Ein Potenzial für Klassenkämpfe

von Bafta Sarbo

Alles Klasse? In der Spielzeit 2023/24 beschwört das HAU Hebbel am Ufer mit künstlerischen Arbeiten und Diskursveranstaltungen das gute Leben für alle. Die Autorin Bafta Sarbo gibt uns hier einen Einstieg ins Thema und erklärt, warum es beim Begriff Klasse nicht nur um eine individuelle Frage der sozialen Herkunft geht, sondern um die gesamtgesellschaftliche strukturelle Verteilung von Eigentum.

Lange Zeit galt das Sprechen über Klasse und Klassengesellschaft als überholt, doch in den letzten Jahren können wir eine Wiederkehr der Debatten beobachten. In der Soziologie und in öffentlichen Diskussionen schien es Konsens zu sein, dass ökonomische Klassenbeziehungen die sozialen Probleme der Gegenwart nicht erklären können. Der Kapitalismus galt insbesondere nach dem Ende des Kalten Krieges nicht nur als alternativlos, man glaubte lange, die damit verbundenen sozialen Probleme überwunden zu haben. In der neoliberalen Erzählung lag die Verantwortung für Armut im Familiären und Privaten sowie beim Individuum und galt nicht als systemisch. Das änderte sich mit der Finanzkrise 2008, die die Kapitalismuskritik wieder popularisierte. Mittlerweile sind über die Hälfte der Deutschen der Meinung, dass der Kapitalismus mehr schadet, als dass er hilft. Nicht zuletzt die deutsche Veröffentlichung von Didier Eribons “Rückkehr nach Reims” 2016 entfachte in deutschen Feuilletons ein neues Interesse für den Begriff Klasse. Interessant ist jedoch, wie über Klasse gesprochen wird, denn der Diskurs konzentrierte sich auf unmittelbare lebensweltliche Erfahrungen von Armut im Alltag und individuelle Aufstiegsbiografien. Damit bricht er aus der neoliberalen Erzählung nicht aus, denn er verkennt die systemische Ebene. Aber was hat Klasse eigentlich mit Armut zu tun? Wieso können wir eine Gesellschaft ohne sie nicht verstehen? Und wieso greift die aktuelle Debatte viel zu kurz?

Um zu begreifen, wieso wir ohne einen fundierten Klassenbegriff nicht auskommen, lohnt es sich, die Klassentheorie des berühmtesten Klassentheoretikers Karl Marx zu betrachten. Im Kapitalismus stehen sich zwei Klassen gegenüber: Die Arbeiter*innenklasse und die Kapitalist*innenklasse. Das heißt nicht, dass es im Kapitalismus nicht noch andere Klassen gibt, sie spielen im Produktionsprozess aber eine untergeordnete Rolle. Arbeiter*innen sind im Kapitalismus besitzlos, das heißt, sie sind gezwungen, ihre Arbeitskraft wie eine Ware auf dem Markt zu verkaufen. Dadurch, dass die Arbeit mit einem Lohn bezahlt wird, entsteht der Eindruck, man würde für seine geleistete Arbeit, zum Beispiel für ein hergestelltes Produkt, und nicht für die Arbeitskraft bezahlt werden. Es ist also nicht unmittelbar offensichtlich, dass es sich hier um ein Klassenverhältnis auf Basis von Ausbeutung handelt und nicht um einen fairen Tausch. Der Lohn, den die Arbeiter*innen ausbezahlt bekommen, ist daher nicht die Auszahlung des Wertes, den sie produziert haben, sondern bemisst sich durchschnittlich an dem, was zur Reproduktion der Arbeitskraft nötig ist. Der Wert, der darüber hinaus produziert wird und nicht in den Lohn eingeht, ist der Mehrwert, den sich Kapitalist*innen aneignen. In angehäufter Form wird dieser Mehrwert zu Kapital. 

“In der neoliberalen Erzählung liegt die Verantwortung für Armut im Familiären und Privaten und gilt nicht als systemisch.”

Die kapitalistische Klassengesellschaft beruht auf der Trennung der Menschen in zwei Klassen: Diejenigen, die Produktionsmittel besitzen und die, die nichts besitzen. Damit ist Armut nicht einfach ein Resultat aus der Unterdrückung oder Diskriminierung der Arbeiter*innenklasse im Kapitalismus, sondern die Voraussetzung dafür, dass die Arbeiter*innenklasse als solche überhaupt existiert. 

