Vessel of Love #2

6.–18.10. / HAU1

Heartbreak is at the heart of all revolutionary consciousness. (“We, the Heartbroken”, Gargi Bhattacharyya)

Die “Vessel of Love” bildet das Herzstück des Festivals “Love is a Verb #2”: ein Ort für Begegnungen, Gespräche, Konzerte, Performances und Lectures. Inspiriert von Ursula K. Le Guins “Carrier Bag Theory of Fiction” (Tragetaschentheorie) wird das HAU1 zu einem Gefäß für unterschiedliche Stimmen, Geschichten und Perspektiven. Was brauchen wir angesichts von Faschisierung, Krieg und Klimakrise? Durch gemeinsames Sprechen, Zuhören, Singen und Verweilen unterbricht die Vessel die gesellschaftliche Vereinzelung für einen Moment und schafft einen Raum für Widerstand, Verbundenheit und gegenseitige Unterstützung – und für die Frage, wie wir in einer zunehmend herzlosen Welt füreinander Sorge tragen können.

Im Theater blicken wir meist gemeinsam in eine Richtung: frontal auf die Bühne, Reihe für Reihe, einander den Rücken zugewandt. Mit der Vessel verändert sich auch die gewohnte Ordnung des Theaters: Im HAU1 werden mehrere Stuhlreihen entfernt und durch unterschiedliche Sitzmöglichkeiten ersetzt. So verändert sich die Beziehung zum Raum: Wir blicken nicht mehr nur zur Bühne, sondern können uns einander zuwenden. Den visuellen Bezugspunkt bildet die eigens für die Vessel entstandene großformatige Stoffarbeit “Where Ahriman Whispers…” (2026) der afghanischen Künstlerin Kubra Khademi. Die Arbeit kehrt in die mythologische Landschaft Persiens und Khorasans zurück, um über den eigenen Körper die überlieferten Rollen von Helden, Drachen und Dämonen zu hinterfragen. Der Drache wird zur Manifestation patriarchaler, religiöser und politischer Gewalt – und die Frau, die ihm gegenübersteht, nimmt selbst das Schwert in die Hand und wird zur Drachentöterin.

Eröffnet wird dieser neu gedachte Raum mit einem Konzert von SOAP&SKIN. Einen zentralen Teil des Programms bildet “Politics of Heartbreak”, die künstlerisch-diskursive Reihe der Vessel. In drei Ausgaben fragen wir, was politischer Herzschmerz bedeutet und wie persönliche Gefühle von Verlust, Fremdheit, Trauer und Erschöpfung mit politischen Realitäten verbunden sind. Zum Auftakt gibt es einen verdichteten Doppelabend: Mit international tätigen Autor*innen, Journalist*innen, Aktivist*innen und Künstler*innen sprechen wir über Exil, Krieg, Autoritarismus und Rassismus – und darüber, wie wir trotz all dieser Krisen miteinander verbunden bleiben können. “Politics of Heartbreak #1: Finding Home in Becoming Strangers” wird vom SEYYARE Anatolian Women’s Choir eröffnet. Es folgt eine Keynote der Autorin Ece Temelkuran über den Verlust von Heimat und Demokratie. Im anschließenden Gespräch mit der Journalistin Sham Jaff geht es darum, wie sich persönlicher Herzschmerz in eine Form politischer Verbundenheit verwandeln lässt. Das postdeutsche Künstler*innenkollektiv parallelgesellschaft schließt diesen Teil mit einer musikalischen und politisch-poetischen Intervention. 

Am selben Abend setzt sich die Reihe mit “Politics of Heartbreak #2: Mourning as Resistance” fort. In ihrer Lecture-Performance “Not a Body for Burial” gehen das Kollektiv Rebel-Ist-hah! und Azadeh Ganjeh von einem anonymen Protestvideo aus, um Sichtbarkeit, Verlust und Handlungsmacht zu untersuchen. Anschließend weitet ein von Sham Jaff moderiertes Gespräch mit Azadeh Ganjeh, Simin Jawabreh und Kubra Khademi den Blick auf Widerstand als Trauer über Iran, Palästina und Afghanistan hinweg. Den ganzen Abend über lädt Berlin Tatreez zum gemeinsamen Sticken in der Vessel ein – von der politischen Analyse zurück zu gemeinsamer Erfahrung und Begegnung. 

Am zweiten Festival-Wochenende diskutieren Şeyda Kurt und Alice Hasters in “Politics of Heartbreak #3: How to Keep Going with Broken Hearts?”, wie tragende Gefühle der Verbundenheit und Verletzlichkeit angesichts von Krisen und erstarkendem Autoritarismus zu gesellschaftlicher Widerstandskraft werden können. Den Abend beschließt der Chor D-Dur Dykes* mit lesbischem und queerem Pop und schafft durch das gemeinsame Singen einen Moment kollektiver Verbundenheit. 

Auch die weiteren Abende in der Vessel bewegen sich zwischen persönlicher Erfahrung und politischen Realitäten. In “Before What Came After” verwandelt die renommierte bildende Künstlerin Vlatka Horvat gemeinsam mit internationalen, in Berlin lebenden Künstlerinnen persönliche Fotoarchive in Erzählungen über Migration, Diaspora und alltäglichen Widerstand. Im “Cabaret Heartbreak”, gehostet von Thelma Buabeng und Olympia Bukkakis, reagieren sieben Berliner Künstler*innen mit kurzen Acts auf den titelgebenden Festivaltext “We, the Heartbroken” von Gargi Bhattacharyya und begegnen Zynismus und Erschöpfung mit Witz und radikaler Zärtlichkeit.

Den Abschluss der Vessel bildet die Wedding Ceremony der queer-feministischen Künstlerinnen Annie Sprinkle und Beth Stephens. Mit ihrem Film “Playing with Fire – An Ecosexual Emergency” und dem gemeinsamen “Ecosexual Wedding Ritual to Fire” verwandeln sie Verlust und Feuer in eine ökosexuelle Liebeserklärung an die Erde.

Also: Gerade wenn du heartbroken bist, komm in die Vessel of Love! Wir sind da – und wir sind nicht allein.

Termine

Foto: Kubra Khademi

“Love is a Verb #2” ist ein Festival des HAU Hebbel am Ufer. Gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes. Gefördert vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.