Un|Controlled Gestures – 4th Edition

Ahmed Ben Abid, Christophe Al Haber, Dana Amer, Emran Alamareen, Hadir Nached, Moayed El Ghazouani, Momen Nabil

  • Performance
  • Tanz
ca. 130 Min.

Seit 2022 findet das Projekt “Un|Controlled Gestures” am HAU Hebbel am Ufer statt. Die vierte Ausgabe versammelt neue Arbeiten von sieben Choreograf*innen aus Ägypten, Jordanien, dem Libanon, Syrien und Tunesien. Nach Residenzen in Kairo, Dresden und Berlin gibt das HAU erstmals Einblicke in ihre Performances im Entstehungsprozess. Im Zentrum steht das Thema Erschütterung: Die Künstler*innen suchen nach einem tänzerischen Vokabular rund um das Zittern und Beben (“trembling”) – als körperlicher Ausdruck politischer, sozialer und persönlicher Erfahrungen.

Die entwickelten Arbeiten speisen sich aus persönlichen wie kollektiven Erinnerungsschichten. Sie eröffnen individuelle künstlerische Suchbewegungen und erforschen zugleich Quellen von Stärke, Verletzlichkeit, Poesie und Widerstand. In einem performativen Prozess werden diese Kräfte aufgegriffen, verschoben und radikal transformiert.

“Un|Controlled Gestures” versteht sich als Plattform für choreografische Arbeiten im zeitgenössischen Tanz, die sich mit Körperpolitik und -poetik sowie mit intimen und kollektiven Erinnerungen auseinandersetzen – Erinnerungen, die über das Bekannte und Dokumentierte hinausreichen. In der Jury der sieben ausgewählten Projekte waren für diese Edition Nedjma Hadj Benchelabi, Ghada El-Sherbiny, Petra Poelzl und Samaa Wakim.

Zudem zeigt das HAU am 19. und 21. April Arbeiten von Samaa Wakim und Islam Elarabi, welche die getourten und noch immer tourenden Arbeiten “Losing It” und “Just One Tile” im Rahmen von “UnControlled Gestures” erarbeitet haben.

Programm

23.4.
Christophe Al Haber
Momen Nabil

24.4.
Ahmed Ben Abid
Intermission
Emran Alamareen
Dana Amer

25.4.
Hadir Nached
Intermission
Moayed el Ghazouani

 

Ahmed Ben Abid
“Unknown Sea – كيف سأخبر البحر أننا نغرق على اليابسة”
“Unknown Sea” zeichnet die Reise eines Körpers zwischen Widerstandskraft und Hoffnung nach. Ahmed Ben Abid nutzt sich wiederholende alltägliche Gesten, dehnt diese aus und verwandelt sie, während Stimmfetzen und ferne Rufe den Raum durchdringen. Die Arbeit behandelt Präsenz und Abwesenheit – im intimen Innenraum einer Familienküche wie an einer spannungsgeladenen Staatsgrenze. Der Performer wendet sich denen zu, die zurückbleiben, während flüchtige Gestalten auftauchen und sich wieder auflösen: Einige gehen hindurch, andere gehen fort, manche verschwinden gänzlich. In dieser bewegten Landschaft sucht der Körper nach einer Richtung und einem Ort, an den er gehört.

Choreografie und Interpretation: Ahmed Ben Abid
Residenzförderung: L’ArtRue Dar Bachhamba Residency (Tunis, Februar 2026) und RedSapata / Sonnenstein Loft Residency (Linz, Januar 2026)


Christophe Al Haber
“To Remain – ليبقى”
Ein Körper, geformt von Trauer und Wut, sucht nach Überlebensstrategien in einer sich überschlagenden Welt. Reflektierend, wie der Körper unter Kontrolle, Repressionen und unsichtbaren Systemen von Autorität und Macht geformt wird, markiert der Performer langsam den Raum des eigenen Eingeschlossenseins auf der Bühne. Innerhalb dieses begrenzten Rahmens wird der Körper zum Subjekt, aber auch zum Territorium. Er komprimiert sich, passt sich an, leistet Widerstand. Er lernt, wann er sich zusammenziehen, wann er sich ausdehnen und wann er stillstehen muss. Um zu überleben, unterwirft sich der Körper Routinen, Wiederholungen und auferlegten Systemen. Erschöpfung ist nicht mehr eine Folge, sondern ein Dauerzustand.

Konzept, Choreografie, Performance: Christophe Al Haber
Unterstützung beim Sounddesign: Ahmed Ben Abid
Dank an: Amalgam Studio (Beirut)


Dana Amer
“Nice to smell you”
Es sind plötzlich auftauchende Gerüche, die bei der Performerin in “Nice to smell you” überwältigende Rückblenden einer Vergangenheit auslösen, der sie zu entfliehen versucht. Eine Solo-Performance über einen erschöpften, von Anspannung erfüllten Körper, der wiederholt, widersteht und sich anpasst, auf der Suche nach einer Möglichkeit, sich in einer sich ständig verändernden Realität einzufinden – zu Klängen, die diesen Zustand begleiten: Das Stimmen von Instrumenten im Konservatorium von Damaskus, das Zerbrechen von Glas nach der Explosion im Hafen von Beirut. Die Performerin wird in ungewollte Reisen hineingezogen, in denen die Erinnerung beharrt und sich weigert zu verschwinden. Zwischen Disziplin und der Schwierigkeit des Loslassens trägt sie etwas, dem sie nicht entkommen kann.

Soundtrack : “The Key to Exit” by Deena Abdelwahed 
Dank an: Alina Amer.

