Spielplan

Nyabinghi Lab

Freistaat Barackia: Landscapes of Liberation

Kuratiert von Nyabinghi Lab (Nathalie Anguezomo Mba Bikoro, Saskia Köbschall, Tmnit Zere) und Adam Bahar

DialogMusikPerformance

Deutsch / Englisch / ca. 180 Min.

Nyabinghi Lab präsentiert im HAU ein performatives und diskursives Programm und lässt sich dabei von dem unabhängigen Freistaat Barackia inspirieren, der vor 150 Jahren in Berlin von migrantischen Arbeiter:innen und entrechteten Stadtbewohner:innen gegründet wurde und sich vom Kottbusser Tor bis zur Hasenheide erstreckte. Das Programm erkundet die Geschichte der Land- und Raumbesetzungen und der unabhängigen Gemeinschaften, indem es sie als Laboratorien der Kämpfe der Arbeiterklasse und der antikolonialen und antirassistischen Bewegungen betrachtet. Darüber hinaus widmet es sich der globalen Verflechtung der vermeintlich lokalen Barackia-Geschichte und verknüpft sie mit vergleichbaren Bewegungen weltweit. Die Besetzung des Oranienplatzes (2012–2014) im Zuge der Demonstrationen für die Rechte von Geflüchteten in Berlin und die Quilombos – unabhängige Gemeinschaften ehemaliger Versklavter in den Amerikas – sind nur einige der Geschichten, die einem Dialog zwischen den lokalen und den internationalen, den historischen und den aktuellen Kämpfen für Gleichberechtigung und Gerechtigkeit mithilfe der Aneignung von Räumen und der Gemeinschaftsbildung zugrunde liegen. Die zweitägige Veranstaltung im HAU bildet den Auftakt des Projekts “Freistaat Barackia − Landscapes of Liberation”, das mit Interventionen im öffentlichen Raum (in Form von drei “Tiny Houses” und Installationen rund um das Kunstquartier Bethanien, in denen eine Reihe von Vorträgen, Performances, Konzerten, Workshops und Beratungen stattfinden werden) ab dem 22. Oktober 2021 und einer Ausstellung im Kunstraum Bethanien ab dem 12. November 2021 fortgesetzt wird.

Nyabinghi Lab kuratierte im September 2020 “Radical Mutation: On the Ruins of Rising Suns”, das zehntägige Eröffnungsprogramm für das umgestaltete HAU1.

 

PROGRAMM

Samstag, 9.10.

19:00, HAU1
Einführung Nyabinghi Lab & Adam Bahar

 

19:15–19:30, HAU1
Mansour Ciss Kanakassy
Factory of the Future
(Film-Screening / Performance)

Der renommierte Künstler Mansour Ciss Kanakassy widmet diese Performance der Geschichte des “Village des Arts” in Dakar (Senegal), einem Ort, der 1973 vom legendären Kunstkollektiv Laboratoire Agit'Art besetzt wurde. Kanakassy gehörte zur jüngeren Generation des Kollektivs, das sich zum Ziel gesetzt hatte, die künstlerische Produktion neu zu beleben und die institutionellen Rahmenbedingungen und insbesondere die Philosophie der Negritude zu kritisieren. Die Gruppe bestand aus Künstler:innen, Schriftsteller:innen, Filmemacher:innen, Performance-Künstler:innen und Musiker:innen, wobei Youssouf John, Issa Samb und Djibril Diop Mambéty zu den zentralen Figuren gehörten. Sie versuchten, sich von der Sprache des etablierten akademischen Kanons zu befreien, indem sie sich einer Zusammenstellung von Bildern und Objekten aus der Alltagskultur zuwandten, und prägten die Kunstszene und den Stadtraum von Dakar nachhaltig. Das Laboratoire Agit'Art kritisierte offen die Regierung Senghors und insbesondere ihre Verstrickungen mit Frankreich, woraufhin die Armee das Kollektiv 1982 aus seinem besetzten Gebäudekomplex vertrieb. Mit der gewaltsamen Räumung des “Village des Arts” vernichtete der Staat die gesamte Infrastruktur der Kunst im Senegal. Mansours Performance erforscht die Komplexität dieser Räumung und ihre historischen und aktuellen Auswirkungen und verwebt sie mit der Weltpolitik, Erzählungen von Migration und ethnologischen Sammlungen.


