Spielplan

Against the Record

Mit: Quinsy Gario & Rudsel Martinus | Ligia Lewis
Im Rahmen von “Radical Mutation: On the Ruins of Rising Suns”

PerformanceTanz

Englisch / 

“Das Lachen vertreibt Furcht und Angst und Erfolgsgeschichten überwinden die Verzweiflung und schenken neue Hoffnung, und so erschufen auch die Schwarzen Menschen Erzählungen und Witze, Rätsel, Geschichten und Lieder, die ihr Denken veränderten, sodass sie ihr Da-Sein in der Welt zu ehren vermochten.”

(Zora Neale Hurston: “Mules and Men”, 1935, S. 64)

Der Abend zeigt die Bedeutung einer dekolonialen Erinnerung und liest dafür Archive und dominante Geschichte gegen den Strich. Der Film “Karneval 1983” (NL/CW 2020) von Rudsel Martinus enthält seltene Aufnahmen vom zweiten und letzten Karibischen Karneval in Utrecht 1983. Im Rückblick aus dem Jahr 2020 auf diesen Moment, zehn Jahre nach der Auflösung der Niederländischen Antillen als politischem Gebilde, eröffnet das Video die Vision einer dekolonialen Zukunft – eine, in der das Verhältnis zwischen den Inseln der Antillen nicht allein im Hinblick auf die niederländische Besatzung betrachtet wird, sondern auch die kulturellen Verbindungen und die Migrationsgeschichte in den Blick genommen werden.

Quinisy Gario ist ein Performancekünstler und Aktivist der Bewegung gegen den Zwarte Piet, die das allgemeine Verständnis der rassistischen niederländischen Figur des “Schwarzen Peters” kritisiert. In seiner performativen Praxis seziert er das Erbe der Niederländischen Antillen und präsentiert eine Strategie der Fürsorge für Schwarzes Leben in einer feindseligen europäischen Umwelt. Seine Performance beschäftigt sich mit der Art und Weise, in der städtische Traditionen des Schwarzen kulturellen Schaffens gedenken, und der Frage, wie Communities eine eigene Erinnerung aufbauen können, wenn die herrschende Gesellschaft sie übergeht.

Ligia Lewis ist Choreografin und Tänzerin. Durch Choreografien und eine Praxis des Embodiments entwickelt sie Ausdruckskonzepte, die Bewegungen, Sprache, Gefühlen, Gedanken, Beziehungen, Äußerungen und den tragenden Körpern eine Form verleihen. Ihr choreografisches Werk oszilliert zwischen dem Vertrauten und dem Unvertrauten. In ihren von einer Logik der Wechselbeziehungen, der Unordnung und des Spiels zusammengehaltenen Stücken erschafft sie Räume für das Entstehende und das Unbestimmte und wendet sich zugleich dem Alltäglichen zu. In ihrem Schaffen treffen klangliche und visuelle Metaphern auf den Körper, um dem Rätselhaften, Poetischen und Abweichenden Gestalt zu verleihen.

deader than dead von Ligia Lewis
“Die Fakten der eigenen Vergangenheit zu kennen heißt, nicht Teil dieser Vergangenheit zu sein.” –– Orlando Patterson, “Towards a future that has no past. Reflections on the Fate of Blacks in the Americas”, 1972

Den Anstoß zu “deader than dead” gaben ein Konflikt mit historischem Grund, die Auslöschung der Schwarzen und Konzepte eines linearen Fortschritts. Ausgehend von der Leerstelle, die für nichtwestliche Individuen die Geschichte ist, erschafft Lewis eine einzigartige Bühnensprache aus körperlicher Erzählung und schwarzem Humor, die mit/in den Grenzen der Repräsentation spielt. Formal lehnt das Stück sich als ausgedehnte Klage an die Alte Musik mit deren Lamentos und lyrischem Vokabular an. Als Antwort auf den Ausschluss aus der eigenen Vergangenheit nutzt Lewis einen abgedunkelten Raum als Schauplatz kritischer Dar- und Vorstellung. In einer Poetik des Nonsens, der Verzerrung und der Starre entwirft “deader than dead” eine Welt im Stillstand.

 

Musikalischer Prolog: Lamin Fofana: “The Open Boat” / “And All the Birds Sing Bass” (Hommage an Binyavanga Wanaina)
Film & Dialog: Quinsy Gario & Rudsel Martinus | Ligia Lewis
Moderation: Nathalie Anguezomo Mba Bikoro

Termine

  • Vergangen
    Mi 30.9.2020, 20:00 / HAU1

Spielorte

HAU1
Stresemannstraße 29, 10963 Berlin

Zwei markierte Parkplätze vor dem Haus vorhanden. Zugang zum Parkett über separaten Eingang mit Lift möglich. Behindertengerechte Sanitäranlagen vorhanden.  Zur Anmeldung im Vorhinein wird geraten.

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