Besitz von Kapital ist zwar ausschlaggebend, um zu definieren, wer zu welcher Klasse gehört, sollte aber nicht einfach als Besitz von Geld verstanden werden. Die immer neue Investition von Kapital sorgt auch dafür, dass dieses Klassenverhältnis sich innerhalb des Kapitalismus ständig reproduziert. So sehen wir auch, dass die politischen Interessen der Klassen nicht nur verschieden sind, sondern sich unmittelbar gegeneinander richten. Daraus ergibt sich die Logik des Klassenkampfes. Was sich allerdings nicht zwangsläufig daraus ergibt, ist eine Identifikation des Individuums mit der Stellung in der Gesellschaft. Denn heutzutage ist es nicht mehr üblich, seine Identität über die Klassenzugehörigkeit zu definieren. Dieses Verschwinden eines Klassenbewusstseins ist wiederum nicht gleichbedeutend mit dem Verschwinden der Klassen, denn an der Art, wie Reichtum angehäuft und verteilt wird, hat sich wenig geändert.

Klassengesellschaften entwickelten sich vor mehreren tausend Jahren. Die Arbeitsteilung zwischen Produktion und Reproduktion war Grundlage für die Entstehung des Patriachats und der Verbannung der Frau in die häusliche Sphäre. Die Frage, wie gesellschaftliche Reproduktion organisiert wird, ist auch heute noch zentral, denn die Arbeitskraft, mit der Kapital produziert wird, muss immer gewährleistet sein. Wenn wir uns die meisten Gesellschaften global anschauen, können wir sehen, dass reproduktive Aufgaben wie Kindererziehung und Hausarbeit, also Arbeiten, die die Aufrechterhaltung und ständige Zufuhr von Arbeitskraft gewährleisten, vergeschlechtlicht organisiert sind. Es sind vor allem Frauen, die diese Arbeit sowohl in der häuslichen Sphäre als auch in Form von Lohnarbeit leisten. Sie sind dabei in der Regel unter- oder unbezahlt und leben häufig in allgemein prekären Verhältnissen, die oft auch mit unsicheren Migrationsbedingungen verbunden sind. Die asymmetrischen Entwicklungsbedingungen unterschiedlicher Länder auf dem Weltmarkt in Folge des Kolonialismus und der anhaltenden imperialistischen Ausbeutung sorgt auch für eine ungleiche Arbeitsteilung unterschiedlicher Länder auf dem Weltmarkt. Der Reichtum der kapitalistischen Warenproduktion, der global hergestellt wird, konzentriert sich vor allem in industriellen Zentren wie Europa. In diesem Zusammenhang hat Rassismus innerhalb der globalen Produktionsverhältnisse, aber auch innerhalb von nationalen Kontexten als Herrschaftsinstrument die Funktion, mithilfe rassistischer Zuschreibungen Menschen gesellschaftliche Positionen zuzuweisen. Identitäten gelten als starr und eine Abweichung von der Norm und damit eine Nicht-Identifikation mit zugeschriebenen Kategorien wird mit Ressentiments bestraft, weil sie vermeintlich oder real die Organisation der Gesellschaft in Frage stellt. 

“Heutzutage ist es nicht mehr üblich, seine Identität über die Klassenzugehörigkeit zu definieren.”

In den vergangenen Jahren wurden unter Überschriften wie “Klassenpolitik vs. Identitätspolitik” beide Bereiche gegeneinander ausgespielt. Es reicht allerdings nicht aus, darauf zu bestehen, dass alle Diskriminierungsformen gleichermaßen bedeutsam sind. Klasse als weiteren Identitätsmarker neben Rassismus und Gender aufzuzählen, wie es in Klassismusdebatten häufig der Fall ist, greift zu kurz. Klasse hingegen im Kontext von Arbeitsteilung und Eigentumsbeziehungen zu verstehen, bedeutet auch, dass wir sehen können, welches Potenzial feministische, queere und antirassistische Kämpfe im Kapitalismus haben. 

