Spielplan

Eine Hommage an Mata Hari: The Feminist The World Wasn't Ready For

Im Rahmen des Festivals “Utopische Realitäten – 100 Jahre Gegenwart mit Alexandra Kollontai”

Musik

Frankreich 1917, Vincennes, an einem eiskalten wie düsterem Morgen, draussen auf einem Feld, vor einem Eishügel. Weder mit verbundenen Augen, noch gefesselt steht eine Frau in eleganter, schwarzer Kleidung. Sie ist ganz ruhig und still. Einige Sekunden später wird sie mit nur einem treffenden von zwölf auf sie zielenden Schüssen hingerichtet. Sie sinkt ganz langsam auf ihre Knie und fällt vorn über. Sie gibt keinen Laut von sich. Die vermeintliche Doppelagentin mit dem Decknamen H 21 ist die niederländische, aus der Mittelschicht stammende, zweifache Mutter Margaretha Geertruida Zelle. Wer, wenn nicht sie lebte Alexandra Kollontais Glass-Wasser-Theorie in vollen Zügen. Lieben, wie ein Glas Wasser trinken  – oder eben Vodka! Pleasure Politics. Als Kurtisane und professionelle Laientänzerin wählte Zelle die Verführung und das Spiel mit den kolonialen Phantasmen ihres Publikums als Strategie der Repräsentation. Ihr jahrelanger Aufenthalt in Java lieferte ihr das Material dafür. Weniger nüchtern und verhängnisvoller als ihre literarische Zeitgenossin Kollontai, spielte Zelle als Mata Hari, als Auge des Tages (jav. Sonne), gekonnt mit der Macht des Blickes und der Projektion, um ihren tief in ihr brennenden Wunsch nach Unabhängigkeit zu erfüllen.

Margareta Geertruida Zelle, Marguerite Campbell, Lady Gretha MacLeod und schließlich Mata Hari. Die eigene Biografie zu entwerfen oder sich gar immer wieder neu zu erfinden, war vor hundert Jahren nicht so leicht, wie ein Glas Wasser zu trinken. Trotzdem schaffte Mata Hari es, als niemals ausgebildete Tänzerin zum Jet-Set Bühnenstar Europas. Sie pries Salomé als Ahnin, inspirierte die akademische Ausdruckstänzerin Mary Wigman und erhielt mit stolzen 36 Jahren eine Audienz bei Sergej Djagilews Elitekader, dem legendären Ballet Russes. Nackt trat sie nie auf. Als Mythos hat Mata Hari nach ihrem Tod Generationen inspiriert. Heute finden wir Fotos im Internet verschiedenste Variationen und Interpretationen M.G. Zelles selbstinszenierten Biografie. Entsteht die Realität nicht immer zusammen mit der sie beobachtende Instanz?

Margaretha Geertruida Zelles Leichnahm wurde seziert und ihr Kopf in Wachs konserviert. Im Jahr 2000 verzeichnete das Musée Dupuytren in Paris den Schwund ihres mummifizierten Kopfes. Es wird gesagt, ihr Kopf wurde Studierenden als Unterrichtsmaterial zur Verfügung gestellt - und dann im Müll entsorgt.

Für die Teilchenphysikerin Karen Barad gibt es keine Auslöschen von Ereignissen sondern nur ständige Rekonfigurierungen von Raum, Zeit und Materie. Das Universum lagert die Erinnerung eines jeden Momentes, es ist selbst die Erinnerung aller sich überlagernder Materialisierungen. Sogar Moleküle und Teilchen erinnern sich, was ihnen passiert ist, das was wir unbelebt nennen ist in der Realität doch sehr leibhaftig und lebendig.
 

Der Soundtrack zu dem Film‚ How Mata Hari Lost Her Head and Found Her Body‘ von Julian Lynhc dient der Plattensammlern, Hobbytänzerin und Dj Ultraviolett als ästhetischer Ausgangspunkt. In ihrer kuratorischen Projektreihe The Hum untersucht Ultraviolett sonst erlebnisbezogene Parameter von Phänomenen an der Schnittstellle von Sound und Tanz. Für die Hommage á Mata Hari begibt sich Ultraviolett über Karen Barads philosophischen Methodenrahmen des Agential Realism in eine Welt in der Zeit, Materie, Ursache und Wirkung durcheinanderwirbeln und sich überlagern. Projektion, Reflektion, Diffraktion: „M.G. Zelle’s translocal entanglements diffracted through blacklight“. Mata Haris tranlokale wie biografische Verwicklungen untersucht Ultraviolett anhand Barads Methode der Diffraktion anstatt der Reflektion. In ihrem Bruch wird das Spezifische jeder materiellen Verwicklung deutlich. Musikalische Stücke aus allen Zeitebenen prallen auf Soundspuren, intra-agieren miteiander, verquicken sich ohne jemals ein Einzelnes zu werden. Nicht Eine sondern Viele. Ahninnen, Zeitgenossinen, Erbinnen und neue Role Models werden Teile einer neuen Lesart von Marta Haris spektatulären Verwicklungen.
 

(Text: Christin Bolte)
Ultraviolett DJ "Diggin the Sea, Merissa, Justin, Matthew, Christian and Ian"

Termine

  • Vergangen
    Sa 21.1.2017, 22:00 / HAU2

Spielorte

CAN
Hallesches Ufer 34, 10963 Berlin

Zugang ebenerdig. Behindertengerechte Sanitäranlagen vorhanden.

HAU2
Hallesches Ufer 34, 10963 Berlin

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