Petra Poelzl: Kubra, der nackte weibliche Körper ist auch in deinen Performances, Gemälden und Textilarbeiten zentral, oft verbunden mit Sinnlichkeit und Erotik. Du hast in deiner Arbeit vom weiblichen Körper nicht einfach als nacktem Körper gesprochen, sondern als freiem Körper. Was bedeutet diese Freiheit für dich, und woher kommt diese Sichtweise auf den weiblichen Körper?
Kubra Khademi: Wenn Menschen meine Kunst zum ersten Mal sehen, haben viele diesen ersten spontanen Impuls: “Ah, du kommst aus Afghanistan, wo die Taliban Frauen zwingen, Burkas zu tragen, und du willst sie befreien.” Und ich antworte: “Ich befreie Frauen nicht allein dadurch, dass ich Kunst mache – bis dahin ist es ein langer Weg.”
Als ich fünf oder sechs Jahre alt war, nahm meine Mutter meine vier Schwestern und mich mit, um ihre Mutter zum ersten Mal zu besuchen. In einem Hamam trafen wir auf viele Frauen und Kinder. Ich war so überwältigt, all diese Körper zu sehen, die sich umzogen, badeten und sich wie Schwestern verhielten. Nackte Frauenkörper hatten hier nichts Anstößiges, es gab keine Wertung durch den männlichen Blick. In diesem Raum lag etwas Göttliches. Als ich nach Hause kam, nahm ich mein Skizzenbuch und zeichnete diese Frauen. Und als ich fertig war, versteckte ich das Blatt unter dem Teppich. Vielleicht dachte ich, ich würde die Frauen so in Sicherheit bringen. Aber später fand meine Mutter die Zeichnung, als sie das Haus putzte. Und dann schlug sie mich.
Petra Poelzl: Um deine Familiengeschichte geht es häufiger in deinen Arbeiten. In deiner Serie “Giving Birth” stellst du immer wieder Frauen bei der Geburt dar.
Kubra Khademi: Als ich ein kleines Mädchen war, weinte ich einmal wegen einer Kleinigkeit, und meine Großmutter sagte zu mir: “Frauen weinen nicht, denn sie müssen auf jede Situation vorbereitet sein. Manchmal verlässt man morgens als eine Person das Haus und kehrt abends als zwei Personen zurück.” Damals habe ich das überhaupt nicht verstanden. Es hat viele Jahre gedauert, und ich musste viele Geschichten hören. Meine Mutter ist eine sehr gute Erzählerin, ebenso wie meine Großmutter. Beide sind Analphabetinnen, aber sie verspüren ein starkes Bedürfnis, Geschichten zu erzählen. Nachdem meine Großmutter geheiratet hatte, arbeitete sie weiterhin auf dem Feld. Als es so weit war und die Wehen einsetzten, zog sie ihre Hose aus, hockte sich hin, presste und brachte ihr Kind auf dem Feld zur Welt. Sie trennte die Nabelschnur mit ihrer Sense durch. Sie hatte zuvor einige Tücher vorbereitet, also wickelte sie das Kind ein, legte es beiseite und arbeitete weiter. Als sie an diesem Abend nach Hause kam, war sie zwei Personen. Und dann putzte sie das Haus, kochte Essen, backte Brot. Alle ihre Kinder brachte sie auf diese Weise zur Welt, auch meine Mutter.
In vielen meiner Zeichnungen ist eine stehende Frau zu sehen, die ein Kind zur Welt bringt. So erinnere ich an die Geschichte meiner Großmutter und die Art, wie ich aufgewachsen bin. Für mich ist es eine Entscheidung, keine Kinder zu haben, ich möchte meinen Körper ganz der Kunst widmen. Aber ich trage dieselbe Notwendigkeit in mir, über meine persönliche Geschichte zu sprechen. Ich habe das Glück, keine Analphabetin zu sein und sogar ein bildnerisches Talent zu besitzen. Als internationale Künstlerin habe ich die Verantwortung, über meine Vorfahren zu sprechen, aber auch über sexualisierte Gewalt und Gewalt innerhalb der Familie, obwohl damit so viel Scham verbunden ist. Mädchen wird so viel Scham eingeredet. Doch die Scham muss die Seiten wechseln – dafür liebe ich Gisèle Pelicot!
Petra Poelzl: Auch die Gedanken der Autorin Ece Temelkuran waren für die Konzeption des Festivals sehr wichtig. In ihrem Buch “Nation of Strangers” reflektiert sie darüber, wie Autoritarismus, Exil und die politische Situation dazu führen können, dass sich Menschen an Orten und in Gemeinschaften, die sie einst ihr Zuhause nannten, wie Fremde fühlen – geografisch, aber auch emotional und politisch. Ihr habt beide in verschiedenen Teilen der Welt gelebt und gearbeitet. Glaubt ihr, dass Kunst zu einem Ort der Zugehörigkeit werden kann, wenn man an dem Ort, aus dem man stammt, zur Fremden wird? Jolie, was bedeutet “zu Hause” heute für dich?