SISTER*QUEENS, das preisgekrönte Projekt des Kollektivs Peira und des Kollabo e.V., feierte im September mit einer explosiven Show und Party sein zehnjähriges Jubiläum im HAU2. Yara Haskiel war dabei.
Für die Geburtstagsparty kamen unter der künstlerischen Leitung von Alma Wellner Bou langjährige Partner*innen und neue Mitstreiter*innen zusammen. Die Rapper*innen Alice Dee, Haszcara, Leila Ey, Mc Josh und Mo Nita gestalten das Projekt seit Jahren aktiv mit. Eine neue Kollaboration mit dem 1986 gegründeten legendären Berliner Mädchenchor, der Musikschule City-West wie auch der Komponistin Sarah Taylor Ellis erweiterten die Strahlkraft der Sisterhood. Dabei wurden feministische Ansätze mit Hip-Hop gesampelt und gleich zum Auftakt binäre Vorstellungen von Geschlecht auf der Projektionsleinwand in der hohen Saaldecke des HAU 2 zum Verschwinden gebracht. Das Ganze lebte vom Zusammen Sprechen, Schreiben, Rappen, Beats testen und Tanzen.
Das Sampling im Hip-Hop besteht darin, bestehende, geliehene und selbstkomponierte Soundsequenzen an analogen wie digitalen Plattentellern ineinander zu verschachteln.
Daraus entstehen am Misch- und DJ-Pult Montagen aus Beats mit Techniken der Improvisation. Varianten eines Tracks sind in Livesettings ein Spiel aus Wiederholung von Passagen, Auslassung und Anhalten von Strophen, sowie Highlights in laut und leisen Verstärkungen von Textpassagen. Sound wird im Sampling zur Collage, die simultan wie a-synchron rhythmische Zeitzonen bilden. Es entstehen Varianten des Referenziellen in der Montage, durch einerseits dem ausgewählten Material, sowie dessen Aktivierung in der Performance in Relation zum Kontext des Publikums. Als Kulturtechnik ist Sampling eine faszinierende Form des Kombinierens mit zeitbasierten Medien.
An dem Abend wurden alle im Raum Anwesenden mitbewegt und somit Teil des “Movements” einer, wie SISTER*QUEENS claimen, intersektionalen feministischen Jugendbewegung, gewachsen an der Schnittstelle zwischen Kunst, Kultur und kultureller Bildung. Der Andrang war groß, die Performances wurden zweimal nacheinander im ausverkauften Saal gezeigt.
Während sich die Songs, Dance Battles und Karaoke vor der Leinwand zwischen DJ-Pult und Geige in einem Lineup als Choreografie zusammenfügten, füllte sich der glitzernde, mit Bannern geschmückte Saal mit einem gewachsenen Netzwerk. Zelebriert wurde das Projekt als Bewegung für Schwesternschaft, (Wahl-) Familie, mit Freund*innen und Kin. Dabei war das Publikum dazu animiert, ihre Körper zu bewegen und ihre Positionen im Raum zu wechseln. Mal stehend oder sitzend, den Hocker wechselnd, wurde beim Social Dance gemeinsam choreografiert getanzt, oder die Tribünentreppe besucht und im Kreis mitgeklatscht.
SISTER*QUEENS besteht aus multitalentierten Akteur*innen, die wie Wahlgeschwister, Mentor*innen, Künstler*innen und Pädagog*innen im intergenerationellen Netzwerk zusammenarbeiten. Während der langjährig gewachsene Kooperation mit dem HAU und der Dramaturgin Stella Konstantinou, wurde das Haus immer wieder zur Disco und Powerhaus für Mädchen, trans, nicht binäre und agender Personen und Frauen.
Die smarte und bissige Moderation von Leila Ey und Faseeha zog generationsübergreifend die Mitfeiernden in ihren Bann. Die Schönheit und Wahrheit der Mädchen und Jugendlichen, wiederholten sie simultan wie im Ritual- im Refrain ihrer gewachsenen Community, sie stand für ein heterogenes Band des Zusammenhalts.
“Simultaneously we look up to the sky, simultaneously we will ask each other why,
simultaneously we …”, ich erinnere mich an einen Song der New Yorker queeren Ikone der Riot-Grrrl-Bewegung, JD Samson mit der Band Men. An diesem Abend schaffte der B-Girl Battle eine euphorische Ansteckung mit Breaking als Haltung. Alle tanzten im Kreis und feuerten sich gegenseitig an.
