gefangennahme sediert. Sie wussten über meine telepathischen Fähigkeiten Bescheid, daher konnte ich diese nicht einsetzen, als ich bemerkte, dass sie sich meinem Versteck näherten. Frontex hatte Telepathieblocker entwickelt, ein Medikament, das den Einsatzkräften vor jeder Operation verabreicht wurde. Ich war umzingelt und unbewaffnet. Klar, ich hatte eine Pistole, aber was kann eine Schusswaffe schon gegen ihre Meister ausrichten?

Mir war klar, dass ich erledigt war. Ich ging das Risiko ein, The Community zu warnen, damit sie sich mit dem Boot zurückziehen konnten. Die Polizei konnte die von mir erzeugten telepathischen Wellen identifizieren, aber wohin sie gingen, konnten sie nicht nachverfolgen. Frontex hatte ein millionenschweres Programm zur Telepathieüberwachung, aber ohne einen physischen Bohrer konnten sie meinen Schutzschild nicht durchdringen. Sie waren keine Telepathen, nur Hacker.

Trotzdem wusste ich, dass sie in mich eindringen würden, sobald sie mich in ihrer Gewalt hatten. Ich hatte eine schwere Entscheidung zu treffen. Ich musste all meine Verbindungen kappen, obwohl in Verbindung zu bleiben meine beste Chance darstellte, später zu entkommen. Ich begann den Kontakt mit allen abzubrechen und anstatt mein Wissen zu verschlüsseln, beschloss ich, es für immer zu löschen. Meine Erinnerungen an die Unsichtbare Revolution, die Karte aller Fluchtrouten, die ich über die Jahre geöffnet hatte, die Adressen der sicheren Unterkünfte von The Community, die Namen von Genoss*innen und Verbündeten. All das löschte ich. Und als ich alleine war – so einsam und leer wie noch nie, seit ich mit meiner Fähigkeit in Berührung gekommen war – ergab ich mich.

Telepathie kommt aus dem Rückgrat.

Die idyllische Landschaft war nicht von Dauer. Es war alles ein Trick, um mich dazu zu bringen, ihre Gefangenenträume zu träumen. Sie scheiterten natürlich. Wenn ich auch meine Fähigkeiten nicht aktivieren konnte, so konnte ich mich doch ihren dummen Psychospielchen verweigern. Jedes Mal, wenn sie versuchten, mich in einem ihrer Szenarien einzuschließen, fand ich den Schwachpunkt. Es war nicht so schwer, sie brachten mich immer wieder in ihre Vorstellung vom Himmel, oder ihre Vorstellung von der Hölle.

Und gegen diesen Scheißdreck war ich immun. Genau genommen begann ich, mich über ihren Mangel an Fantasie zu ärgern.

Dann durfte ich wieder selber träumen. Das machte mich nervös. Ich wusste, sie würden meine oneirischen Aktivitäten durch ihren verdammten Bohrer überwachen. Ich wusste, ich hatte ein Loch im Kopf. Ich konnte nicht sehen wo, seit wann und was für eines, aber ich wusste, es war da. Es gab nichts in meiner Reichweite, was nicht auch in ihrer Reichweite lag. Ich musste dann sogar noch vorsichtiger sein, denn es war leichter, ihren Psychospielchen zu widerstehen als meinen eigenen.

Uns lag nichts an der modernen kolonialen Fiktion des Menschlichen, da die meisten von uns leibhaftig wussten, dass wir in der kolonialen Denkweise niemals als gleichwertig menschlich angesehen werden würden.

Meine Karte zeigt keine Straßen, Brücken oder Tunnel.  Da ich nur wissen kann, was sie mir zeigen, wirkt jedes Szenario wie eine Insel, die von keinem Meer umgeben ist. Ein Archipel von Geisterorten.

Alles ist digital. Sie transportieren mich nicht von einem zum andern Szenario, sondern injizieren lediglich Daten durch den Bohrer. Für sie ist mein Geist ein Computer, den sie versuchen zu hacken. Sie glauben, dass die Quelle meiner telepathischen Fähigkeiten irgendwie in meinem Kopf versteckt sei. Doch könnte ich wetten, dass sie mein Gehirn zerstören, bevor sie sie finden. Sie sind die Kolonisator*innen und sind doch gleichzeitig so durch ihre Ansichten selbst so verfickt kolonisiert. Sie werden weiter in meinem Kopf herum graben, um meinen Geist zu finden, dabei ist mein Geist gar nicht dort. Telepathie kommt aus dem Rückgrat.

