Candice Breitz

A Song for Esther

  • Musik
  • Performance
Englisch /  mit deutschen Übertiteln / 

Welche Handlungsmöglichkeiten haben Künstler*innen und Musiker*innen in Zeiten von Völkermord und Unterdrückung? Ein Jahrhundert nach der Geburt der Holocaust-Überlebenden Esther Bejarano reflektiert dieses konzeptionelle Konzert die anhaltende Wirkung ihres widerständigen Vermächtnisses – sowohl als Aktivistin als auch als Musikerin – für die Gegenwart.

“A Song for Esther” ist ein Akt des Gedenkens, der die Abwesenheit von Esther Bejarano markiert – ein vergängliches Mahnmal in Form eines Konzerts. Auf Einladung der Künstlerin Candice Breitz würdigt ein außergewöhnliches Line-up von Musiker*innen die unermüdliche antifaschistische Aktivistin und Musikerin:

Neben Breitz werden am Abend Lie Ning, Rasha Nahas, Polly Ott, Aeham Ahmad, Lili Sommerfeld, Dejan Jovanović + Oana Cătălina Chiţu, Die Anstalt, Lurje Judelman Shneyveys und das Sialan String Quartet auftreten. Als besondere Gäste des Abends werden Joram Bejarano und Kutlu Yurtseven von der Hip-Hop-Band Microphone Mafia dabei sein, die über tausend Konzerte mit Esther gespielt hat – das letzte davon nur wenige Wochen vor ihrem Tod im Alter von 96 Jahren.

Esther wurde 1924 als Tochter einer jüdischen Familie im Saarland geboren. Im Alter von 18 Jahren wurde sie nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Sie begriff kurz nach ihrer Ankunft, dass die brutale Schwerstarbeit, zu der sie gezwungen wurde, ganz auf ihre Auslöschung abzielte. Als sie für die Mitwirkung im “Mädchenorchester” des Vernichtungslagers vorgeschlagen wurde, sah sie eine Möglichkeit, dem sicheren Tod zu entkommen.

Wie Esther später erklärte, verdankte sie ihr Überleben letztendlich dem Umstand, dass sie der Dirigentin des Orchesters ein bestimmtes Lied vorspielen konnte. Während der unvorstellbar düsteren Aufnahmeprüfung sollte sie beweisen, dass sie den zuckersüßen Kriegsschlager “Bel Ami” auf dem Akkordeon beherrschte, einem Instrument, das sie noch nie zuvor gespielt hatte. Aus purer Verzweiflung quetschte Esther mithilfe ihrer Klavierkenntnisse das eingängige Lied aus dem Akkordeon.

Nach dem Holocaust wollte Esther siebzig Jahre lang nichts von “Bel Ami” wissen. Gegen Ende ihres Lebens kehrte sie jedoch – zur Überraschung vieler – zu dem Lied zurück und nahm es in ihr Repertoire für Hunderte von Konzerten auf. Auf die Frage, warum sie immer wieder zu diesem zutiefst traumatischen Moment zurückkehrte, der ihr Schicksal bestimmt hatte, beschrieb Esther ihre Darbietung von “Bel Ami” als einen “Akt der Rache”. Für sie war das Lied ein Symbol dafür geworden, dass sie die albtraumhafte Erfahrung, von Nazi-Deutschland buchstäblich instrumentalisiert worden zu sein, überwunden hatte.

Angesichts des weltweit erstarkenden Faschismus bietet “A Song for Esther” einen flüchtigen Ort für verkörperten Widerstand. Am Abend des Konzerts werden alle beteiligten Musiker*innen und Bands einen einzigen Song spielen, der nichts mit ihrem üblichen Repertoire zu tun hat. Als Künstler*in kann man sich das Instrument oder das zu spielende Lied nicht immer aussuchen. Und doch birgt der Moment der Aufführung ein politisches sowie ein kreatives Potenzial. 

“A Song for Esther” wurde im Dialog mit der Familie Bejarano geplant.

Termine

Aktuell
  • Sa 6.6.2026, 19:30 / HAU1
  • So 7.6.2026, 19:30 / HAU1

Preis: 17–29 €, ermäßigt 9–20 €

Credits

Produktion: Candice Breitz. Koproduktion: Kampnagel, Stadtkuratorin Hamburg. Gefördert im Rahmendes Bündnisses internationaler Produktionshäuser durch den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien. Unterstützt von: Ilse und Dr. Horst Rusch-Stiftung.
 

Spielorte

HAU1
Stresemannstraße 29, 10963 Berlin

Zwei markierte Parkplätze vor dem Haus vorhanden. Zugang zum Parkett über separaten Eingang mit Lift möglich. Barrierefreie Sanitäranlagen vorhanden.

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