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KEEP IT REAL

Text: Luise Meier

“More than anything the films and the posters should serve to cause an interruption, a pause for thought and perhaps, in some small way, deliver a HAU moment that acts as an open invitation to the viewer.” @newfrontears
Den folgenden Text schrieb die Autorin Luise Meier im Auftrag des HAU Hebbel am Ufer, begleitend zur aktuellen Film- und Plakat­kampagne “KEEP IT REAL” des HAU.
KEEP IT REAL! Ein reichlich konservativer Aufruf, möchte man meinen. In Zeiten von Fake News, TV-Star-Politik und anonymer Onlinehetze scheint der  “Keep it real!” wie ein sehnsuchtsvoller Apell, einen Schritt zurück zu machen, von den Screens wegzutreten und in der “wirklichen” Welt als authentisches Selbst gewichtige Handlungen zu tätigen. Dazu kommt das schöne Wort “keep”, das nicht irgendetwas Neues fordert, sondern auf die Bewahrung eines schon Bestehenden pocht. Bei einer solchen gewohnheitsschmeichelnden Interpretation aber kann es nicht lange bleiben, denn die Avatare, die untrennbar mit dem Slogan an der steinernen Hauswand verklebt und im Videoclip verschnitten sind, beanspruchen dieses Realsein, das von den Betrachter*innen gefordert wird, zuerst einmal für sich selbst.

KEEP IT REAL! War lange der Spruch, der die Hochstapler*innen und Poser*innen traf, diejenigen, die sich ihrer Herkunft, ihrer Defizite, ihrer Schwächen, ihres Andersseins, ihrer Ohnmacht schämten und die bemüht waren, eine Scheinfigur zu performen, eine Maske, die ihren vermeintlichen Ursprung vergessen machen sollte. Nun dreht sich der Slogan in seiner Verschwisterung mit den Avataren plötzlich um. Die Blickrichtung verläuft nicht länger von der realen Welt zum Bildschirm. Der Bildschirm schaut fragend zurück.

KEEP IT REAL! Du bist die Maske, du bist erfunden, du bist produziert und eingepreist, du bist performt, du bist industriell gefertigt, du bist digital verkabelt, algorithmisch ausgerechnet und statistisch erfasst. Die Behauptung der Authentizität, der Echtheit, der Ursprünglichkeit, der Natürlichkeit, ja selbst einer möglichen Flucht in die Offline-Existenz wird selbst zum Fake, zur Pose, zur Maske, die die eigene gesellschaftliche Gemachtheit und Verkabelung verdecken soll. Authentizität wird zum Aufdruck einer biederen Almkulisse auf der plastikbeschichteten Verpackung der längst industriell gefertigten Milch. In der Fokusgruppe hat sich gezeigt: Die überwältigende Mehrheit der Befragten reagierte positiv auf hyperrealistisch aufgepimpte Bilder nostalgischer Landidylle. Das ist freilich peinlich. Wer will schon den eigenen Willen, das eigene Begehren als Produkt der Marktforschung entlarvt wissen? Und plötzlich ist hier doch wieder eine Herkunft, eine Bedingtheit getroffen, die Scham hervorruft. 

KEEP IT REAL! heißt auch, den Konflikt nicht zu scheuen und den Tatsachen ins Auge zu blicken, die man nicht sehen will. Tatsache ist: Wir leben im digitalen Zeitalter, es gibt kein Zurück, keine Vollbeschäftigung, keine natürliche Lebensweise, keine ethnisch, geschlechtlich oder genetisch versicherte Zugehörigkeit. “Keep it real!” meint also kein Reinheitsgebot, sondern die Anerkennung der Unreinheit und technisch-sozial-ökonomischen Verstrickung als materielle Basis, von der ausgehend wir zur Frage der genussvolleren Formation der Gesellschaft oder eben der Verstrickung kommen.

KEEP IT REAL! sagen auch Marx und Engels im Kommunistischen Manifest, wo es über den Kapitalismus heißt: “Alle festen eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen werden aufgelöst, alle neugebildeten veralten, ehe sie verknöchern können. Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen.” Apropos Marx: Fällt, nüchtern besehen, die Unterscheidung von virtueller und realer Produktion weg, wird klar, dass die mit uns verwobenen Avatare – unsere avatarischen Teile – im Netz reichlich unbezahlte Arbeit verrichten. Jeder Klick, Like, Post und Wisch übersetzt unser Mitteilungsbedürfnis, unsere Aufmerksamkeit, unsere Erregung, unser Engagement, unsere Geselligkeit, unsere Wünsche und Interessen in die Profite und den Machtzuwachs internationaler Tech-Riesen.   