“Loyalität zu Sisterhood”, wie es in einem der Ursprungssongs des Projektes heißt, bedeutet für die Gruppe Zusammenhalt in einer Gesellschaft, in der Sexismus und Rassismus sowie Konkurrenz und Ungleichheit ständig produziert und reproduziert wird. Fernab des bürgerlichen Gemütlichkeitsjargon sind die beiden Moderatorinnen schon seit 2016 dabei. “Am Anfang”, kommentierten sie, “gab es nur zwei zwei Boom Boxen. Und wo sind wir jetzt? Bei Rap und Breakdance zu Cello und Geige auf der großen Bühne”.
Königin, Butch, Prinzessin und Hexe sein, ob monströs, vampiresk oder im Sci-Fi-Outfit. Die Reime der SISTER*QUEENS erinnern an Genres wie den Conscious Rap, der als Teil von Hip-Hop und Breakdance im Zuge der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung entstanden ist. Der Style, der unter anderem maßgeblich von der in Südafrika geborenen US-amerikanischen Musikerin und Underground-Szene-Rapperin Jean Grae mitgeprägt wurde, vereint autobiografische Reflektion mit Sozialkritik und Erfahrung von Mehrfachzugehörigkeit und -Diskriminierung. Engmaschige Zuschreibungen von stereotyp kategorisierter Identität, Zugehörigkeit und Differenz wird analysiert, dabei dominanz-gesellschaftlich verengten Vorurteilen die kalte Schulter gezeigt. Conscious Rap wird weiterhin weltweit in Vorstädten und Banlieues adaptiert, dabei samplen sich die SISTER*QUEENS Gehör mit einer Berliner Crème de la Crème fantastischer Rapper*innen und Breaker*innen.
Aber die Role Models der Role Models und Peers des Samplings von Subkulturen der sogenannten Underdogs und Cats sind natürlich in Deutschland über Generationen mit den Stimmen der Kinder und Enkel der Gastarbeiter*innen anders als in den USA gewachsen. In Berlin ist beispielsweise Aziza A. ein wichtiges Sister-Vorbild für türkisch-deutschen Rap. Von Bedeutung war dabei ihr Album “Es İst Zeit Albüm” (1997). Eine weitere wichtige Stimme sind die Bremerin Lady Bitch Ray aka Reyhan Şahin und Ischen Impossible aus Düsseldorf. Nicht zuletzt fand vor allem in Wedding und in Kreuzberg Communitybuilding nach dem Vorbild der Hip-Hop-Kultur statt.
Prägend war damals der Breakdance-Film “Beatstreet” von Stan Lathan (1984), sowie die aufkommende Politisierungswelle im Rap gegen den Rassismus in den 1990er Jahren. Während der faschistischen Hetze in den Medien, von Parteien über organsierte Burschenschaften und wie Neonazi-Gruppen, bis der rohen Gewalt auf den Straßen mit Pogromen in Rostock, Mölln und Lichtenhagen spielte Conscious Rap eine eine zentrale Rolle in den deutschsprachigen Landschaften. Darin wurden Themen zu Minoritäten-Bashing, Asyl-, Doppelpass, und toxischen Migrationsdebatten aufgegriffen und den de-politisierten Deutschrap-Formaten mit “Schwarzkopf-Attitude” (Güngör & Loh, 2002) einiges an Rap von Bremen, Hamburg, Berlin und dem Ruhrgebiet und bis Stuttgart und darüber hinaus entgegengesetzt.
Über bürokratische Hürden hinweg beindruckte an diesem gelungenen Abend die Kooperation mit kriminalisierten jungen Frauen, die in der JVA eingesperrt sind. Der 2000er-Style der zwei aufgeführten Stücke in reduzierten minimalen Beats ähnelte dem ehemals populären Song “Keine ist” von Sabrina Setlur. Der Mädchenchor gruppierte sich zu den Musikvideos auf der Leinwand im langstreckten Halbkreis und wurde zum Echo, zur Amplifizierung der Subjektivität zwischen Resilienz und Melancholie. Zeilen der Sisters* hinter Gittern mit verdecktem Gesicht reimten am Anfang und zu Ende des Abends. Ihre Stimmen bildeten die Klammer des Jubiläums. Sie erzeugten starke Emotionen und kollektive Resonanzen. Die Message ist unverblümt: Sisterhood steht für Empathie und das aktive, wache Füreinander-Einstehen. Die Kulturtechniken des Samplings im Zusammenspiel mit Performance wurden hier zu Bausteinen sozialen Begehrens – Queen Consciousness in actu.
Oktober 2026