Spielplan

Für Feminist:innen weltweit war “Glitch Feminism: A Manifesto” eine Offenbarung – ein kraftvolles neues Kapitel des Cyberfeminismus, das die Beziehung von Gender, Technologie und Identität erkundet. In ihrem eindringlichen Manifest legt Legacy Russell die unzähligen Wirkweisen und Transformationsmodi des Glitches dar – wie er sich verweigert, Schatten wirft, spukt, chiffriert, mobilisiert und überlebt. Sie erklärt, dass wir den Glitch mit offenen Armen empfangen müssen, um die Binaritäten und Begrenzungen zu überwinden, die Gender, ethnische Zugehörigkeit und Sexualität definieren.

Ein Glitch ist ein Fehler, ein Fail, ein Nicht-Funktionieren. In der Technokultur ist Glitch Bestandteil der Maschinenangst, ein Anzeichen dafür, dass irgendwo irgendwas schiefgelaufen ist. Diese eingebaute technologische Angst davor, dass etwas schiefgegangen ist fließt ganz natürlich über, wenn uns Glitches AFK, away from keyboard, abseits unserer Tastaturen, begegnen: ein Automotor gibt den Geist auf; man bleibt in einem Lift stecken; Stromausfall in der ganzen Stadt.

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In Glitch Feminismus wird der Glitch als eine Fortbewegungsform der Verweigerung gefeiert, als Strategie der Nichterfüllung. Der Glitch zielt darauf ab, etwas wieder abstrakt zu machen, was einem unbehaglichen und unzureichend definierten Material aufgezwungen wurde: dem Körper. In Glitch Feminismus betrachten wir die Idee von Glitch-als-Fehler mit ihren Ursprüngen im Reich des Maschinellen und des Digitalen, und überlegen, wie sie neu angewendet werden kann, um einen Einfluss auszuüben auf die Art, wie wir die Welt AFK sehen, und Arten zu formen, auf die wir in ihr teilnehmen können und mehr Handlungsspielraum für und durch uns selbst entwickeln. Glitch Feminismus lässt das Internet als kreatives Material auf die Welt los, und schaut zuerst durch die Linse von Künstler:innen, die in ihrer Arbeit und ihrer Forschung diesem bedrängten Material Körper Lösungen anbieten. Der Prozess der Materialwerdung bringt Spannungen an die Oberfläche und führt uns zu der Frage: Wer definiert das Material des Körpers? Wer gibt ihm Wert – und warum?

Glitch ist ein Gebet, ein Ruf zur Tat.

Diese Fragen sind herausfordernd und unangenehm. Sie zwingen uns, sich dem Körper als strategischem Rahmen gegenüberzustellen, einem, der oft einer Zweckbestimmung gehorcht. Und doch bleibt in dieser Linie der Fragestellung Glitch Feminismus eine Vermittlung des Begehrens, für all jene Körper wie meiner, die nachts im Internet die Passage ins Erwachsenendasein navigieren. Glitch erkennt an, dass gegenderte Körper weit davon entfernt sind, absolut zu sein, sondern imaginär, fabriziert und warenförmig gemacht, um Kapital zu erwirtschaften. Glitch ist ein Gebet, ein Ruf zur Tat, während wir auf fantastisches Versagen zulaufen, uns von einem Verständnis von Gender als etwas Statischem loslösend.

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Als Glitch Feminist:innen ist das unsere Politik: Wir weigern uns, in die hegemoniale Linie eines binären Körpers gehauen zu werden. Dieses kalkulierte Versagen ruft einen gewaltigen Schluckauf, ein Seufzen und Schaudern und Puffern der gewalttätigen soziokulturellen Maschine hervor. Wir brauchen einen neuen Rahmen, und für diesen Rahmen wollen wir eine neue Haut. Die digitale Welt bietet einen möglichen Ort, wo sich das ausfalten kann. Durch das Digitale bauen wir neue Welten und trauen uns, die eigene zu verändern. Durch das Digitale findet der Körper “im Glitch” sein Werden. Den Glitch zu mögen ist daher ein Akt der Teilnahme, die den Status Quo attackiert. Es erzeugt eine Heimat für die, die auf verschlungenen Kanälen durch die genderliche Diaspora reisen. Der Glitch ist für jene Selbste, die freudig im Dazwischen baden, die von der ihnen zugeteilten Stelle genderlicher Zugehörigkeit abgereist sind. Die bestehende Anwesenheit des Glitch erzeugt einen willkommenen und geschützten Raum, in dem man Neues ausprobieren kann. Glitch Feminismus verlangt ein Besetzen des Digitalen, als einer Methode des Weltenbaus. Wir können dadurch Gelegenheiten ergreifen und neue Ideen und Ressourcen hervorbringen für die permanente (R)Evolution der Körper, die unvermeidlich sich bewegen und schneller sind als AFK Sitten oder die Gesellschaften, die sie produzieren, und denen wir offline unterworfen sind.

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Auszug aus “Glitch Feminismus” von Legacy Russell. Das Buch erscheint im März bei Merve in der Übersetzung von Ann Cotton.

Am 24.3. findet im Rahmen von “Spy on Me #3” eine Diskussionsveranstaltung mit Legacy Russell und Margarita Tsomou statt.

Festivalprogramm “Spy on Me #3 – New Communities”