Unsere Verbündeten, weiße europäische Bürger*innen, die sich ihres gewalttätigen Erbes bewusst waren, waren die ersten, die uns im Stich ließen.

The Community begann als eine Geheimgesellschaft von Aktivist*innen, die nicht registrierten Einwanderer*innen half, das Leben in der Festung Europa zu ertragen. Wir alle waren selbst Einwanderer*innen und auf gewisse Weise radikalisiert: Wir hatten keine Illusionen über die europäischen Standards von Anstand, Freiheit und Gerechtigkeit. Wir hatten die Auswirkungen dieser egoistischen eurozentrischen Fantasien in unseren Heimatländern miterlebt. Wir wussten um die Kolonialgeschichte und ihre tiefgreifenden Implikationen darauf, wie die Welt gegenwärtig funktioniert.

Es ging uns jedoch nicht um die Zerstörung Europas, sondern einfach darum, den Menschen, die aus Orten flohen, die die europäische Arroganz historisch verkackt hatte, die Möglichkeit zu geben, von der ganzen Infrastruktur zu leben, die Europa durch sowohl  historischen als auch heutigen kolonialen Diebstahl aufgebaut hatte. Wir arbeiteten daran, Grenzverletzungen zu schaffen. Wir stellten offizielle Unterlagen für inoffizielle Bürger her; wir boten denjenigen Schutz, die durch ungerechte Gesetze und soziale Wertmaßstäbe verfolgt wurden; wir schufen ein Netzwerk von Geheimschulen, Orten für Versammlungen aller Art und medizinischen Einrichtungen usw.

Mit einer NGO hatten wir nichts gemeinsam. Unsere Bemühungen, prekären Nicht-Staatsbürgern und ihren Gemeinschaften zu helfen, waren weder in einer humanitären Berufung verwurzelt, noch waren wir Teil der offiziellen Finanzierungsnetzwerke, die den humanitären Sektor mit dem gleichen Geld versorgten, das benutzt wurde, um die Krise, mit der sich dieser Sektor dann befasste, überhaupt erst hervor zu rufen. Uns lag nichts an der modernen kolonialen Fiktion des Menschlichen, da die meisten von uns leibhaftig wussten, dass wir in der kolonialen Denkweise niemals als gleichwertig menschlich angesehen werden würden, egal wie sehr wir uns an koloniale Standards anpassten. Inklusion und Integration waren nicht unsere Ziele. Wir wollten uns eingliedern und dadurch versuchen, den toxischen Eurozentrismus und seine kolonialen Pendants nicht nur vom Kontinent, sondern aus der ganzen Welt zu verdrängen.

Erst in den frühen 2020er Jahren erlebten wir das Heraufziehen einer Krise, die uns letztlich einer brutalen Isolation aussetzen würde: Die Globale Gesundheitskrise.

Natürlich wurden wir, sobald die europäischen politischen Behörden von unserer Arbeit erfuhren, als Terroristen eingestuft. Und das, obwohl Terror, anders als bei den meisten europäischen Nationalstaaten und ihren Streitkräften, nie die Waffe unserer Wahl war. Unsere Strategie war viel subtiler.

Indem wir kritische, antikoloniale und queere Gemeinschaften von People Of Color vermehrten und Bedingungen schafften, die es ihnen ermöglichten, gesund zu bleiben und auf einem Kontinent zu gedeihen, der nach seiner eigenen perversen Einschätzung als sicher gilt, aber aus der Perspektive seiner wegen ihrer Hautfarbe diskriminierten, Geschlechterstereotypen nicht entsprechenden Bewohner enorm unsicher ist, wollten wir die Bezahlung der unbezahlbaren Schulden proben, die Europa auf sich geladen hat. Das kann nur dann als Terror angesehen werden, wenn diejenigen, die die Macht haben zu definieren, was Terrorismus bedeutet, sich bereits von der bloßen Vorstellung terrorisiert fühlen, die Schulden bezahlen zu müssen, von denen sie wissen, dass sie sie haben.

Wir sind gescheitert. Von dem Moment an, als wir entlarvt wurden, war unsere gesamte Arbeit kompromittiert. Unsere Verbündeten, weiße europäische Bürger*innen, die sich ihres gewalttätigen Erbes bewusst waren, waren die ersten, die uns, aus Angst ebenfalls entlarvt zu werden, im Stich ließen. Die Polizeikräfte begannen unter der Führung eines neuen, speziell um gegen uns zu vorzugehen geschaffenen, Geheimdienstes (Frontex) gewaltsam gegen jede Migrantengemeinschaft auf dem Kontinent vorzugehen, sogar gegen jene, die nicht direkt von uns unterstützt wurden.