19:30–20:15,HAU1
MIMIMI-space
(mit Cintia Rangel, Kalil Joigny, Exocé Kasongo, NSHK, Eurico Ferreira, Ricardo de Paula)
Present Body # Fragments (Performance / Tanz)

“MIMIMI-space” ist ein experimentelles, interdisziplinäres Format, das einen Raum für die künstlerische Auseinandersetzung mit Rassismus schafft, ein Labor für Selbstreflexion und Heilung. Im Zentrum des Projekts steht der Schwarze Körper mit seiner eingeschriebenen Geschichte, seinen Erinnerungen und Erfahrungen. Quilombismo, ein Konzept der Solidarität, dient als Hauptinspiration für das Projekt. Es stützt sich auf Abdias do Nascimentos Begriff des Quilombismo: Unter Rückgriff auf die historischen Erfahrungen der Quilombos (Gemeinschaften ehemals versklavter Menschen in Amerika) argumentiert er, dass Beispiele gelebter Solidarität allgegenwärtig sind, und entwirft das Idealbild einer alternativen freien und demokratischen Solidargemeinschaft, in der Schwarze Menschen ihre Freiheit und Menschenwürde wiedererlangen. In diesem Sinne entwickeln die an MIMIMI-space beteiligten Künstler:innen, Aktivist:innen und Forscher:innen gemeinsam künstlerische Formate.

“Present Body” ist eine immersive Cello- und Tanzimprovisation, ein tänzerisches Statement zur Situation und Repräsentation Schwarzer Körper in Kunst und Gesellschaft und ein Beitrag zu deren Dekolonisierung. Elemente der Live-Improvisation sind wichtige Daten der Schwarzen Bewegung, die Namen und damit die Erinnerung an die Opfer rassistischer Morde sowie Fragmente der Choreografie von “CLEANSE/NU”, die den Weg zur Heilung und in die Zukunft weisen. Sowohl in der Musik als auch im Tanz entstehen neue Verbindungen und Möglichkeiten, und die Kraft der Veränderung wird deutlich. Verstehen Sie die Vergangenheit, tanzen Sie die Gegenwart und träumen Sie die Zukunft auf Ihre eigene Weise!

 

Pause

 

20:30–21:15,HAU1
Thelma Buabeng & Nuuki
Tell me Nothing from the Horse
(Performance / Comedy / Musik)

Gladys, Annemie, Vivian, Mary-Jo und Naomi kommen am 9.10. ins HAU Hebbel am Ufer und mischen den Diskurs rund um Gentrifizierung, Hausbesetzungen und Safer Spaces auf. In ihrem Comedy-Projekt “Tell Me Nothing From The Horse” erfasst die Schauspielerin Thelma Buabeng die Komplexität Schwarzer Lebenswirklichkeiten in Deutschland und entwirft eine eindringliche Gesellschaftssatire. An diesem Abend lässt Buabeng ihre Figuren über die Kämpfe für soziale Gerechtigkeit im urbanen Raum sinnieren und mit Corona Skeptiker:innen abrechnen. Begleitet wird sie von der Soulpop Singer-Songwriterin Nuuki.  

 

Ab 17:00, HAU4
Fetewei Tarekegn
Minority Report (Podcast)

 

Sonntag, 10. Oktober

19:00–19:15, HAU1
Elsa Mbala
Refugee Sound Archives
(Musik)

Elsa M'Bala alias A.M.E.T. ist eine Klangkünstlerin, die Live-Podcasts als eine Mischung aus DJing und Live-Radiosendungen macht, in denen Feldaufnahmen und Interviews live mit einem Publikum geteilt werden. Sie verstärkt ihre einzigartige Stimme und thematisiert Narrative von Inklusion und Sichtbarkeit. In “Refugee Sound Archives” greift sie die Stimmen und Feldaufnahmen der Flüchtlingsproteste der Besetzungen des Oranienplatzes und der Gerhart-Hauptmann-Schule auf und verstärkt sie zu einem Klangstück. 