KEEP IT REAL! Der nüchterne Blick erzeugt ein Moment des Ertapptwerdens, des Unwohlseins, der Fragwürdigkeit, das sich nicht durch die Bedienung eines Smartphones, die harte Arbeit am Selbst oder den Entzug überwinden lässt. Das spiegelt sich in den unbeholfenen Gesten und Mimiken unserer avatarischen Geschwister. Sie wissen noch nicht so richtig, wie sie mit einer Welt interagieren sollen, die sich über ihre Realness, über ihre Abgrenzung zum Virtuellen, zum Imaginären definiert. In den wackligen, geloopten und von Treppeneffekten gezeichneten Bewegungen der Avatare erkennen wir jene Unbeholfenheit wieder, die wir im alltäglichen Zusammenstoß mit der Ordnung der Wirklichkeit erfahren, die immer mehr in der Alternativlosigkeit vermeintlicher Realpolitik erstarrt. Wer sagt, dass Avatare bruchlose Perfektion performen müssen? Dass sie unsere Defizite, unser Scheitern im Angesicht des Leistungs- und Selbstoptimierungswahns kompensieren müssen? Wo sind die faulen, die stinkenden, die hinkenden, die in Gedanken versunkenen, die betrunkenen, die halbfertigen, die streikenden, die erschöpften, die hilflosen, die überflüssigen, die deplatzierten, die arbeitslosen Avatare? 

KEEP IT REAL! Wir “echten” Menschen sind unauflöslich mit verschiedensten avatarischen Wesen verklebt und verschnitten. Es gibt keine Trennung mehr zwischen real und irreal, zwischen Künstlichkeit und Natürlichkeit, zwischen variablem und konstantem Kapital, Mensch und Maschine. Es gibt keine Mauer, keine Schranke zwischen realer und virtueller Sphäre, die die eine Seite von den Wirkungen, den Schulden, den Verletzungen, den Profiten, der Macht der anderen abschirmen könnte.

KEEP IT REAL! This is really unreal, you are unreal, we are unreal. The unreal is real – deal with it! In Wirklichkeit ist die Wirklichkeit peinlicher Weise unwirklich und die Unwirklichkeit wirklich. Die Behauptung, authentisch zu sein, ist nicht mehr authentisch und schon sind wir mitten im Paradox unserer Gegenwart und damit im Theater angekommen. Wo der Bruch mit der Realität und die Einführung des Imaginären das  Unerhörte, Unglaubliche und Unwirkliche der Wirklichkeit und die Wirklichkeit des Unwirklichen sichtbar, hörbar und erfahrbar werden lässt. Wo sich die wirkliche Unwirklichkeit mit der unwirklichen Wirklichkeit zu Gestaltungsmasse verpaart.

So what now? Der hoffnungsfrohe Ausblick ist, dass das Manipulierbare, Unwirkliche der Wirklichkeit ihre politische und künstlerische Veränderbarkeit anzeigt und die Frage dahin verschiebt, ob und wie die Unwirklichkeit als eine lebbarere, genussvollere Wirklichkeit zu gestalten, zu programmieren, zu produzieren, zu imaginieren und zu manipulieren wäre. Mit Avataren verschwistern wir uns nicht im Festhalten an einem unzweifelhaften Ursprung oder an einem ab- und eingrenzbaren Status Quo, sondern im Hinblick auf die Möglichkeit zukünftiger Veränderung.

KEEP IT REAL!: Nur weil wir nicht real sind, heißt das nicht, dass wir nicht effektiv sind!

Luise Meier lebt und arbeitet als freie Autorin, Dramaturgin und Servicekraft in Berlin. Im Februar 2018 ist ihr Buch “MRX Maschine” bei Matthes & Seitz Berlin erschienen.
Idee, Konzept, Gestaltung der Kampagne: @newfrontears. Gestaltung & Layout: Jürgen Fehrmann / HAU Hebbel am Ufer.