Im Rahmen von “Berlin bleibt! #5” zeigen wir zwei Tanzperformances am Mehringplatz, die sich auf unterschiedliche Arten dem öffentlichen Raum nähern: “Apaches” von Saïdo Lehlouh ist ein Projekt, das sich mit kollektiven Praktiken, Hip-Hop und Formen der Sichtbarkeit auseinandersetzt und gemeinsam mit Tänzer*innen und bewegungsbegeisterten Menschen seit 2018 immer wieder neu entsteht. Das von Lavinia Vago initiierte partizipative Format “Dance Church” bringt seit 2010 Menschen unabhängig von ihrer Tanzerfahrung zusammen und bewegt sich an der Schnittstelle von Gemeinschaft, Ritual und Workout. Ein Gespräch mit HAU-Kuratorin Petra Poelzl über die Regeln des Zusammenkommens im öffentlichen Raum, eine Neudefinition des Begriffs “Institution” und darüber, dass Tanz eigentlich überall ist.
Petra Poelzl: Hallo Lavinia, hallo Saïdo. Wir freuen uns sehr, euch beide für dieses Interview zusammenzubringen. Es ist toll, dass ihr Teil unseres Festivals “Berlin bleibt! #5: Nachbarschaften in Bewegung” seid, das sich mit den Veränderungen in der Nachbarschaft des HAU auseinandersetzt, darunter der Mehringplatz und das neue Viertel am Halleschen Ufer. Saïdo, als ich dich das erste Mal angerufen habe, um über eine mögliche Ausgabe von “Apaches” am Mehringplatz zu sprechen, hast du sofort geantwortet: “Ja, Mehringplatz.” Ich hatte das Gefühl, dass dir der Ort vertraut ist. Darf ich genauer nachfragen?
Saïdo Lehlouh: Ich war 19 Jahre alt und studierte noch, als Niels “Storm” Robitzky zwei französische Performer*innen für ein französisch-deutsches Projekt gesucht hat – das erste künstlerische Projekt, an dem ich beteiligt war. Die Aufführung fand im HAU statt und die Proben in einem der HAU-Studios. Ich kam monatelang jeden Tag am Mehringplatz vorbei und blieb oft nach den Proben. Die meisten der anderen Tänzer*innen lebten dort mit ihren Familien – Menschen aus dem Libanon, aus Palästina und anderen Orten. Ein Teil des Projekts bestand darin, andere junge Menschen kennenzulernen, die Teil einer Diaspora sind und sich für die Hip-Hop-Kultur interessieren. Die mit ihrem eigenen Hintergrund Teil einer westlichen Gesellschaft sind – mit unterschiedlichen Kämpfen, aber auch gemeinsamen Fragen, vor allem als Teenager. Wenn du also vom Mehringplatz sprichst, versetzt mich das fast 20 Jahre zurück.