 

19:15–20:30, HAU1
Panel mit Adam Bahar, Jennifer Kamau (IW*S), Fetewei Tarekegn,
Niloufar Tajeri (Initiative Hermannplatz) und Hamze Bytyci


Das Podiumsgespräch lädt Vertreter:innen des Berliner Refugee Movements, der Initiative Hermannplatz und der Sinti:zze und Roma:nja-Community ein, über die Geschichte von Land- und Raumbesetzungen, unabhängige Communities als Laboratorien von Arbeiter:innenklasse und antikolonialen und antirassistischen Kämpfen zu reflektieren. Nächstes Jahr ist das zehnjährige Jubiläum der Besetzung des Oranienplatzes (2012-14) und der Gerhart-Hauptmann-Schule als Folge des Refugee March of Rights auf Berlin, die eine der wichtigsten Protestbesetzungen in der Geschichte Berlins war. Dieses Panel lädt zu einem Dialog zwischen lokalen und internationalen, historischen und gegenwärtigen Kämpfen für Gleichheit und Gerechtigkeit durch die Beanspruchung von Raum und die Bildung von Gemeinschaft ein.

 

Pause

 

20:45–21:30, HAU1
FOKN Bois (M3NSA, Wanlov the Kubolor)
Konzert / Performance

FOKN Bois sind die subversiven Satiriker an der Spitze der ghanaischen Hiplife-Bewegung − spielerisch provokant, ernsthaft witzig und genreübergreifend. “Gospel Porn” − ja, so nennt das Duo FOKN Bois ihren Genre-sprengenden Sound. Die Zwei-Mann-Crew, bestehend aus M3nsa, Sänger, Produzent und Songwriter, und Wanlov The Kubolor, dem selbsternannten “Gypsy Prince of Pidgin Rap", kreiert einen eher unkonventionellen Mix aus Hiplife, Afro-Techno, Pidgin Rap und Dub. Mit einer gehörigen Portion Humor, Selbstironie und Satire mischen die beiden seit 2006 die Rapszene des Kontinents auf. Beide sind einflussreiche Figuren in der ghanaischen Musikszene und haben sich durch ihren bahnbrechenden Pidgin-Musikfilm “Coz Ov Moni” (Because Of Money) und dessen Fortsetzung “Fokn Revenge”, in dem ihre Abenteuer auf humorvolle Weise die wahren Kämpfe junger Ghanaer:innen von heute beleuchten, eine große Fangemeinde erspielt. Bei ihren Live-Auftritten haben sie ein zusätzliches Mitglied, Andras Weil, der Keyboarder ist und bei den Auftritten Regie führt.

 

Ab 17:00, HAU4
WeAreBornFree Empowerment Radio Session Podcast

WeAreBornFree! Empowerment Radio (We!R) ist ein unabhängiges Radioformat, das im Zuge des deutschen Geflüchtetenwiderstandes entstanden ist. Es zielt darauf ab, regionale soziale Kämpfe in einer antikapitalistischen Plattform zu vernetzen, die sich auf den selbstorganisierten Kampf von Migrant:innen weltweit konzentriert, mit besonderem Augenmerk auf die Kämpfe von Refugee Women*, LGBTIQ und anderen marginalisierten Gruppen. Für "Freistaat Barackia: Landscapes of Liberation" produzieren sie einen Podcast, der sich mit der Geschichte und den aktuellen Auswirkungen der Besetzung des Oranienplatzes und der Gerhart-Hauptmann-Schule durch die Bewegung und dem andauernden Kampf für Gleichberechtigung beschäftigt. 

Termine

  • Vergangen
    Sa 9.10.2021, 19:00 / HAU1 + HAU4
    So 10.10.2021, 19:00 / HAU1 + HAU4

Credits

Produktion: Nyabinghi Lab (Tmnit Zere, Nathalie Anguezomo Mba Bikoro, Saskia Köbschall) und Adam Bahar. Koproduktion: HAU Hebbel am Ufer. Gefördert durch: Hauptstadtkulturfonds.

Spielorte

HAU1
Stresemannstraße 29, 10963 Berlin

Zwei markierte Parkplätze vor dem Haus vorhanden. Zugang zum Parkett über separaten Eingang mit Lift möglich. AKTUELL IST DER FAHRSTUHL LEIDER DEFEKT. Behindertengerechte Sanitäranlagen vorhanden. Zur Anmeldung im Vorhinein wird geraten.

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