Emran Alamareen
“Believing the told, belying the perceiver – تصديق الخبر وتكذيب النظر”
In diesem Solo zeichnet Emran Alamareen eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart der beduinischen Lebenskultur nach. Durch Bewegung beschwört er die Widerstandsfähigkeit des Zeltes, die Beharrlichkeit des Feuers und den Sog des Ostwindes herauf. Echos des Nomadenlebens tauchen auf und verblassen. Aus gelebter Erinnerung und überlieferten Gesten schöpfend, verkörpert  das Werk “Dhe’een” – die zyklischen Reisen saisonaler Karawanen –, bei denen sich der Körper mit dem Land bewegt, statt nur darauf.

Music: Beduinen in Al-Mreigha, Südjordanien – 1990er Jahre (vollständige Folge) 
Produktion: Jordan Television
Regie: Ali Abu Jneib Al-Fayez, Shaher Al-Hadid
Dank an: Ryuji Yamaguchi


Hadir Nached
“غَزل (Ghazl)”
“Alles begann mit dem Blick meiner Mutter, aber dort hörte es nicht auf.” In “Ghazal” verfolgt Hadir Nached den Blick von seinem Ursprung in Kindheitserinnerungen bis in die verschiedenen Ebenen des Beobachtetwerdens. Dort beginnen die fragilen Grenzen zwischen dem Persönlichen und dem Kollektiven zu verschwimmen. Die Performance folgt aufmerksam einem Körper, der durch Rituale gelernt hat, unter wachsamen Augen zu existieren. Sie wird getragen von einer hochsensiblen Körpersprache, geprägt von Verletzlichkeit und spannungsvollen Wiederholungen, und entlädt sich in Stille: Der Körper verändert sich mit dem Atem und der Begrenzung, die ihm durch den Blick auferlergt wird.

Konzept, Text, Choreografie, Performance: Hadir Nached
Mit (Video und Sound): Zeinab El Sheikh
Videografie: Özge Tuncali, Abd El Rahman Nached 
Sounddesign: Abd El Rahman Nached. 
Dank an: Georgia Moffa, Omar el Taweil, Radek Lukasik


Moayed el Ghazouani
“Thor” – ثور
Gefangen zwischen dem Schlamm des Medjerda-Flusses in Tunesien und einer grünen Mondfinsternis wird der Körper zum Gefäß für die Arboun-Rhythmen und Tabbal Jendouba – ein traditionelles tunesisches Schlaginstrument. Moayed El Ghazouani erkundet den Raum zwischen anthropologischer Geschichte und persönlichem Verlust und bewegt sich dabei von Ahnenritualen hin zu komplexen Emotionen Leben und Tod gegenüber. “Thor” bedeutet im tunesischen Dialekt “Stier” und wird hier zu einer choreografischen Reise der Erschöpfung und des poetischen Zusammenbruchs – ein performativer Akt der Archivierung der Gegenwart für eine Zukunft, die noch geschrieben werden muss.

Konzept, Choreografie, Performance: Moayed Elghazouani 
Sounddesign: Molka Chaaben, basierend auf Originalaufnahmen von Walid Mediouni und Mounir Kazziza
Musik: Nasreddine Chorfi – Tir el borni
Residenzförderung: Massari & Al Badil (Tunesien)


Momen Nabil
“What Her Hands Remembered”
Figuren mit Geweihen stehen in verschiedenen Kulturen für zyklische Erneuerung. Die keltische Gottheit Cernunnos und Herne, der Jäger, bewegen sich zwischen Leben und Tod. Auf der Suche nach dem zerbrechlichen Puls des Lebens ist diese Arbeit eine Verhandlung mit der Zerstörung. Von Fragilität ausgehend, verbirgt sie den Verfall nicht, sondern arbeitet in ihm. Fleisch trifft auf scharfe Kanten und auf Schönheit, die im Schmerz existiert. Berührungen und Stöße suchen nach Beweisen für das Existieren und prüfen das Leben an seinen Grenzen. Geweihe wachsen, fallen ab und wachsen wieder. “What Her Hands Remembered” sucht nach Leben im Zerbrechlichen: Es besteht darauf, zu bleiben, auch wenn es nur noch ein kleines bisschen länger ist.

Musik: Farida Gasser
Inspiration für die Zweige: Safaa Sherif
Besonderer Dank an: Karima Mansour, Youssef Salah, Nabil Bakry, Menna Nabil und Pablo de Echevarria
 

Team

Mentor*innen: Nedjma Hadj Benchelabi (Kuration & Dramaturgie), Ali Chahrour (Performance & Choreografie), Annegret Schalke (Licht), Youssra El Hawary (Ton)

Termine

Vergangen
  • Do 23.4.2026, 19:30 / HAU3
  • Fr 24.4.2026, 19:30 / HAU3
  • Sa 25.4.2026, 19:30 / HAU3

Preis: 15 €, ermäßigt 9 € 
Kombi-Ticket: 3 Vorstellungen für 30 €, ermäßigt 20 €

Im Anschluss an die Vorstellung am 25.4.: Break @WAU
 

Credits

“Un|Controlled Gestures – 4th Edition” ist eine Initiative der Goethe-Institute in Nordafrika und dem Nahen Osten in Kooperation mit HAU Hebbel am Ufer und HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste (Dresden), kuratiert von Nedjma Hadj Benchelabi.

Spielorte

HAU3
Tempelhofer Ufer 10, 10963 Berlin

Das HAU3 ist leider nicht barrierefrei. Das Theater ist über das Treppenhaus erreichbar (3. Stock). Damit wir unter diesen Gegebenheiten optimalen Service bieten können, wenden Sie sich bitte an unser Ticketing- & Service-Team unter +49 (0)30 259004-27 oder per Email an tickets@hebbel-am-ufer.de.

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