Ali Chahrour

Porträt

Ali Chahrour arbeitet nicht an einem Theater, das die Welt erklärt. Jenseits schneller Statements und kurzer Aufmerksamkeitsspannen schaffen seine Performances Raum, um tiefer wahrzunehmen und zu bezeugen, was leicht übersehen wird: eine kleine Geste, eine Stimme, eine Schwere, einen Moment von Schönheit inmitten unsicherer Verhältnisse. 

Seine Bühnenästhetik ist reduziert und körpernah. Sie verbindet Tanz, Theater, Live-Musik und Licht zu konzentrierten Bildern von Trauer, Liebe und Widerstand. Körper erscheinen nicht als Zeichen, sondern als Träger von Leben, als Speicher von Erinnerung. Verlangsamung, Wiederholung und Stille geben ihren Bewegungen Zeit und Gewicht. Minimal und sinnlich zugleich wird die Bühne zu einem Ort, an dem Schmerz, Aufruhr und Unbehagen auf Ruhe, Zärtlichkeit und Trost treffen und an dem Menschen in ihrer Würde, ihrer Verletzlichkeit und ihrer Widersprüchlichkeit sichtbar werden.

Ali Chahrours international gefeiertes Werk ist alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Es trägt die Spuren einer Wirklichkeit, in der Kunst nicht aus Sicherheit entsteht, sondern aus Erfahrungen von Bindung und Verlust. 

Eine zentrale Quelle seiner Arbeit ist Beirut, die Stadt, in der er lebt. Chahrour beschreibt die Nachbarschaft, in der er aufwuchs, als dicht bevölkerte Umgebung voller Geschichten. Alltägliche Begegnungen, die Körpersprache der Menschen, ihr Humor, ihre Müdigkeit, ihre Sorgen und ihre Fähigkeit, schwierige Bedingungen zu überstehen, wurden Teil seines künstlerischen Archivs. Seine Arbeiten schöpfen aus dem gelebten Leben und aus dem, was in Häusern, Familien, Straßen und Körpern gespeichert ist.

Geboren wurde Ali Chahrour 1989 im Süden des Libanon. Das Heimatdorf seines Vaters ist bis heute besetzt. Die Familie zog nach Beirut, verarmte und musste sich neu sortieren. Zwei Geschwister gingen nach Europa, um Arbeit zu finden. Ali, der Jüngste, entschied sich als Einziger für die Kunst. Ein riskanter Weg für einen jungen Mann ohne Absicherung, der mit der Unterstützung seiner Mutter dennoch möglich wurde. An der Libanesischen Universität studierte er Theater und lernte, mit wenig auszukommen, Lösungen zu finden – mit Vorstellungsvermögen und Beharrlichkeit. Vor dem Studium war er nie im Theater gewesen. Erst dort entdeckte er seine Leidenschaft für Tanz.

Als künstlerisches Initiationsmoment lassen sich jedoch die schiitischen Trauerzeremonien begreifen, die Chahrour schon als junger Mensch miterlebte und aus denen er persönliches, kulturelles und körperliches Wissen zieht. Menschen versammeln sich, weinen, singen, sprechen und bewegen sich gemeinsam. Trauer zeigt sich als radikale Präsenz, als Gegenwart der Abwesenden in den Anwesenden, als Arbeit daran, Erinnerung lebendig zu halten. Die Beerdigung wird zu einer emotionalen Feier des Lebens, in der das Soziale, das Politische, Religion, Tabu, Liebe und Schmerz zusammenkommen. 

Seine Mutter gab ihm den Mut, anzufangen. Ali Chahrours erste Bühnenproduktion trägt ihren Namen: “Fatmeh” (2014). Sie bildet den Auftakt einer Trilogie über Tod und Trauerrituale. Eine andere Verwandte, Leila Chahrour, die als Klagesängerin (“pleureuse”) an Trauerfeiern mitwirkt, half ihm dabei, eine eigene zeitgenössische Bühnensprache zu finden. Ihr ist “Leila’s Death” (2015) gewidmet. In einer kleinen Handbewegung Leilas liegt die Intensität eines ganzen Lebens. Ihre Gesänge und Gesten prägen auch Ali Chahrours spätere Arbeiten, darunter eine Trilogie über Liebe, in der arabische Poesie, persönliche Geschichten, Körperwissen und politische Gegenwart ineinanderfließen. So verbindet “Told by My Mother” (2021) Familiengeschichte mit kollektivem Gedächtnis und erzählt von den Kämpfen und der Widerstandskraft von Müttern im Libanon. 

Seit 2024 hat sich die Ausgangslage für die Arbeit des Künstlers durch den erneuten Krieg verschoben: Mehrjährige Projekte, Tourneen und feste Abläufe sind in Beirut kaum noch planbar. Unsicherheit, wirtschaftlicher Kollaps und politische Gewalt verändern die äußeren Bedingungen sowie die innere Notwendigkeit der künstlerischen Arbeit. Chahrours Kunst lässt sich dennoch nicht auf eine Choreografie der Krise reduzieren. Sie bleibt konkret mit den Lebensrealitäten der Menschen verbunden, mit samt ihren finanziellen, sozialen und emotionalen Folgen. Diese Dringlichkeit prägt auch “When I Saw the Sea” (2025): Inmitten der Zerstörung erheben sich drei Frauen durch Tanz, Musik und autobiografische Erzählungen gegen die rassistische Ausbeutung von Hausangestellten im repressiven Kafala-System. Traurigkeit, Angst und Wut zeichnen diese Welten genauso wie die Sehnsucht nach Schönheit, nach Halt und gemeinsam verbrachter Zeit.

Ali Chahrour denkt Kunst daher nicht zuerst als Form, sondern als Beziehung. Seine künstlerischen Prozesse beginnen mit langen Gesprächen, gegenseitiger Wahrnehmung und Vertrauen. Er selbst steht nicht gern allein im Vordergrund. Immer wieder betont er die Menschen, die seine Arbeiten möglich machen und mittragen.

Ein idealer Tag beginnt für Ali Chahrour zu Hause in Beirut, in seiner Wohnung mit den Katzen. Ein Besuch bei seiner Mutter, ein gemeinsames Mittagessen, später Fernsehen. Ein umstandsloser Tag in der Nähe geliebter Menschen – jener, die geblieben sind. 

 

Maria Rößler

Biografie

Ali Chahrour ist ein libanesischer Choreograf und Tänzer. Er entwickelt eine Bewegungssprache, die sich von westlichen Codes und Modellen löst und seine kulturellen Wurzeln sowie den politischen, sozialen und religiösen Kontext, in dem er lebt, widerspiegelt. Seine Arbeiten verbinden lyrische Poesie, pure Emotionen und ineinander verschränkte Körper zu einem eindringlichen Gewebe menschlicher Verbundenheit. Chahrours Inszenierungen waren u. a. beim Festival d’Avignon sowie auf zahlreichen internationalen Bühnen zu sehen.

Produktionen