Digitale Theaterkunst auf und mit Social Media im größten Theater unserer Wirklichkeit, dem World Wide Web – das ist das Markenzeichen von onlinetheater.live mit seinen drei Künstler*innen Kathi Kraft, Luzia Oppermann und Caspar Weimann. Damit erweitert das Kollektiv nicht nur den vorherrschenden Theaterbegriff, indem es digitale Logiken künstlerisch konsequent um-nutzt und das Netz zu einer Plattform für Gegenwartskunst um-funktioniert. Es interveniert mit künstlerischen Mitteln politisch-aktivistisch gegen Gewaltspiralen und zunehmende Radikalisierungen und Hetze im digitalen Raum und formuliert – so empathisch wie effektiv – Gegenerzählungen zu den dominierenden Erzählmustern unserer digitalen politischen und sozialen Gegenwart, die sich antidemokratisch aufgeladen hat.
Ob es um rechte Propagandastrategien, um antifeministischen Netz-Content oder um sich radikalisierende junge Männer im digitalen Raum geht – jedem Projekt des Kollektivs geht eine akribische Recherche voraus. Mit großer Ernsthaftigkeit, tiefem Interesse an den Positionen und Argumentationslinien anderer und mit der Fähigkeit, empathiebasiert genau hinzuhören, blickt das Kollektiv hellwach und kritisch auf die politisch und gesellschaftlich relevanten Gegenwartsnarrative und entwickelt für jeden recherchierten Inhalt unter großem künstlerischem Aufwand eine eigene aufwendig produzierte (digitale) künstlerische Form. Der Aufbau einer derart treffsicheren Expertise für digitale Theaterprojekte hat dem Kollektiv jahrelange intensive – aber auch prekäre – Vorarbeit abverlangt, voller Eigeninitiative und Engagement jenseits von Bezahlung, stützenden Strukturen und finanzieller Förderung. Damit teilen sie ihre Vorgeschichte mit sehr vielen qualitativ hochwertig arbeitenden Kollektiven, die Innovatives leisten, dies aber für lange Zeit unter prekären Arbeitsbedingungen tun. Und nicht alle werden entdeckt, so wie das onlinetheater.live, deren innovative Form der Gegenwartskunst so auch nur mit einem konsequent transdisziplinär zusammenarbeitendem, ständig seine Fähigkeiten erweiterndem Team möglich geworden ist.
Mit dieser komplexen Arbeitsweise verlässt das onlinetheater.live den angestammten physischen Theaterraum. Mit dem Einzug ins Digitale definiert das Kollektiv auch den namensgebenden Begriff der Liveness neu. Live ist nicht mehr unbedingt das, was in eben genau diesem Moment live gestreamt und damit aufgeführt wird, sondern live ist das, was die Zuschauenden in eben diesem Moment im Netz erleben und deshalb als live dargeboten empfinden. Dieser Umstand erschließt neue Zielgruppen für digitale Theaterformen mit aktivistischer und investigativer Ausrichtung, und schafft gleichzeitig eine vermeintlich individuellere Involviertheit der Zuschauenden ins performative Geschehen. Das ermöglicht neue (digitale) Erfahrungen und Gedankengänge, die online wie analog mangels Gelegenheiten und Willen, die eigene Bubble zu verlassen, so wahrscheinlich niemals stattgefunden hätten.
Die Projekte von onlinetheater.live mit künstlerisch-aktivistischer Ausrichtung erweitern gleichzeitig ihre künstlerischen Möglichkeiten also auch im Sinne politischer und demokratischer Bildung. Den formalen Einsatz der Kunstform Schauspiel revolutioniert das nicht grundlegend, wohl aber den Zweck des Schauspiels: Je nach Inhalt bestimmt die Zielgruppe die Art des Spielens und Sprechens, um die Zuschauenden der jeweiligen gesellschaftlichen Sphäre zu erreichen und dazu zu bewegen, sich neuen Inhalten und Perspektiven auszusetzen und diese emotional und kognitiv zu reflektieren. Dafür bedienen sich die jeweiligen Schauspielenden stets eines sehr “persönlichen”, direkten Tons der Ansprache in einer für die jeweils Angesprochenen typischen Sprechweise und aktivieren so zu wachem Zu- und Hinhören.
Das onlinetheater.live steht damit für ein Theater, das im digitalen Raum voneinander separierte gesellschaftliche Sphären mit künstlerischen Mitteln neu zueinander in Beziehung setzt und kommunizieren lässt und damit versucht, Prozesse der orchestrierten gesellschaftlichen Radikalisierung durch positive Gegenerzählungen subversiv zu unterwandern, zu stören und ihnen etwas Positives für das Zusammenleben aller entgegenzusetzen. Das durch diese künstlerische Praxis angesammelte Wissen stellt das Kollektiv mit dem ausdrücklichen Aufruf, diese Erzählstrategien nachzumachen, um sich radikalisierenden Kräften im digitalen Raum die Stirn zu bieten, allen Interessierten zur Verfügung.
Gesche Piening, Katja Huber und Elsa Büsing
im Namen der Künstlerischen Produktionsplattform von Gesche Piening