In diesem Sinne versammelt sich unter dem Begriff Klasse nicht einfach eine Identität mit einer kohärenten Erfahrungswelt. Klasse ist das gesellschaftliche Verhältnis, das die Produktion und Anhäufung von Kapital gewährleistet. Dass uns Klasse aber doch als Identitätsmerkmal erscheint, liegt daran, wie Identitäten in der Moderne funktionieren. In der bürgerlichen Gesellschaft wird Tätigkeit in der Regel in Kategorien dargestellt und so zu einer festen Eigenschaft von Menschen oder Gruppen gemacht. Das lässt sich gut an unterschiedlichen Identitätsmerkmalen verdeutlichen. Während zum Beispiel queere – das heißt in diesem Fall von der Heteronormativität abweichende – Sexualität im europäischen Mittelalter noch als Sodomie (etwas, das man macht) galt, wird sie heutzutage als Homosexualität (etwas, das man ist) gedacht. Ähnliches lässt sich an bestimmten Formen von Rassismus beobachten, bei dem globale und nationale Arbeitsteilung in Hautfarben, Kulturmerkmalen etc. verschleiert wird. Immanuel Wallerstein bezeichnete Rassismus einst treffend als “die Ethnisierung der Arbeiterklasse”. Ebenso in patriarchalen Verhältnissen, bei dem das Verhältnis von Produktion und Reproduktion als Verhältnis zwischen Mann und Frau verdinglicht wird. Im aktuellen Diskurs um Klasse lässt sich genau diese Verdinglichung einer Klassenidentität beobachten, bei der Klassenidentitäten wie “Arbeiterkind” nicht unbedingt Ausdruck einer tatsächlichen Zugehörigkeit zur Arbeiter*innenklasse sind, sondern in der Regel von Menschen getragen werden, die z.B. einen Klassenaufstieg erfahren haben und deshalb selbst eben keine Arbeiter*innen sind.

“Klasse ist das gesellschaftliche Verhältnis, das die Produktion und Anhäufung von Kapital gewährleistet.”

So sind Kapitalist*in und Arbeiter*in nicht einfach Identitäten, die durch den Besitz oder Nicht-Besitz von Geld charakterisiert werden. Sie stehen vielmehr in einem Verhältnis zueinander, bei dem der Reichtum der*s einen durch die Armut und Enteignung der*s anderen begründet ist. Deshalb beendet Marx “Das Kapital” mit den Ausführungen zur sogenannten ursprünglichen Akkumulation, die den historischen Vorgang beschreibt, bei dem die Arbeiter*innenklasse durch die systematische und gewaltsame Trennung von ihren Produktionsmitteln als solche erst hergestellt werden musste. Der relevante Aspekt ist hierbei, dass diese Eigentumslosigkeit der Arbeiter*innenklasse nicht nur Resultat, sondern Voraussetzung für dieses Verhältnisses zwischen Kapital und Arbeit ist. Brecht fasste diesen Umstand 1934 treffend zusammen: “Reicher Mann und armer Mann standen da und sah’n sich an. Und der arme sagte bleich, wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.”

Daraus ergibt sich auch ein Potenzial für Kämpfe. Streik hat als Protestform eine besondere Kraft, weil die Tatsache, dass der Reichtum durch die Arbeiter*innenklasse produziert wird, auch bedeutet, dass sie eine spezifische Macht hat, um politische Forderungen durchzusetzen. So wird zum Beispiel den feministischen Protesten in Iran durch die Streiks der Arbeiter*innen eine besondere Schlagkraft verliehen. Schon 1978 war es der Streik der Arbeiter*innen in der Ölindustrie, die den Kämpfen gegen das Schahregime zum Erfolg verhalf. Und 1973 forderten bei Streiks in der deutschen Automobilindustrie migrantische und deutsche Arbeiter*innen ihre Gleichstellung und gleichzeitig mehr Bezahlung für alle. Durch übereinstimmende Interessen und Ziele konnten die Arbeiter*innen über ihre Unterscheide hinweg auf Basis der gleichen Klassenstellung gemeinsam kämpfen. Hier setzt auch der feministische Streik bzw. Frauenstreik an, der die Relevanz von Reproduktionsarbeit sichtbar machen will. Nicht zuletzt die Kampagne “Deutsche Wohnen und co. enteignen” in Berlin zeigte, dass es durchaus eine Mehrheit für kapitalismuskritische Ansätze geben kann. Dass sie von der Berliner Regierung nicht umgesetzt werden, beweist nur einmal mehr, wie wichtig es ist, neben Diskurspolitik – also Menschen von der guten Sache zu überzeugen – auch die Frage nach Macht zu stellen: Wie lassen sich politische Forderungen und Interessen tatsächlich realisieren? Wenn wir Klasse also nicht einfach als weiteres Diskriminierungsmerkmal verstehen, sondern als Ort, an dem Politik gemacht wird, können wir echtes politisches Potenzial entfalten und relevante Veränderungen erkämpfen.

Wem gehört die Welt? Eine Programmreihe zu Klassenverhältnissen
Spielzeit 2023/2024
 

mit Christiane Rösinger, Interrobang, Adrian Figueroa, Gob Squad, caner teker, Sheena McGrandles and friends u.a.