Erst nannte man es eine “Wirtschaftskrise”, die strenge soziale Maßnahmen erfordere. Nach einer Weile wurde es in “Die Flüchtlingskrise” umbenannt. Doch erst in den frühen 2020er Jahren erlebten wir das Heraufziehen einer Krise, die uns letztlich einer brutalen Isolation aussetzen würde: Die Globale Gesundheitskrise.

Es gab keine telepathische Armee, denn wir hatten uns nie als Soldat*innen dargestellt.

Das neue Virus breitete sich fast auf der ganzen Welt aus. Da Europa eines seiner Epizentren war, schien die Schließung der Grenzen zunächst eine unvermeidliche Maßnahme zu sein. Und das war sie auch, da sich das besagte Virus weltweit durch die Reisen reicher Menschen, die meisten von ihnen hier ansässig, verbreitete. Doch schon bald wurde sie zur perfekten Ausrede, mehr Formen der Grenzkontrolle und auch der sozialen Verfolgung von Migrant*innen auf dem ganzen Kontinent einzuführen.

Jede*r, der*die eine Grenze ohne offizielle Erlaubnis überquerte, oder jemandem dabei half, wurde sofort als Bioterrorist verfolgt. Die Kontrollpunkte vervielfachten sich, da sie mehr und mehr durch biologische Formen der Kontrolle reguliert wurden.

Das Mitführen eines Personalausweises genügte nicht, um sich in der Stadt fortzubewegen, und ein Reisepass berechtigte nur dann zum Verlassen eines bestimmten Landes, wenn er von der neuen Immunitätskarte mit Informationen über den Gesundheitszustand der Bürger*in und ihrer gesamten Familieneinheit begleitet wurde.

Soziale Isolation – ein den meisten auf dem Kontinent lebenden Migrant*innen bestens bekannter Zustand – war der perfekte Impuls für Frontex, gegen The Community vorzugehen. 

Unsere geheimen Unterschlupfe und Standorte wurden, einer nach dem anderen, wieder besetzt; unsere Mitglieder wurden verhaftet, und die von uns unterstützten Gemeinschaften wurden leichte Beute für die dystopischen Investitionen des neuen Globalen Bio-Nekropolitischen Ausnahmezustands.

Als sie mich schnappten, irgendwann 2025, waren nur noch wenige von uns übrig. Unsere Aktivität in Europa drehte sich nur noch um unser Überleben. Frontex kreiste uns ein, besonders nachdem sie Informationen über unsere “telepathische Armee” erhalten hatten. Es gab keine telepathische Armee, denn wir hatten uns nie als Soldat*innen dargestellt, aber das spielte keine Rolle, denn als sie ihre Jagd begannen, wünschten wir uns sehnlichst, es gäbe eine ganze Armee von uns und nicht nur Elsi, Khalil und mich.

***

Ich spürte einen Puls.

Ich versuchte auf einem Steinhaufen einer alten zerstörten Stadtlandschaft zu meditieren, als ich ihn deutlich bemerkte. Er war sehr unbeständig, aber ich konnte ihn fühlen. Wie ich ihn fühlte, kann ich jedoch mit Worten nicht beschreiben. Er war kein Geräusch und es gab kein Bild. Er war eher wie eine Empfindung, oder etwas, was man nur ohne Methode erkennen kann. Etwas, was man wahrnimmt, ohne es begreifen zu können.

Es könnte eine Falle sein, aber genauso gut ein blinder Fleck in ihrem Programm. Ich lief umher und suchte ihn, versuchte herauszufinden, ob er zu diesem speziellen Ort gehörte oder nicht.

Es gab nichts zu finden. Mein Puls wurde weder schwächer noch stärker, Ich kam ihm weder weiter noch näher. Er war einfach da, bei mir.  

Ich musste meinen Wunsch darüber nachzudenken kontrollieren. Ich wollte spekulieren. So viele Fragen warteten darauf, gestellt zu werden, so viele Überlegungen und Hypothesen wollten aufgestellt werden. 

Aber nachzudenken, während mein Gehirn überwacht wurde, war dumm und riskant. Wenn dieses Ding ein blinder Fleck von ihnen war, würde er, sobald ich über ihn nachdachte, aufgedeckt; und wenn es eine Falle für mich war, würde ich sicherlich mein ganzes Wissen aufgeben, indem ich darüber unter ihren Augen nachdachte.

Etwas an diesem Puls bat mich, geduldig zu sein.

Und so beließ ich ihn unbedacht.

Und im Inneren.

Aus dem Englischen übersetzt von Fridjof Varesch
Veröffentlicht am 6.5.2020